Harald Jähner ist am 21. März für seine Studie „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955“ mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Bis 2015 leitete Jähner das Feuilleton der Berliner Zeitung, wir freuen uns natürlich mit unserem Kollegen. Viel Zeit für Gratulationen blieb allerdings nicht. Wir erwischten Harald Jähner am Freitag unter hohem Geräuschpegel am Telefon zwischen seinen zahlreichen Interviewterminen in Leipzig.

Man sollte denken, dass die Nachkriegszeit in Deutschland hinreichend erforscht ist. Tatsächlich hat es diese Form der Mentalitätsgeschichte, die in „Wolfszeit“ entfaltet wird, bisher so nicht gegeben. Waren Sie davon selbst überrascht?

Ja, das hat mich tatsächlich verblüfft. Mich hat an der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg interessiert, wie die Menschen konkret mit der Erfahrung des Mangels, des Hungers, aber auch der Schuld, die sie auf sich geladen hatten, umgegangen sind. Es ging mir also nicht primär um die politische Geschichte, die Gründung des Parlamentarischen Rates und die Entstehung des Grundgesetzes sowie die Gründung der Parteien. Darüber findet man sehr viel in der Geschichtsschreibung. Mentalitätsfragen und die menschlichen Zwischentöne, unter denen sich das alles vollzog, sind indes oft sehr oberflächlich beschrieben.

Der Titel „Wolfszeit“ klingt nach Überlebenskampf, Entsagung, Hunger, jeder gegen jeden. Hatte Solidarität keine Chance?

Doch, das hatte sie sehr wohl. Der Titel „Wolfszeit“ spielt auf die Erfahrung an, dass die Menschen natürlich Angst voreinander hatten. Man musste auf der Hut sein, man haute sich kräftig übers Ohr, beraubte und plünderte sich aus. Insofern hatte man allen Grund, sich voreinander zu fürchten. Auf der anderen Seite hatte man einander aber auch dringend nötig. Viele waren gestorben, Familien waren auseinandergerissen, man musste sich neu orientieren. Es galt, neue Freunde zu finden, oft musste man sich ein ganz neues Leben aufbauen. Insofern gab es auch sehr viel wechselseitige Neugier aufeinander.

Deutsche Nachkriegszeit: „Man wollte sich als Opfer sehen, wohl auch, um die wahren Opfer in den Hintergrund zu drängen“

Das Titelbild des Buches zeigt einen Mann mit Zylinder, der seelenruhig durch eine geradezu gesäubert erscheinende Straße mit Kopfsteinpflaster geht. Links und rechts türmen sich die Trümmer auf. Was hat es mit dem Bild auf sich?

Dieses Foto stammt von Werner Bischof, einem Fotografen in Freiburg, der es 1945 aufgenommen hat. Das Bild hat mich sehr berührt. Einerseits ist die Umgebung, durch die er läuft, völlig zertrümmert, anderseits ist die desaströse Szenerie in typisch Freiburger Manier sauber gekehrt. Und trotz dieser erschütternden Zerstörung um ihn herum strahlt dieser Mann, von dem man nicht weiß, wer er ist, Optimismus aus. Er hat einen Korb unter dem Arm und scheint allen Ernstes zu glauben, um die nächste Ecke einen Krämerladen für den Einkauf zu finden. Dieses Bild hing während der drei Jahre, die ich an dem Buch gearbeitet habe, über meinem Schreibtisch. Es hat also ein bisschen auch die Stimmung vorgegeben. Wir haben uns jeden Morgen gutes Gelingen gewünscht.

In „Wolfszeit“ geht es vor allem um die bislang eher vernachlässigte Alltagskultur. Jazz in Ruinen, Tanzvergnügen im Freien. Haben wir in unserem Bild der 50er-Jahre, das stark von Nierentisch, Kleinwagen-Idylle und Wirtschaftswunder geprägt ist, die Trümmer nicht sehen wollen?

Die Trümmer wurden sehr wohl gesehen. Was die ersten Nachkriegsjahre betrifft, wurde später fast nur auf Trümmer geschaut. Diese finstere und bedrückende Zeit wurde im Nachhinein noch schwärzer gemalt als sie war, um zu übertünchen, wieviel Spaß man doch auch hatte. Man war froh, dem Krieg entronnen zu sein, und genoss das Leben in vollen Zügen. Glück und Entsetzen lagen sehr nah beineinander. Das viele Feiern und Tanzen nach dem Krieg waren den Menschen aber im Rückblick peinlich. Man wollte sich als Opfer sehen, wohl auch, um die wahren Opfer in den Hintergrund zu drängen. 

Mit Blick auf gesellschaftspolitische Erinnerungsprozesse gilt Verdrängen als Makel. Sie schildern in Ihrem Buch, dass es für die Entstehung der Bundesrepublik konstitutiv war. Ein Widerspruch?

Die spätere Generation hatte leicht reden, das Verdrängen zu geißeln. Aber was wäre gewesen, wenn man das ganze Ausmaß der von Deutschen begangenen Verbrechen an sich herangelassen hätte? Hätte man über die Kraft verfügt, diesen anarchischen Alltag zu bewältigen?  Wie hätte man seine Kinder erziehen sollen, wenn man sich klargemacht hätte, in welchem Umfang man direkt oder indirekt schuldig geworden wäre? Allein um seinen Kindern glaubhaft den Unterschied zwischen Gut und Böse beizubringen, musste man an der Fiktion festhalten, man hätte seine moralische Integrität behalten.

„Es gibt viele erschütternde Szenen, aber es gibt auch Bilder, die Ausgelassenheit und Heiterkeit zeigen“

Sie haben bewusst darauf verzichtet, Zeitzeugen zu befragen und stattdessen historische Quellen ausgewertet. Welche methodische Überlegung steckte dahinter?

Zeitzeugen sind wichtig, aber ich misstraue dem Prinzip Zeitzeuge auch ein wenig, weil sich in der historischen Distanz sehr vieles verklärt und verändert. Deshalb waren mir die zeitgenössischen Quellen wichtig: Zeitungen, Tagebücher, Leserbriefe, Illustrierte, selbst Schlager. In den Leserbriefen an Zeitungen findet man oft eindrucksvolle, authentische Quellen.

Es gibt eine wunderbare Fotoserie des Berliner Stadtfotografen Fritz Eschen, die er 1946 auf der Trabrennbahn Mariendorf gemacht hat. Den Menschen auf den Bildern sieht man kaum an, welcher historischen Hölle sie gerade entkommen waren. Welche Rolle haben Fotos bei den Recherchen gespielt?

Fotos helfen sehr, ein Gefühl für damals zu bekommen, aber seltsamerweise bekommt man aus dieser Zeit meist immer wieder dieselben zu sehen. Ich habe versucht, weniger bekannte Fotos zu finden, und die sprechen tatsächlich oft eine andere Sprache. Es gibt viele erschütternde Szenen, aber es gibt auch Bilder, die Ausgelassenheit und Heiterkeit zeigen. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang ein Bild, das eine Gruppe zeigt, die in Trümmerfotografie angelernt wird. Man war allseits fasziniert von Trümmern und es gab so etwas wie Trümmertourismus.

Ostdeutschland und die DDR kommen bei Ihnen nur am Rande vor. Verlief die Geschichte dort anders?

Die Geschichte verlief in den ersten Nachkriegsjahren, was die Alltagsstrukturen betrifft, sehr ähnlich. Mit einer wichtigen Ausnahme. Die Rote Armee ließ ihre Wut über den besiegten Gegner in viel größerem Maße an den Frauen aus als die Westalliierten.  Der Kampf der russischen Soldaten war noch viel härter, entbehrungsreicher, verrohender gewesen als es der Krieg für die westlichen Militärs war. Und die Russen waren, als sie Deutschland endlich erreicht hatten, schockiert von dem Reichtum des Landes. Sie konnten nicht begreifen, warum die Deutschen ihre viel ärmere Heimat überfallen hatteIn der amerikanischen Armee gab es auch Vergewaltiger, aber das nahm nicht das Ausmaß an, das ostdeutsche Frauen zu erleiden hatten.

Die Opferzahlen gehen in die Millionen. Ich denke, dass diese  traumatische Fremderfahrung im Osten bis heute unterschätzt wird. Weil das Trauma wegen der staatlichen und privaten Tabuisierung nicht bewältigt werden konnte, wurde es von einer Generation zur nächsten weitergereicht. Der größere Argwohn, der in Ostdeutschland Fremden entgegengebracht wird, könnte hier eine verständliche Ursache haben.