Zuerst die Namen der Preisträger, denn die will man auch zuerst wissen: Anke Stelling, Harald Jähner, Eva Ruth Wemme. Diese drei erhalten den Preis der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung. Das ist eine schöne Wahl allein schon aus Berliner Perspektive, eine selbstbewusste Wahl, die in einem Wettbüro vermutlich einen ordentlichen Gewinn bringen würde. Aber was sagte die Literaturredakteurin des MDR, Katrin Schumacher, die als Jurymitglied über die nominierten Romane sprach?

Es ist eine Entscheidung für jemand, nicht gegen. Der am Donnerstagnachmittag zum 15. Mal verliehene Preis der Leipziger Buchmesse wird mittlerweile mindestens so aufwendig gefeiert wie der Deutsche Buchpreis am Vorabend der Frankfurter Buchmesse, doch gleichzeitig geht es lockerer zu. Die Stimmung der vielen Herumstehenden ist gelöst, es wird schneller mal gejubelt und auch zwischendurch gequatscht. Es gibt vorab eine Shortlist. Die enthält je fünf Nominierte pro Kategorie – und das ist zugleich der Hauptunterschied zu der Auszeichnung, die im Herbst vergeben wird.

Hier rücken auch Übersetzer und die Autoren von Sachbüchern ins Licht der Öffentlichkeit. Jens Bisky legt zu Beginn als Sprecher der Jury eindrücklich dar, dass Literaturkritik, hier repräsentiert durch die Jury, nicht auf Konsens aus sei. Einhellig aber sei deren Meinung über die Gleichwertigkeit der drei Preiskategorien. Es gehe trotz aller Genres und Subgenres um das Bestreben aller hier vorgestellten Autoren, durch Nachdenken und in verständlicher Sprache „sich einen Reim auf die Welt zu machen“.

Übersetzung dank der Leipziger Buchmesse: „Verlorener Morgen“ von Gabriela Adamesteanu

Den Preis in der Kategorie Übersetzung wird also bewusst an den Anfang der Zeremonie gestellt. Eva Ruth Wemme erhält ihn für ihre Übertragung des „Verlorenen Morgen“ von Gabriela Adamesteanu. Als das Buch im Sommer 2018 auf Deutsch erschien, lobte es die Berliner Zeitung als „Meilenstein der rumänischen Literatur“. Dass es überhaupt übersetzt wurde, 35 Jahre nach der Veröffentlichung des Originals, hat auch mit der Leipziger Buchmesse zu tun.

Die lud Rumänien im vergangenen Jahr als Schwerpunktland ein. „Lesen Sie dieses Buch, es ist wirklich toll!“, ruft Eva Ruth Wemme mit Blumenstrauß in der Hand ins Publikum. Der Roman verdichtet und entfaltet das Rumänien des 20. Jahrhunderts aus zwei Perspektiven. Der Jury ist aufgefallen, wie zu den Zeitebenen, die aufeinandertreffen, noch die Sprachebenen kommen – auch im Deutschen –, „von saftigen Flüchen bis zum Sprachunfall in schiefen Sätzen“.

In der Kategorie Sachbuch/Essay setzte sich der langjährige Feuilletonchef der Berliner Zeitung Harald Jähner mit „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955“ zum Beispiel gegen Lothar Müllers ungewöhnliche Erzählung von der Geburt der Psychoanalyse durch („Freuds Dinge. Der Diwan, die Apollokerzen & die Seele im technischen Zeitalter“) und gegen Kia Vahlands neue Sicht auf „Leonardo da Vinci und die Frauen“. Harald Jähner bedankte sich nicht nur bei seinem Verleger von Rowohlt Berlin, sondern auch bei einem Unbekannten: Drei Jahre hing über seinem Schreibtisch das Foto eines Mannes, der mit einem Korb unterm Arm durch eine Straße geht, an deren Seiten sich Trümmer türmen.

Die Jury lobte das „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955“ als „Alltagsgeschichte im besten Sinne“

Mit seinem seltsamen Optimismus habe es ihn jeden Morgen zur Arbeit angeregt. Er wählte es für das Buchcover aus. Die Jury lobte das Buch als „Alltagsgeschichte im besten Sinne“. Es zeige, „wie das Verdrängen und Beschweigen wahrscheinlich eine der Grundlagen für die Etablierung der Bundesrepublik war“.

Anke Stellings Roman „Schäfchen im Trockenen“ (Verbrecher Verlag) hat im Mittelpunkt eine Frau, die benennt, was andere überspielen: Soziale Unterschiede in einer Gesellschaft, die von Flexibilität und Multitasking schwärmt. Es geht um ein Milieu, in dem gutes Gehalt und ererbter Reichtum die Ansprüche auch an Kindererziehung, Wohnen und den Umgang miteinander prägen.

„Schäfchen im Trockenen“ ist ein scharfkantiger, harscher Roman

Die Literaturkritikerin Wiebke Porombka lobte Stelling dafür, wie sie mit ihrer Figur Resi Aufklärung über die sozialen Verhältnisse fordert. „Schäfchen im Trockenen“ sei ein scharfkantiger, harscher Roman, der wehtun will und wehtun muss, der etwas aufreiße in unserem sicheren Selbstverständnis.

Das ist durchaus eine politische Entscheidung, die von der siebenköpfigen Jury getroffen wurde. Die nominierten Bücher von Kenah Cusanit, Feridun Zaimoglu und Jaroslav Rudis schauen auf die Vergangenheit, um sie als Schlüssel für heute zu nehmen. Matthias Nawrats Roman aus dem Berlin dieser Tage schaut auf das Unscharfe, Unsichere. Mit der Wahl von Anke Stelling trifft die Jury ein Plädoyer, die Verhältnisse der Gegenwart genau und kritisch zu befragen.