Nach nur einer Stunde war es geschafft, es wurden letztlich sechs Kätzchen.
Foto: ddp/abaca press

BerlinDer Tierarzt konnte uns nicht sagen, wie viele Kätzchen es werden würden. Aber wahrscheinlich drei. Hatten die denn hier keinen Ultraschall?

Das sei nicht nötig, sagte der Tierarzt. Aber was könnte ich denn tun, wenn ein Notfall eintreten würde? Er lächelte mich an, in seinen Augen ein Anflug allwissender Arroganz: „Katzen machen das ganz alleine, ob Kopf oder Arsch zuerst. Da gibt es keine Notfälle. Das läuft nicht wie hier in Prenzlauer Berg, wo die Frauen ihre Babys mit dem Kopf bekommen.“

All das fand er offensichtlich total witzig. Ich wollte sogleich zu einem Wissensgegenschlag ansetzen, ließ es dann aber doch bleiben. Meine dicke Miezekatze Amanda und ich verließen die Praxis. Wir kehrten nie wieder zurück.

Mit stiller Leichtigkeit stieß sie die Jungen heraus

Ein paar Tage später machte Amanda einen kleinen Ausflug in die Nachbarschaft. Als sie zurückkam, wartete ich, ganz Fachfrau, auf die ersten Anzeichen des Katzenglücks. Sie war zunehmend runder und hungriger geworden. Der Geburtstermin war jedoch vage. Irgendwann im Mai sollte es so weit sein. Routiniert untersuchte ich ihren dicken Bauch.

An einem Nachmittag im Mai war es dann schließlich so weit. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, was passierte. Eine Geburt. Ich war so aufgeregt. Amanda suchte sich zum Gebären einen Platz im Zimmer meiner Tochter aus, direkt neben dem Meerschweinchen-Stall.

Sie stemmte sich mit den Hinterpfoten kräftig und laut schnurrend gegen die Wand, unterbrochen von einem Geräusch, das ich vorher noch nie gehört hatte. Sie war hochkonzentriert und unglaublich kräftig. Mit einer stillen Leichtigkeit drückte sie das erste kleine Kätzchen aus sich heraus. Es lag neben ihr, von der Fruchtblase komplett umhüllt. Eine Glückshauben-Katze! Amanda tat aber erst einmal gar nichts.

Nach gefühlten Minuten biss sie geschickt die Fruchtblase auf und begann das kleine Kätzchen abzulecken. Doch es bewegte sich nicht, es war keine Regung zu sehen. Ich wollte schon eingreifen und Reanimationshilfe leisten, da zappelte das kleine Ding doch noch und versuchte, so etwas wie einen ersten Schrei von sich zu geben.

Wieder eine Glückshauben-Katze

Kurz darauf biss Amanda die Nachgeburt mit ihren spitzen Zähnen durch und schob sie zur Seite. Das nächste Kätzchen kam in wenigen Minuten hinterher. Wieder eine Glückshauben-Katze. Was für ein Zufall, dachte ich.

Nach dem fünften Kätzchen verstand ich, dass alle Mini-Katzen in der Fruchtblase geboren werden. Nach nur einer Stunde war es geschafft, es wurden letztlich sechs Kätzchen.

Wir müssen reden

Wie und unter welchen Umständen man geboren wird, kann man selbst nicht kontrollieren. Und wie man stirbt in den meisten Fällen auch nicht. Während fast alle unserer Lebensbereiche heute kontrolliert und durchorganisiert sind, entziehen sich die beiden existenziellsten Ereignisse in unserem Leben weitgehend der Kontrolle.
Um genau diese Ereignisse soll es in dieser Kolumne gehen. Sie heißt „Leben & Sterben“, und sie wird abwechselnd von zwei Menschen geschrieben, die sich beruflich damit befassen: von der Hebamme Sabine Kroh und dem Bestatter Eric Wrede.

Was für ein Dilettant dieser Herr Tierarzt doch war. Amanda kam zuweilen kaum hinterher mit dem Zerbeißen der Nabelschnüre und dem Ablecken ihrer Babys. Die Plazenten und das wenige Blut, das vergossen worden war, wurden bis auf das kleinste Fitzelchen aufgegessen.

Ich hatte mich auf eine gründliche Reinigung des Geburtsortes und die Entsorgung der vorausgesagten drei Plazenten eingestellt. Erst später las ich, dass die Katzenmamas ihre Plazenten immer aufessen. Grund hierfür ist nicht, eine bessere Rückbildung zu haben, wie es im Kreißsaal oder im Wochenbett üblich ist.

Die Autoren

Sabine Kroh

.. ist Jahrgang 1969, stammt aus Dresden und hat mehr als 25 Jahre Berufserfahrung als freie und festangestellte Hebamme. Sie arbeitete als Hebamme nicht nur in Deutschland, sondern auch in Mexiko, Guatemala, England und Tanzania.

2016 gründete sie das Online-Portal call a midwife, das Frauen zu allen Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt berät.

Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter.

Eric Wrede

... wurde 1980 in Rostock geboren, studierte Gemanistik und Geschichte und arbeitete danach als Musikmanager.

Im Frühjahr 2013 schmiss er seinen Job hin und entschloss sich Bestatter zu werden, „um etwas zu ändern an der gängigen Trauerkultur“. 2014 gründete er in Berlin sein eigenes Unternehmen lebensnah-Bestattungen.

2018 veröffentlichte er das Buch „The End: Das Buch vom Tod“.

Manche Frauen wollen dadurch eine Wochenbettdepression vermeiden, die in der Plazenta enthaltenen Hormone sollen dabei helfen. Andere haben andere Argumente dafür. Im Tierreich aber würde das Blut der Plazenten Feinde anlocken, einen Fuchs oder Dachs zum Beispiel, der dann die jungen Kätzchen verspeisen würde.

Stillberatung ist bei Katzen überflüssig

Unsere natürlichen Feinde, die das Neugeborene durch den Blutgeruch der Plazenta finden und essen würden, sind ja schon lange ausgestorben. Der Tierarzt hätte auf meine Frage nach einer Wochenbettdepression aber bestimmt eine passende Antwort.

Die sechs nackten Knäulchen saugten mit der Unterstützung des Milchtrittes kräftig an den elf Brüsten ihrer Katzenmutter. Die Stillberatung war überflüssig.