Noch weiß man in  Leipzig nicht, ob der Wahnsinn Methode hat.  Ob die Zerstörung einer öffentlichen Fotoschau ein rechtsradikaler,  ein rassistischer Akt war. Oder ob die kürzliche Teer-Attacke auf  Bilder der Fotografin Gerda Taro (1910–1937), in Leipzig aufgewachsene ostgalizische Jüdin, Frau und Kunstgefährtin der  Kriegsreporterlegende Robert Capa, einfach nur aus vandalistischer Frust-Lust  sehr dummer  Leute erwuchs.

Schockierend, was vor einigen Nächten an der  mit Grün gezierten Straße des 18. Oktober  passierte. Das Foto-Festival „f/Stop“ war der Anlass, an hohen Stangen Taros Großfotos aus dem   International Center of Photography New York  zu zeigen.  Zu sehen waren 21 erschütternde Motive  aus dem Spanischen Bürgerkrieg, vor allem Fluchtszenen: Frauen, Kinder, Alte – in Schwarz-Weiß geronnenes Elend und Leid, das Unschuldige erlitten. Ganz offensichtlich ergaben sich Parallelen zu den Bürgerkriegen im Nahen Osten, im arabischen Raum, zu den Flüchtlingsströmen heute.

Blankes Entsetzen

Das war ergreifend,  hat aber wohl auch Menschen mit niedriger Gesinnung  gereizt, alles Sichtbare  mit Teer zu überschmieren. Groß ist nun das Entsetzen, in der Stadtverwaltung Leipzig, unter der Bevölkerung, bei den Festival-Organisatoren, die  jetzt irgendwie Geld sammeln wollen, um die zerstörte Ausstellung wiederherzustellen.

Zerstört, unübersehbar symbolisch „geteert“ wurde das Vermächtnis einer jüdischen, antifaschistischen Künstlerin, die  1937  bei einem Angriff der Nazi-Legion Condor  an der Brunete-Front von einem  Panzer der Franco-Truppen überrollt wurde. Gerda Taros Grab findet man auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris. Den Trauerzug führten damals Pablo Neruda und Louis Aragon an – als Demonstration gegen Krieg und Faschismus.

Und wo hier von Symbolik die Rede ist – wir   verbinden Leipzig ja gerade mit jenen unvergesslichen „Wir sind das Volk“-Demo-Bildern von 1989, Metaphern der friedlichen Revolution, zivilcouragiert angeführt vom Nikolaikirchen-Pfarrer Christian Führer oder dem Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, beide  – und auch der Bürgerrechtler und Schriftsteller Erich Loest (u. a. „Nikolaikirche“)  – werden sich jetzt im Grabe umdrehen.
Damals waren die friedvollen Menschenzüge so ganz anders als 25 Jahre später die Mob-artigen Aufzüge  von Pegida, Legida. Brecht hat leider schon wieder mal recht: „Der Schoß ist fruchtbar noch...“.