Ulrich Hachullas „Junges Paar in der Straßenbahn“ 1971/72.
Foto: Kunsthalle Rostock/VG BIldkunst Bonn 2019

RostockWieder, nach fast vier Jahrzehnten, bleibt einem bei dem riesigen Gemälde „Das Fest“ beinahe die Spucke weg. Ulrich Hachulla malte es 1980/81 auf eine wandfüllende Hartfaserplatte. Damals standen die meisten Besucher der neunten Kunstausstellung der DDR im Dresdner Albertinum davor – und schwiegen. Vielleicht weil das Bild wie ein Spiegel war.

Jetzt, in der Rostocker Werkschau dieses wichtigen Vertreters der zweiten Generation der sogenannten Leipziger Schule, beginnen die Leute zu reden, reden noch weiter, draußen im Foyer der Kunsthalle am Schwanenteich, während sie im Katalog blättern und im Mittelteil das Panorama dieser Szene nochmals betrachten: Eine Tischgesellschaft mit einem Typen in Anzug und mit Weihnachtsmann-Maske. Links davon wird getanzt, geraucht, gegrübelt, telefoniert. Einer reißt das Tuch von einem Wandbild, auf dem jedoch nur unheilvoll düstere Schatten zu sehen sind.

Engel mit Karnevalsmaske

Und über diesem wie eine Bühne und schräg von unten gemalten   Motiv hängt von der Decke Ernst Barlachs „Schwebender Engel“ im Güstrower Dom. Der trägt bekanntlich die Gesichtszüge der um ihren im Ersten Weltkrieg gefallen Sohn Peter trauernden Käthe Kollwitz. Aber der Maler hat ihm eine Fastnachtslarve aufgesetzt. Soll der Engel nicht sehen, was aus dem Volk im Land der sozialistischen Utopie geworden ist?

Ulrich Hachulla malt in Rätseln, so sehr seine im neusachlichen Stil gehaltenen Figuren-Szenerien auch realistisch erscheinen mögen. Die Werkschau mit 90 Gemälden von 1962 bis 2019, die Rostocks Kunsthalle dem 1943 in Oberschlesien geborenen, von da als Kleinkind mit der Mutter   nach Halle/Saale geflohenen Hachulla ausrichtet, wurde von Karl Schwind kuratiert, einem profunden Kenner der Leipziger Schule.

Der Meisterschüler: Michael Triegels „Imago“, 2019.
Foto: M.TRiegel/ VG BIldkunst Bonn 2019

Der in Leipzig und in Berlin wirkende Galerist aus Frankfurt am Main kämpfte schon vor dem Mauerfall gegen die Arroganz des Westens gegenüber der Kunst aus der DDR an. Der malerisch wie grafisch virtuose Hachulla weckte sein besonderes Interesse. Der hatte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Werner Tübke und Bernhard Heisig studiert und machte noch während seines Studiums 1964 bis 1968 durch seine eindringlichen Porträts und Milieuschilderungen auf sich aufmerksam.

In zahlreichen Porträts, in Variationen von Stadt-, Café-, Fest-­ und Strandszenen untersucht er bis heute menschliche Beziehungen und reflektiert existenzielle Fragen von Macht, Einsamkeit und Verzweiflung. Und immer wieder spiegelt er dabei die jeweilige gesellchaftliche Situation und die sich derzeit wieder krass zuspitzende Krisenhaftigkeit der Zeit. Seine Porträts wie die Gruppenbilder stellen Fragen, etwa danach, was unsere Empathie, unser Verantwortungsgefühl bloß so bis zur Gleichgültigkeit glattgeschliffen hat.

Der Meisterschüler: Matthias Ludwigs „Trick“, 2018.
Foto: M. Ludwig /VG Bildkunst Bonn 2019

Die Bilder der letzten 50 Jahre erzählen nie von Helden, schon gar nicht von Idyllen, sondern von erstarrten menschlichen Verhaltensweisen, Zuständen der Distanz und Fremdheit, sie berichten, nicht selten mit sarkastischem Unterton, von bedrückender Enge und aufbegehrenden Fluchtversuchen. Das Porträt spielt die zentrale Rolle. Hachulla gelangen – und gelingen bis heute – charakteristische Typen-Bildnisse.

Unübersehbar lässt sich dieser Maler, neben dem Stil der Neuen Sachlichkeit in den Zwanziger- und Dreißigerjahren, etwa von Christian Schad und Otto Dix, auch von altdeutscher Malerei und italienischer Renaissance, gerade des Manierismus, beeinflussen. Er entwickelte daraus einen unverkennbaren, spröden Figurenstil, der bei aller Detaillust von subtiler Verfremdung, auch Zuspitzung gekennzeichnet ist. Bisweilen taumeln seine fahlen Gestalten förmlich wie in Trance durch die Welt, haltlos und versunsichert, als wüssten sie nicht, woher sie kamen und wohin sie wollen und könnten.

Aktualität der Mythen

Zärtlich fast hingegen malte er 1971/72 das „Junge Paar in der Straßenbahn“ und zehn Jahre später den Knaben „Andreas“. Veristischer geraten seine schonungslosen Selbstbefragungen, mal skeptisch, mal melancholisch, müde und erschöpft. Und manchmal trotzig. Ganz in der Tradition der Alten Leipziger Schule mit dieser typischen, die Gesellschaftskritik verbrämenden „Aktualität der Mythen“ und der immerwährenden „Menschlichen Komödie“, tritt Hachullas sprödes, auch typisiertes Bildpersonal – Frauen Männer, Bekannte, Kollegen – in Gleichnissen auf. Da tanzt in einem Gemälde von 1980 Salomé. Linkerseits vor dem Thron des lüsternen Herodes. Rechterseits vor einer Tribüne, die an das SED-Politbüro bei Aufmärschen erinnert. Und die nackten Musen flüchten.

Hachulla hatte während seiner Lehrtätigkeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo er im Bereich Grafik neue Maßstäbe setzte, zwei Meisterschüler: Michael Triegel und Matthias Ludwig. Jeweils zehn Gemälde dieser heute 50-Jährigen stehen nun im Dialog mit den Bildern des Lehrers und belegen, dass es Hachulla gelang, das zu schaffen, was einst Goethe von Eltern wie Lehrmeistern verlangt hat – nämlich den Nachfolgenden vor allem dies mitzugeben: Wurzeln und Flügel.

Ulrich Hachulla und Meisterschüler

bis 12. Januar, Di–So 11–18 Uhr (Weihnachten vom 23. bis 25. 12. und vom 30. bis 1. 1. 2020 geschlossen), Kunsthalle Rostock, Hamburger Str. 40 (am Schwanenteich). Katalog/Werkverzeichnis (Edition Schwind)