Die Dokumentation der ARD über die mindestens fragwürdigen Arbeitsbedingungen beim Internet-Händler Amazon, die in der vergangenen Woche ausgestrahlt wurde, schlagen nicht nur in den eigenen Programmen hohe Wellen. Sie sorgen auch im Digitalen für enorme Resonanz. Bereits mehr als 1,5 Millionen Mal riefen Internet-Nutzer den Film „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ in den Mediatheken der ARD auf. Als die Dokumentation im Ersten Programm über den klassischen TV-Schirm ging, schalteten im Schnitt rund zwei Millionen Zuschauer ein. Und der Film hat eine breite Diskussion über Amazon im Besonderen, über Leiharbeit im Allgemeinen ausgelöst.

Die 30 Minuten dauernde Dokumentation hatte damit einen beispiellosen Erfolg: Kein anderer Film, den die ARD bislang in ihre Mediatheken stellte, rief mehr Klicks hervor. „Ausgeliefert!“ toppte auch den bisherigen Spitzenreiter: den „Tatort“ mit dem Titel „Wegwerfmädchen“ mit Maria Furtwängler. Er wurde in der Woche nach seiner Ausstrahlung Ende vergangenen Jahres 1,1 Millionen Mal angewählt.

Mediathek im Aufwind

Diese beeindruckende Entwicklung zeigt gleich zweierlei: Erstens findet das Publikum auch dann aufwendige journalistische Arbeiten, wenn sie – anders als etwa die plumpen Sendungen „Markenchecks“ – nicht in der Primetime der Fernsehprogramme laufen, sondern um 22.45 Uhr, also am späten Abend. Zweitens ist eine Karriere im Netz mitunter viel mehr wert als protzige Einschaltquote im klassischen TV.

Allerdings: Die 1,5 Millionen Online-Abrufe von „Ausgeliefert“ sind dabei nicht unbedingt mit den 2,02 Millionen Fernsehzuschauern vergleichbar, die den Film im TV sahen, schreibt das Medien-Portal Meedia. Laut einer ARD-Sprecherin werde die Dokumentation im Durchschnitt im Web rund zwölf Minuten lang angeschaut. Im TV dürften die Zuschauer im Schnitt länger drangeblieben sein. Bei den Online-Zuschauern aber dürfte der Anteil jüngerer Seher deutlich höher sein, als bei der TV-Ausstrahlung

Lawine der Kritik

Nach der Sendung jedenfalls sah sich der Internet-Konzern einer ganzen Lawine von Kritik ausgesetzt – vermutlich eben auch, weil die Sendung ihre Zielgruppe zu großen Teilen nicht auf dem Sofa abholte, sondern sich Verbraucher die Dokumentation erst einmal mühsam zumailen oder in sozialen Netzwerken für sie werben mussten.

Die Empörungswelle ist sogar über die Landesgrenzen geschwappt: Dass die deutschen Rechercheure – die übrigens mit dem vielfach kritisierten und ungeliebten Rundfunkbeitrag finanziert werden – Amazon so unter Druck setzten, hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt.

Die New York Times berichtete darüber, der britische Independent, eine Zeitung in China. Die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind auch ein Thema in Frankreich. Russische Medien rückten Amazon wegen des Wachschutzes in ihren Schlagzeilen in die Nähe von Neonazis. Das erhöhte den Druck auf den global agierenden Konzern, Konsequenzen folgten. Für die ARD ist das einer der größten journalistischen Erfolge ihrer Geschichte.