Klaus Lederer.
Foto: Berliner Zeitung/ Paulus Ponizak

BerlinDen ersten Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses seit elf Wochen eröffnete die Vorsitzende Sabine Bangert am Montag mit einer bewegten Rede über die veränderte Situation und mit einem großen Dank für das, was die Kulturschaffenden dieser Stadt unter den widrigen Umständen trotzdem bisher alles auf die Beine gestellt haben. Die drei Vertreterinnen der Berliner Kulturszene, die zur Anhörung geladen waren - Silvia Fehrmann für den Rat für die Künste, Janina Benduski vom Bundesverband Freie Darstellende Künste und Zoe Claire Miller für den Berufsverband bildende Künstler Berlin - gaben den Dank etwas später vollen Herzens zurück. 

Wobei die unbürokratische Soforthilfe, die „Berliner 5000 Euro“ (auch wenn sie nicht für alle gereicht haben) dabei nur das eine war. Fehrmann, die als Leiterin des Berliner Künstlerprogrammes des DAAD mit Künstlern aus dem Ausland zu tun hat, konnte im Vergleich vorbehaltlos ausrichten, dass Berlin „auch in Zeiten von Corona ein Fanal für die Freiheit und die Kultur bleibt“. Das hört man doch gerne.

Und tatsächlich würde, so schien es, zwischen die Berliner Kulturschaffenden und ihre Politiker nachgerade fraktionsübergreifend kein Blatt passen – wenn da nicht die Sache mit dem Landeshaushalt wäre, der einfach nicht hoch genug ist, um alle Wünsche zu erfüllen, mit dem Bund, der sich weder als Immobilienbesitzer noch als finanzieller Soforthelfer so kulturbeflissen zeigt, wie er immer sagt, und mit all den anderen Problemen, die sich, da waren sich alle einig, in der Krise noch krasser zeigen als zuvor: Die Benachteiligung von Frauen (wobei Berlin seine Mittel geschlechtergerecht verteilt, aber der Bund noch nicht) und vor allem die „Projektitis“ in der Kulturförderung: der Umstand, dass sich etliche Künstler und Künstlerinnen von Projekt zu Projekt hangeln – ein System, das sofort kollabiert, wenn etwas ausfällt so wie jetzt.

Dass es keinen „Tag X“ geben wird, an dem der Spielbetrieb in Berlin allgemeinverbindlich wieder losgeht, machte Lederer gleich zu Anfang klar. Man müsse sich vielmehr herantasten, mit Rückschlägen rechnen, Alternativen erarbeiten, in enger Abstimmung mit den Kulturschaffenden sehen, was gehe. Und dabei auf einem Grat balancieren: Denn private Theatermacher wie Dieter Hallervorden würden (in seinem Fall das Schlossparktheater) am liebsten sofort öffnen und jeweils für ein Drittel der Zuschauer dann eben dreimal so häufig spielen. Große öffentliche Häuser wie die drei Opern jedoch könnten durch eine generelle Spielerlaubnis, die sie aus wirtschaftlichen und künstlerischen Gründen unter den gebotenen Hygiene-Bedingungen gar nicht in vollem Umfang nutzen wollen, gegenüber Künstlern, Agenturen und Dienstleistern womöglich regresspflichtig werden. 

Auch den eingeladenen Kulturvertreterinnen geht Sicherheit vor schnelle Rückkehr in den Betrieb. Sie verbinden die jetzt notwendige Phase des Experimentierens mit Übergangs-Formaten sogar mit der Hoffnung auf eine zukünftige Verbesserung der Verhältnisse. „Wie machen wir Berlins Kultur pandemieresilient?“ fragte Fehrmann. Die Antwort: Mit nachhaltigen Strukturen, mehr Sicherheit für mehr Akteure und Solidarität unter den Einrichtungen (wie es der Gründungsidee des Rats für die Künste entspricht). „Wir haben hier 89 kleine Theater, die logistische Hilfe bei der Öffnung brauchen“, sagte Benduski. „Die waren noch nie mit Hygieneauflagen befasst und haben keine Betriebsärzte.“

Als Sofortmaßnahme kann sich der Rat für die Künste vorstellen, gerade jetzt im Sommer, viel Aktivität nach draußen zu verlegen. „Warum machen wir keine Spielstraßen, nur eben von Künstlern konzipiert?“ fragte Fehrmann. Da stimmte auch Daniel Buchholz von der SPD begeistert zu: „Genau, raus, raus, raus!“ rief er, wurde aber vom praxisfesten Daniel Wesener von den Grünen auf den Boden der Berliner Realität zurückgeholt. Denn über die Außenflächen der Stadt bestimmen die jeweiligen Grünflächenämter der Bezirke – und die Anwohner, die dann mit dem Lärmpegelmesser am Fenster stehen und gerne die Polizei rufen. Andererseits sei bei der Fußball-WM ja bis 22 Uhr auch alles möglich, da sei also vielleicht durchaus noch etwas zu machen.

Also, was steht auf der Agenda? Die Frage der Kulturpolitik an sich selbst, wie Konjunkturmaßnahmen für die Kultur aussehen könnten. Die Frage an die Kultur, welche Experimente sie wagen will. Die immerwährende Frage an den Bund, wann er seine Soforthilfe endlich für das Überleben von selbständigen Kultur- und Medienschaffenden öffnet. Und eine Frage an den Landeshaushalt, wieviel Geld er für die Berliner Soforthilfe IV für private Kulturunternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten noch zur Verfügung stellt. Denn die 30 Millionen Euro für dieses Programm, die ab nächste Woche verteilt werden, hätte man sich sparen können, so Lederer, wenn man die auf drei Monate bemessene Maßnahme nicht noch zwei, drei Mal verlängert. Bis in der Kultur wieder alles wirtschaftlich laufen kann, wird es fraglos noch dauern.