Leipziger Buchmesse: Gastland Litauen und das ostfaktische Zeitalter

Noch vor 80 Jahren war Litauen kein Gast-, sondern Nachbarland. Bis 1940 lag der 1918 gegründete Staat an der ostpreußischen Ostgrenze Deutschlands. Er verschwand zuerst unter russischen, dann unter deutschen Stiefeln, bis er 1945 von der Sowjetunion geschluckt wurde, aus der er 1990 wieder auftauchte. Rund 700 Kilometer liegen zwischen der litauischen und der deutschen Grenze. Und 1000 Kilometer zwischen Vilnius und Leipzig.

Auf der Buchmesse, die Litauen bis Sonntag als Gastland präsentierte, gerät das Verhältnis von Nähe und Ferne denn auch schnell in Bewegung. Nicht nur historisch. Wenn auf einem der vielen Podien, die sich dem baltischen Kleinstaat widmeten, eine über 70 Jahre alte Person sichtbar wird, dann ist diese eine jener Überlebenden des Nachkrieges, die als „Wolfskinder“ bezeichnet werden.

Emotionale Biografien fesseln das Publikum

Hungerkinder, die zwischen 1945 und 1947 aus dem Königsberger Gebiet weg wie „Wölfe“ nach Litauen gezogen waren, um ihre Familien zu ernähren. Sie bettelten, stahlen, verdingten sich; nicht wenige tauchten in Litauen mit neuem Namen unter.

In den Falten der Alten sind die Gesichtszüge der Kinder zu erkennen. Die emotionale Biografie ist kürzer als die historische – und sie lässt im konzentriert zuhörenden Publikum niemanden los. Da ist die weißhaarige, 1935 in Königsberg geborene Ursula Dorn, die ihrer Mutter nie verzeihen wird, dass sie mit ihren Kindern nicht rechtzeitig nach Westen geflohen war.

Bruno Roepschläger, der als Knecht in Litauen überlebte. Wort für Wort teilt sich die Aufregung des alten Mannes mit, der in das restlos gefüllte Messe-Forum OstSüdOst schaut. „Ich habe alles verloren, was ein normaler Mensch verlieren kann“, sagt er. „Die Sprache, die Eltern, Familie. Alles.“

In Leipzig geht es nicht mehr nur um Literatur

Die bei Göttingen lebende Ursula Dorn, die erst nach 1989 mit ihrer Familie über das Erlebte reden konnte, veröffentlichte 2008 ihren ersten Erlebnisbericht in Salzburg, weil sich Anfang der 90er-Jahre kein deutscher Verlag dafür interessierte. Das Thema passte nicht. Es passte bereits in den Jahren der Brandt’schen Ostpolitik nicht.

Jetzt geht es Leipzig nicht mehr um Literatur, sondern um Politik. 55 in einem „Edelweiß“ genannten Verein organisierte „Wolfskinder“ leben noch in Litauen. Denen soll eine finanzielle Soforthilfe aus Deutschland zukommen.

Das ist das Ziel der Gesellschaft für bedrohte Völker, die in Leipzig die Geschichte dieser Menschen nicht nur vorstellt, sondern diese selbst ausführlich zu Wort kommen lässt.

"Ostfaktisch" druckt der Eulenspiegel Verlag

Sozusagen „ostfaktisch“. Das schillernde Wort hat der Eulenspiegel Verlag auf orangefarbene Tragetauschen drucken lassen. Das Postfaktische schwingt immer mit. Zumal in Litauen, das mit drei Millionen Einwohnern etwas kleiner als Berlin ist.

Es holt die Zukunft, die es nicht kennt, in die Gegenwart, die es feiern will. In seinem Infostand inszeniert sich Litauten als ein aufgeweckteres Schweden. Wie ein Reisebüro ist der Stand dicht umlagert. Die längeren Sandstrände hat man ja tatsächlich. Aber auch eine kulturhistorisch grundierte Gegenwartsliteratur.

26 Titel sind für Leipzig ins Deutsche übersetzt worden. Der weiße Literaturstand, in dem großer Andrang herrscht, bietet zu jedem Buch ein Faltblatt. Es gibt viele geistige Anschluss-Chancen für das deutsche Publikum. Durchaus nicht nur, wenn das Ferienhaus von Thomas Mann im Badeort Nidden gezeigt wird.

Litauen will nach vorne

So hat der 1972 geborene Laurynas Katkus mit „Moskauer Pelmeni“ einen auch für die Nach-DDR anregenden Essay geschrieben, der die gesellschaftliche Transformation Litauens beschreibt, die um ihre postsowjetische Fassung ringt – mit den neu eingekleideten Kadern und den nicht ablegbaren alten Gewohnheiten.

Litauen will nach vorne. Es winkt: Wir sind wieder da! „Fortsetzung folgt“ heißt das anregende, für Leipzig gefertigte Moderne-Lesebuch, das sich den vergangenen 100 litauischen Jahren widmet. Aber Fortsetzung wohin? Nach 1990 haben eine Million vor allem junge Menschen das Land in Richtung Westen verlassen.

Die europäischen Turbulenzen, der unberechenbare russische Nachbar: Das sorgt nicht für Gelassenheit. Haben sie Angst, Nerijus Sepetys? Der Historiker, der zu den Herausgebern der Litauen-Lesebuches gehört, begreift sich als Neunundachtziger. „Damals hatten wir gewonnen“, sagt er.

Der Westen als kindlich kühne Künstler-Idee?

„Ich habe eine Siegermentalität.“ Aber das helfe objektiv nicht weiter. Wo aber die Gefahr ist, wächst das Rettende auch, zitiert er Hölderlin, um zu schließen: „Die Historiker haben über die Zukunft nichts zu sagen.“

Die Literaten aber auch nicht, wie Karl-Heinz Bohrer bei der Vorstellung seines Lebensbuches „Jetzt“ bestätigt. In der Sächsischen Akademie der Wissenschaften plaudert der 84-jährige Liebling des alten westdeutschen Feuilletons über seine Westprägung.

Woher die komme? Als Kind habe der gebürtige Kölner alles Greifbare über die Franken gelesen, den einzigen staatenbildenden unter den germanischen Stämmen, dessen „militärische Kühnheit“ Bohrer beeindruckte. Der Westen als kindlich kühne Künstler-Idee? Das wäre doch, zumal in Leipzig, eine kleine ostfaktische Erörterung wert gewesen. Aber Fragen waren für das Publikum nicht vorgesehen.