Lange Zeit galt das Fernsehen als der biedere Verwandte des Kinos. Puschenkino war genau das richtige Wort. Visuell und dramaturgisch mittelmäßigen Kinofilmen wurde gern das Etikett „Fernsehspielästhetik“ verpasst.

Das hat sich geändert. Der anhaltende Boom amerikanischer TV-Serien in kommerzieller wie künstlerischer Hinsicht hat dem Fernsehen zu neuem Ansehen verholfen: Für Millionen meist jüngerer Menschen sind „Mad Men“, „Breaking Bad“, „Homeland“, „House of Cards“ und „Walking Dead“ abendfüllendes Gesprächsthema – jeweils über Wochen hinweg. Wenn das so weitergeht, dauert es nicht mehr lang und die TV-Serie hat das Kino als Leitkultur abgelöst.

In der Filmbranche ist das natürlich angekommen. Auch die am Donnerstag beginnende Berlinale stellt sich den Herausforderungen, die dem Kino von den TV-Bildschirmen, den PCs und Tablets drohen. Episoden aus acht Serien auch europäischer Herkunft feiern bei den Berliner Filmfestspielen ihre Premiere. Mit „Better Call Saul“ wird ein Spin-off, ein Ableger der legendären Serie „Breaking Bad“ gezeigt. Und mit Matthew Weiner, dem Erfinder von „Mad Men“, sitzt einer der prominentesten amerikanischen Serienproduzenten in der Berlinale-Jury.

Der Erfolg der Serienformate ist ein Lehrstück für alle, die immer ganz genau zu wissen meinen, was junge Leute so sehen, lesen und hören mögen. Angeblich muss es kurz sein und schnell gehen. Häppchenformen seien gefragt und rasante Schnitte. Das entpuppt sich als großer Irrtum. Im Gespräch mit Berlinale-Chef Dieter Kosslick erklärt der Präsident der aktuellen Jury, Darren Aronofsky, Regisseur des Kino-Erfolgs „Black Swan“: „Dramatische Inhalte scheinen im Fernsehen ein besseres Zuhause gefunden zu haben. Ich glaube, das liegt daran, dass man dort komplexe Figuren kreieren kann, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg entwickeln.“

Was für ein Eingeständnis! Es ist also nicht mehr die Bequemlichkeit, die den Zuschauer vom Kino weg zur guten alten Glotze treibt, sondern das Interesse an besseren Geschichten. Natürlich ist dieses Fernsehen nicht mehr das lineare TV alter Sendetechnik: Die Serien werden von Internetanbietern gestreamt oder per DVD geschaut, und zwar, wenn man Lust hat, und nicht, wenn sie auf dem Programm stehen. Viele warten, bis sie vier Folgen auf einmal sehen können oder versammeln sich zum sogenannten Koma-glotzen.

Feinste Figurenzeichnung – und das im Zombie-Genre!

Die Unabhängigkeit des Zuschauers vom Sendeschema der Fernsehanstalten hat den Erfolg der neuen Formate ermöglicht. Die neue Technik verbündet sich mit dem Klassischen. Ob einmal wöchentlich geguckt oder die ganze Packung auf einmal: Es ist episches Erzählen vom ältesten Schlag, das sich plötzlich wieder der größten Beliebtheit erfreut. Unglaublich, wie viel Zeit sich zum Beispiel die Serie „Walking Dead“ nimmt, um die Charaktere aufzubauen und sich allmählich verändern zu lassen. Feinste Figurenzeichnung – und das im Zombie-Genre! Selbst im Vergleich zu Opas „Bonanza“, aber auch zu „Dallas“ und „Denver-Clan“, haben die neuen Formate an Langsamkeit zugelegt und zugleich an Dichte gewonnen.

Die Serien des alten Pantoffelkinos traten mit beträchtlicher Geschwindigkeit auf der Stelle, weil sie dem Zwang unterworfen waren, die einzelnen Episoden jeweils zu Ende zu erzählen als in sich runde Geschichten. Die neuen Formate verfolgen dagegen dramaturgisch Erzählstrategien des 19. Jahrhunderts. Sie sind aufgebaut wie die Feuilletonromane in Fortsetzungen, Alexandre Dumas „Die drei Musketiere“ beispielsweise. Man kann nicht mittendrin irgendwo beginnen. Und nur mit Verlusten kann man eine Folge auslassen. Wie die Präsenz eines wirklichen Familienmitglieds wirkt ein moderner Serienheld durch seine Dauer. Es ist deshalb schier unmöglich, eine Serie befriedigend zu einem sinnvollen Ende zu bringen.

Ob sie eine Mythologie der Konsumgesellschaft zelebrieren wie „Mad Men“, ob sie das Zombie-Genre rehabilitieren wie „Walking Dead“ oder ob sie das Absurde auf neue Weise definieren wie „Breaking Bad“ – die neue Serien entfalten ihr Suchtpotenzial durch formidable Ideen, vor allem aber durch die Herstellung von Zusammenhang.

Die Unübersichtlichkeit unserer Gegenwart ist oft beklagt worden. Die Zerstückelung der Biografien, die Brüche im Erwerbsleben, die Überforderung durch die Nachrichtenlage. In der Serie hat das Leben, so bedroht es auch sein mag, ein Höchstmaß von Konsistenz. Was sind neunzig Minuten Kino gegen einen Film, der glaubhaft so tut, als höre er nie auf. Es ist die Dauer, nach der wir uns sehnen.