Es fällt auf, dass in vielen tschechischen Romanen, die im Rahmen des Gastlandauftritts auf der Leipziger Buchmesse auf Deutsch erscheinen, die Geschichte eine wichtige Rolle spielt. So als wollten die Bewohner dieses von historischen Brüchen gezeichneten Raums sich ihrer Identität versichern, den Raum wieder aufspannen, sich dem Verlust stellen. Allen voran ist „Winterbergs letzte Reise“ des 46 Jahre alten Jaroslav Rudis zu nennen.

Die Romanhandlung trägt sich in Zugabteilen zu, auf Bahnhöfen, in Hotels, Museen. Es ist eine melancholische Road-Novel, als Reiseführer dient ein Band, der so dunkelrot ist wie das Blut, das in den Gegenden vergossen wurde, durch die die Schicksalsreise führt: der Baedeker für Österreich-Ungarn aus dem Jahr 1913, erschienen gerade vor den Ereignissen, die Europa unwiederbringlich verändert haben. „Danach ging es mit der Eisenbahn und mit der Geschichte und mit dem Mitteleuropa auch nur bergab, es ging steil bergab in die geistige Umnachtung“, sagt Winterberg.

Altenpfleger aus dem Böhmerwald

Ein tragikomisches Duo sind diese beiden Weggefährten. Wenzel Winterberg ist pensionierter Straßenbahnfahrer aus Berlin, geboren 1918 in Reichenberg oder Liberec im Jahr der Gründung der Tschechoslowakei, ein vertriebener Sudetendeutscher. Jan Kraus ist Jahrzehnte jünger, Altenpfleger, er stammt aus Vimperk, dem früheren Winterberg im Böhmerwald, aus dem er 1986 floh. Von der Geschichte grundierte Lebensläufe sind das, in denen das Vergangene fortwirkt, das ja gar nicht vergangen ist. Und Jaroslav Rudis knüpft an die Geschichte des Verlusts an, indem er sein Buch auf Deutsch geschrieben hat. Beide Sprachen zu sprechen, war in Böhmen einst selbstverständlich.

Nun verdient Kraus sein Geld damit, in Berlin Sterbende auf ihrer „Überfahrt“ zu begleiten, wie er es nennt. Der 91-jährige Winterberg ist auch so ein Kandidat, aber dann erhebt er sich vom Sterbebett und Kraus begleitet ihn auf dieser Fahrt, die mit der Zeit auch zu seiner eigenen wird. Es ist ein Strudel, den Rudis entwickelt, sein Stilmittel ist die Wiederholung, die für einen eindringlichen Rhythmus sorgt.

Sie begeben sich auf eine Reise durch eine Welt, über die sich die Beschreibungen im Baedeker wie eine Folie legen, die hervortreten lässt, was verloren ist. Nicht einmal das verbindende Eisenbahnnetz ist geblieben. Schienenersatzverkehr nach Sarajevo, Schienenersatzverkehr nach Triest. Doch für einen Moment lässt diese Folie das Untergegangene auch wieder hervortreten, und man wird dieses Raums Mitteleuropa gewahr, den die Geschichte in ein Ruinenfeld verwandelt hat, in einen Friedhof. Das ist das Kunststück, das Jaroslav Rudis vollbringt und für das er zu Recht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden ist.

Schmerzhafte Erinnerung

An eine schmerzhafte Phase der Vergangenheit erinnert Katerina Tuckova mit ihrem Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“. Er setzt ein in den 30er-Jahren, kurz bevor im Frühjahr 1939 Hitler in Prag den Anschluss von weiten Teilen der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich proklamierte. Tuckova beschreibt, wie die Deutschen die Tschechen aus den Institutionen vertreiben, unterdrücken. Als der Krieg zu Ende ist, folgt die Vergeltung. Auf Grundlage der Benes-Dekrete wurden Millionen Deutsche, die in der Tschechoslowakei lebten, zu Staatsfeinden erklärt und gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.

Tuckovas Protagonistin Gerta wird mit ihrer kleinen Tochter auf den Todesmarsch von Brünn getrieben. „Um sie herum schleppte sich der Tross stiller, müder Menschen. Das Schlurfen ihrer Schritte, das Rascheln ihrer Wintermäntel und das leise Raunen ihrer Worte wurde nur durch die Schreie der Aufseher, das Wimmern Verwundeter und hin und wieder durch Schüsse unterbrochen. Zum wievielten Male schon, Gerta hatte aufgehört zu zählen.“

Tuckova, Jahrgang 1980, gehört einer Generation an, die sich diesem sensiblen Thema, das in Tschechien jahrzehntelang tabu war, unbefangen nähert. Sie hat einen großen Rechercheaufwand getrieben für ihr Buch. Das macht sich einerseits bezahlt, etwa, wenn sie die Veränderungen in Brünn beschreibt, der Stadt, aus der nach dem Kriegsende nicht nur die Deutschen verschwanden, sondern auch ihre Spuren im Stadtbild getilgt wurden.

Manchmal aber wirkt ihre Protagonistin nicht wie ein Individuum, sondern wie eine Überbringerin historischer Fakten oder Überlegungen, etwa wenn Gerta über die Ungerechtigkeit nachdenkt, dass nicht nur Nazis vertrieben werden, sondern auch Deutsche, die versucht hatten, sich aus allem herauszuhalten, oder sie selbst, deren Mutter eine Tschechin gewesen ist. Das wirkt plakativ, und da ist Radka Denemarkovás 2009 auf Deutsch erschienenes Buch „Ein herrlicher Flecken Erde“, das sich ebenfalls diesem Thema widmet, in der Uneindeutigkeit seiner Figuren viel stärker.

Leben als Zwangsarbeiterin

Drei Millionen Deutsche wurden vertrieben, 250 000 durften bleiben, allerdings hatten sie nicht die vollen Bürgerrechte. Gerta ist eine von ihnen. Jahrelang lebt sie als Zwangsarbeiterin auf dem Land, bis sie nach Brünn zurückkehrt. Und wenn Katerina Tuckova beschreibt, wie das Leben dieser Deutschen sich in der fremd gewordenen Heimat gestaltet, wie sie am Rand stehen, ihr Trauma, ohne es zu merken und zu wollen, an die Kinder weitergeben, wird das Buch wieder interessant.

Der jüngste tschechische Autor, dessen Buch ins Deutsche übersetzt wurde, ist Vratislav Manak, Jahrgang 1988. Und auch ihn interessiert die Vergangenheit. Sein Roman „Heute scheint es, als wäre nichts geschehen“ beschäftigt sich mit dem Arbeiteraufstand in den Pilsener Skodawerken im Mai 1953, also nur ein paar Wochen vor dem 17. Juni in der DDR. Auch dieser Protest entzündete sich an wirtschaftlichen Nöten. Lebensmittel waren knapp, die Inflation galoppierte, und wie in der DDR war gerade die Arbeitsnorm herauf-gesetzt worden. Gleichzeitig war der Aufstand auch Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft, jäten die Demonstranten den roten Stern aus, wo sie ihn finden.

Manak verwebt die Gegenwart mit der Vergangenheit, indem er seinen Protagonisten Ondrej für seine Diplomarbeit an der Prager Karls-Universität in seiner Heimatstadt Pilsen Interviews mit Menschen führen lässt, die an dem Aufstand teilgenommen haben. Diese fiktiven Zeitzeugenberichte sind die stärksten Stellen in dem Roman.

Jedem seine Stimme geben

Einmal, weil sie das historische Interesse befriedigen, aber auch, weil es Manak gelingt, jedem eine eigene Stimme, eine eigene Diktion zu geben. Mit der Vielstimmigkeit verfolgt der Autor aber noch einen ganz anderen Zweck. Indem er die Geschehnisse von Dutzenden Menschen und damit aus vielen Perspektiven beschreiben lässt, begreift man, dass es die eine Geschichte, die eine Wahrheit nicht gibt, sondern nur viele, subjektive, aus denen, wenn man Glück hat, ein komplexer Eindruck entsteht, niemals Gewissheit.

Seinem Roman stellt Manak ein Zitat aus Heinrich Bölls „Billard um halb zehn“ voran: „Es sind Bilder“, sagte Schrella, „und wenn du dreitausend davon hättest, sähst du vielleicht ein Zipfelchen von Wahrheit.“ Die Erinnerung ist nicht nur subjektiv, sie ist auch trügerisch, das stellt der Autor auf der Gegenwartsebene seines Romans heraus, die gleichzeitig eine private ist, von Ondrejs Familie handelt.

In Teilen ist das Buch furchtbar ernst, gerade, wenn es um die brutale Niederschlagung des Aufstands geht, aber es gibt auch Satire, etwa, wenn einer der Zeitzeugen, zur Zeit des Aufstands Schüler, erzählt, wie er sich in der Bibliothek mit Lenins gesammelten Werken auf eine Prüfung vorbereitet, dann aber vom Lärm der Demonstranten auf die Straße gelockt wird. Den Lenin trägt er unterm Arm, verteidigt ihn gegen einen Studenten, der ihm das Buch wegreißen will. Er fürchtet die Strafe der Bibliothek.

Dann aber wird er gegen seinen Willen mit dem „Roten Pilsen“ ausgezeichnet, weil er Lenins Ideale heldenhaft gegen den „reaktionären Abschaum“ verteidigt habe. Ein amüsantes Missverständnis, und wieder ein Beispiel dafür, wie man ein Geschehen falsch deuten kann. Ausgerechnet dieser junge Autor Vratislav Manak unternimmt es, einem den historischen Boden unter den Füßen wegzuziehen.