Ronald M. Schernikau (1960-1991).
Foto: Frank Splaneman

BerlinSchwarz und schwer liegt die „Legende“ auf dem Tisch, das Opus Magnum von Ronald M. Schernikau. Neben dem Autor, der im Oktober 1991, 31-jährig an den Folgen von Aids gestorben ist, sind drei Herausgeber genannt: Lucas Mielke, Helen Thein und Thomas Keck. Nach Schernikaus Tod suchten Freunde und seine Mutter lange nach einem Verlag. 1999 erschien eine erste Ausgabe, gedruckt nur nach Vorbestellung. Zwanzig Jahre später erscheint nun ein gründlich ediertes Buch.

Auf die Herausgeber gehen das ordnende Nachwort und 90 Seiten mit Anmerkungen zurück. Zehn Jahre haben sie daran gearbeitet, all die Bezüge aus der Gegenwart der Entstehungszeit, kenntlich gemachte und nur sinngemäße Zitate von Schriftstellern und Politikern, aus Gesetzes- und Zeitungstexten zuzuordnen. Zwei Lesebändchen machen es einfach, vom Haupttext zur entsprechenden Stelle im Anhang zu wechseln.

Dennoch erfordert die Lektüre viel Geduld. Zunächst muss man sich auf die merkwürdige Struktur, den „Bauplan“, einlassen. Das Buch besteht aus elf Teilen, die fast alle noch rubriziert sind in sogenannte Bücher – und zwar bis zu 24. Der Text ist meistens zweispaltig gedruckt. Wer dabei und angesichts des Dünndruckpapiers an die Bibel denkt, befindet sich auf der richtigen Spur.

Schwule und linke Zeitschriften

Schernikau hat seine „Legende“ dem Buch der Bücher nachempfunden. Er war größenwahnsinnig und pessimistisch zugleich. Der Autor selbst kommt drin vor, zum Beispiel als „der Neffe von Ulla“. Ullas Schwester ist „Irene Binz“, hinter der sich die Mutter Schernikaus verbirgt. Ihr allein gehört Teil VII „Irene Binz, die Frau im Kofferraum“. Der Text in Blankversen entstand auf Grundlage eines Gesprächs, das der Autor 1980 mit seiner Mutter protokolliert hatte.

1966 flieht Ronald M. Schernikaus Mutter mit dem Sohn im Kofferraum eines Diplomatenautos aus der DDR in die BRD. Der Vater, schon 1960 rübergegangen, hat inzwischen eine andere Frau. Ronald M. Schernikau wächst bei seiner Mutter nahe Hannover auf und zieht 1980 zum Studium in die DDR-Enklave West-Berlin. Die „Insel“ ist der Haupt-Handlungsart der „Legende“.

Schernikau, mit 16 Jahren der DKP beigetreten, wechselt in die SEW, die Sozialistische Einheitspartei Westberlin. Er schreibt und schreibt – seit 1983 an der „Legende“. Bereits 1980 veröffentlicht er die „Kleinstadtnovelle“ über ein schwules Coming-out (Rotbuch-Verlag), publiziert dann in linken und in schwulen Zeitschriften, freundet sich mit Autoren in West und Ost an: Neben Erika Runge, auf deren Protokollliteratur er sich ausdrücklich bezieht, sind das Ulrich Berkes, Matthias Frings, Irmtraut Morgner und Peter Hacks. Er zitiert sie alle in der „Legende“, aber auch Christa Wolf und Heiner Müller. Die DDR ist sein Bezugspunkt.

1989 wird er DDR-Bürger 

Sein Traum ist es, am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ zu studieren. 1986 erhält er als erster und einziger Westler ein Stipendium für das Leipziger Institut, seine Abschlussarbeit erscheint als Buch im Westen: „Die Tage in L.“. Ronald M. Schernikau wird am 1. September 1989 DDR-Staatsbürger. Wenige Monate später tritt Ronald M. Schernikau auf dem Außerordentlichen Schriftstellerkongress der DDR auf, klassifiziert dort den Fall der Mauer als „Konterrevolution“.

Dieser Bruch zerhackt letztlich auch seine „Legende“: Seine Götter agieren von West-Berlin aus. Schernikau wollte mit diesem Buch alle seine künstlerischen Möglichkeiten ausprobieren und zeigen, wollte die Fragen des Jahrhunderts zugleich märchenhaft und realistisch, phantastisch und politisch stellen. Großbuchstaben gebraucht Schernikau selten. Meist sind kurze Textabschnitte mosaikhaft aneinander gesetzt. Dialoge sind nicht mit Satzzeichen kenntlich gemacht, sie gliedern sich in Abschnitte oder sind wie bei einem Theaterstück durch Sprechernamen markiert.

Foto: Frank Feiertag
Buch, Biografie, Stück

Das Buch: Ronald M. Schernikau: „Legende“. Herausgegeben von Lucas Mielke, Helmut Peitsch und Thomas Keck. Verbrecher, Berlin 2019. Leinen, 1070 S., 58 Euro.

Die Biografie:
2009 erschien Matthias Frings’ Buch „Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau“.

Das Stück:
Für den 11. Dezember kündigt die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz „Legende“ von Ronald M. Schernikau als „Schauspiel“ an, inszeniert von Stefan Pucher.

Weitere Aufführungen: 13. und 20. 12. 2019, 12. und 25. 1. 2020.

Die „Legende“ ist ein Sammelband und ein ungebändigtes Konvolut, mit mal Revue-, mal Pamphletcharakter. Hier steht das „Märchen vom Klohäuschen am Bahnhof Friedrichstraße“ wie der Bericht über den Mord an einem Inder in einem westdeutschen Hausflur. Die Götter singen nah an Brecht: „Wir sind keine Tollheit, sondern/ Das Ende der Tollheit./Wir sind nicht das Rätsel/ Sondern die Lösung./Wir sind das Einfache/ Über das schwer zu lachen ist.“

Armut und das große Geld

Die Themen stammen aus einem Querschnitt der Gesellschaft. Es gibt Musik und Tanz und Liebespaare, es gibt Schwule, die Kleider tragen, die sich offen lieben und die angegriffen werden. Es gibt Fremdenhass. Konzerte der „künstlerfürdenfrieden“ werden von den offiziellen Parolen der DDR abgelöst. Die Götter sehen das große Geld, personifiziert durch Anton Tattergreis, einen Schokoladenfabrikanten und Hausbesitzer, der viele Auftritte im Buch hat. Noch öfter taucht dessen Sohn Janfilip auf, der besser sein will, ein guter Mensch. Als seine Claqueure bezahlt er ein paar „junge Leute“.

Es gibt die Arbeiterschaft und Arbeitslose. Auf eine Aufstellung des Warenkorbs für den Sozialhilferegelsatz mit Nahrungsmitteln und Dingen heißt es: „an dieser stelle schlägt das verhungernde negerkind mit letzter kraft das buch zu und beneidet sämtlich langzeitarbeitslosen. Krch. Püh. Exitus“. Ronald M. Schernikau lässt ja immer von außen auf die Verhältnisse schauen, deshalb hat alles auch seine Kehrseite.  

Der Verbrecher-Verlag, gerade als einer der „Leuchttürme der Berliner Verlagslandschaft“ mit dem Berliner Verlagspreis ausgezeichnet, geht mit diesem Buch ein Wagnis ein. Das Zuviel an Themen und Personen, die häufigen Wiederholungen, die Schreibweise und noch mehr fordern den Leser wie die Leserin. Es fällt viel leichter, das dicke Buch entnervt zur Seite zu stoßen, als sich von seinem Charme, den es durchaus hat, gefangen nehmen zu lassen. Aber es ist gut, dass es da ist.