Punkt 18 Uhr ertönt der Gong, eine freundliche Stimme fordert die Besucher der Buchmesse über Lautsprecher auf, sich langsam gen Ausgang zu bewegen. In die Straßenbahn zur Stadt ist die nächste Stunde kaum ein Reinkommen. Für Journalisten ist der Gong das Signal, sich sofort eine in den Buchhallen natürlich total verbotene Kippe anzustecken. Als Aschenbecher dienen Plastikbecher mit einem Restschluck des zur Enthemmung beitragenden Weißweins, der bei armen Kleinverlagen zur Happy Hour gern ausgeschenkt wird. So ist’s immer: Wer nichts hat, gibt gern.

Viertel nach Sechs, die Praktikanten bringen den Müll weg, die Verlagsmitarbeiterinnen packen ihre Handtaschen zusammen, da tritt ein Herr an den Tresen zweier Kleinverlage, die sich einen winzigen Eckstand teilen. Der Verleger weiß sogleich, was da auf ihn zukommt. Er kennt dieses Lächeln. Die schon etwas verkrustete Mischung aus unterwürfiger Schüchternheit und dem zähen Mut der Verzweiflung zeichnet den unveröffentlichten Autor wie ein Kainsmal.

Ich habe ein Exposé, ganz kurz

Er habe ein Buch geschrieben, eröffnet der Autor dann auch gleich in andeutungsweise geduckter Haltung das Gespräch, ob er mal ... Ja, dazu sind wir auf der Buchmesse, antwortet der Verleger geradezu fatalistisch aufmunternd. Es sei eine Erzählung, eigentlich ein philosophisches Lehrstück zu religiösen Fragen, eine Art Dialog am Lagerfeuer, legt der so ermutigte Herr los. Acht Jahre habe er gearbeitet, Hunderte von Seiten geschrieben, von vorne begonnen, sein Thema, die philosophisch religiöse Parabel also, in eine Erzählung...

Das ist zweifellos Literatur, unterbricht ihn der Verleger geschickt, und deshalb leider leider nichts für ihn, sein Verlag sei auf wissenschaftliche Essays aus Gesellschaftstheorie, Zeitgeschichte und Politik spezialisiert, wobei er auf die ausgelegten Büchlein deuten will, auf die der Herr aber bereits seinen dicken Rucksack abgestellt hat. Weil er längst gesehen hat, dass der Verlag neben Krimis auch Titel wie „Der echte Jesus“ im Programm hat, zuppelt er bereits an den Bändeln und zieht eine Plastikkladde hervor.

Ich hab ein Exposé, wirklich ganz kurz, nur diesen Abschnitt hier... Unverdrossen freundlich, geradezu anerkennend, reicht der Verleger das ihm schon in die Hand gedrückte Manuskript zurück und gibt dem guten Mann Ratschläge mit auf den Weg: Wie er einen geeigneten Verlag suchen könne, dass Books on demand keine schlechte Möglichkeit seien und der Autor auf keinen Fall jenen Haien in die Hände fallen dürfe, die Unsummen fürs Veröffentlichen verlangten. Arme Schweine, murmelt er ihm hinterher, dann trollt sich der Verleger selbst davon.