Leipzig - Schon im Zug von Berlin nach Leipzig herrschte Ausnahmezustand. Ein Schaffner, vom Andrang der seltsam kostümierten Jugendlichen überwältigt, appellierte etwas hilflos an die guten deutschen Sitten und das Zweiklassensystem der Bundesbahn. Massenhaft strömten wild oder niedlich aussehende, jedenfalls mit ihren sperrigen Requisiten ausgestattete Manga-Fans aus offenbar Gesamtdeutschland zur Buchmesse, wo es unter anderem den Vorentscheid für den Wettbewerb zum „European Cosplay Gathering“ gab.

In der Straßenbahnlinie 16, die an diesem Wochenende im Zwei-Minuten-Takt zum Messegelände fuhr, ging ab Leipzig Hauptbahnhof gar nichts mehr. Die Trams waren im Nu so überfüllt, dass man drinnen nicht mehr hätte umfallen können. Dennoch herrschte in allem Gedränge und Geschubse ein ausgesprochen netter Umgangston vor.

Je furchterregender und martialischer die Verkleidungen, so schien es, desto höflicher und rücksichtsvoller verhielten sich ihre jugendlichen Träger. In jedem Darth Vader steckte ein süßer Gentleman, in jeder blaulippigen Vampir-Madonna eine schüchterne Pubertierende.

Eigene Waffengesetze

Das hielt die Messeleitung nicht davon ab, vorsichtshalber eigene „Waffengesetze“ zu erlassen: Peitschen durften nicht länger als 1,50 Meter sein, die Stacheln der Halsbänder nicht länger als 5 Zentimeter; Spielzeugpistolen aus Plastik und Schwerter und Lanzen aus Holz oder Pappmaché mussten eindeutig als Nachbauten erkennbar sein, und die manchmal fantastisch ausladenden Kostüme durften keine scharfen Kanten haben. Wurden all diese Vorgaben erfüllt, gab’s am Einlass eine blaue Sicherheitsplakette.

Natürlich freute sich die Messeleitung schon allein wegen der dadurch in die Höhe gepeitschten Besucherzahlen über den Massenauftrieb der Manga-Fans. Und irgendwie akzeptiert auch der altmodischste Buchhändler oder konventionellste Verleger langsam, dass Comics, erst recht die künstlerisch gehobene Gattung der „Graphic Novel“, letztlich gedruckte Bücher sind. Und das ist ja nicht das Geringste im Untergangsszenario der digitalen Revolution.

Um über deren Chancen, Risiken und Nebenwirkungen zu diskutieren, hatte die Messe dieses Jahr zum ersten Mal ein „Barcamp für Autoren“ veranstaltet. Dort tauschten die Teilnehmer Meinungen übers E-Book aus und diskutierten Methoden zur Eigen-Vermarktung im Internet. Gesetzt den Fall, dass man sein Werk auf diese Weise, also ohne Buchverlag und traditionellen Buchhandel, überhaupt an den Leser bringt, gehen immerhin 30 bis 70 Prozent des Erlöses direkt an die Autoren.

Nach einer aktuellen Umfrage der Buchmesse ist das elektronische Self-Publishing jedoch für 74 Prozent der Autoren keine Alternative zum gedruckten Buch in einem Verlag, der sich nicht nur ums Lektorat, sondern vor allem auch um die Vermarktung kümmert – ziemlich egal übrigens, ob auf Papier oder im elektronischen Format.

Wem nützt das?

Unter den Verlegern sorgte auf dieser Buchmesse eher Acta, das umstrittene Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen, für Debatten. Dass Verlage grundsätzlich für den Schutz des Urheberrechts sind, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Aber so wie früher der Typ, der mit billig gemachten Raubkopien von Bestsellern durch die Kneipen zog, weniger als Dieb oder Hehler von Diebesgut kriminalisiert wurde – er galt eher als „Umverteiler“ des von Großkapitalisten verwalteten geistigen Eigentums –, so stehen einige kritische Verleger auch dem multilateralen Urheberrechts-Schutzabkommen skeptisch gegenüber.

Die entscheidende Frage lautet wie immer: Wem nützt das? Dem Pharmakonzern, der sein Patent auf ein lebensrettendes Medikament schützen will, oder uns kleinen Schreiberlingen, aus deren Rezensionen ein Verlag dann kein Zitat mehr verwenden darf?