BerlinGerhard Wolf kann vorbehaltlos loben, kundig vergleichen und in besonderer Weise ermuntern. Er war nicht nur Ehemann und stets der erste Leser der Werke von Christa Wolf, er hat als Lektor und Literaturwissenschaftler, als Verleger und Freund über viele Jahrzehnte die Arbeit von Schriftstellern und Bildenden Künstler begleitet. Das zeigt auch eine Sammlung von Texten, die jetzt unter dem Titel „Herzenssache“ im Aufbau-Verlag erschienen ist. Zum Gespräch darüber besuchen wir den 92-Jährigen vorsichtig mit Maske und Abstand.

Berliner Zeitung: Herr Wolf, wie geht es Ihnen?

Gerhard Wolf: Ganz gut, sagen wir: altersgemäß. Mein Herz ist Gott sei Dank gut. Das Kreuz leider nicht mehr so, fürs Laufen brauche ich einen Stock.

Das hat Sie aber nicht daran gehindert, ein neues Buch zu veröffentlichen.

Nein, das geht immer noch. Diese „Herzenssache“ ist Teil einer Bilanz, die ich ziehen wollte.

Sie blicken auf Künstlerfreundschaften zurück?

Nicht nur: 2018 habe ich im Radius-Verlag einen Band gemacht, der meine Lyrikessays enthält, „Im deutschen Dichtergarten“, heißt er, „Lyrik zwischen Mutter Natur und Vater Staat“. Und ein Jahr später haben wir zusammen mit Freunden den Briefwechsel mit Carlfriedrich Claus im Chemnitzer Verlag herausgebracht.

„Nun schauen mich immer mindestens vier Augen an“ – also die Briefe, die Sie und Ihre Frau mit dem Grafiker wechselten.

Ja. Er war ein Ausnahmekünstler, der tollste Avantgardist der DDR. Auf kleinen Transparentblättern entwickelte er lesbare Zeichen und Figuren; das ist ein Übergang zwischen Sprache, Schreiben und grafischer Gestalt. Der Zyklus „Aurora“ von ihm hängt im Reichstagsgebäude. Wir lernten uns Anfang der 70er-Jahre kennen. Er lebte ganz zurückgezogen in Annaberg-Buchholz, ich bin froh, mit ihm vier Bücher gemacht zu haben.

Damals, in Ihrem eigenen Verlag?

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Zur Person

Gerhard Wolf arbeitete zunächst als Lektor beim Mitteldeutschen Verlag in Halle, schrieb bald auch Essays und Kritiken. 1976 gehörte er mit seiner Frau Christa Wolf zu den Erstunterzeichnern der Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und wurde aus der SED ausgeschlossen. Als Herausgeber wandte er sich neben der jungen Literatur auch der Romantik zu („Märkischer Dichtergarten“ mit Günter de Bruyn), gab dann im Aufbau-Verlag Bücher „Außer der Reihe“ heraus und gründete 1990 seinen eigenen Verlag Janus Press. 

Ja, bei Janus Press. Das dritte Buch meiner Bilanz nun enthält die Reden und Aufsätze seit 1990, seit der Grabrede für Irmtraut Morgner, die ich zusammen mit Alice Schwarzer gehalten hatte.

Das Buch ist ungewöhnlich schön gestaltet, mit Lesebändchen, Seitenabstand …

Auch das Papier ist sehr gut, die Farben, da kann sich mancher Verlag noch etwas abgucken. Und das Lektorat lag in den Händen von Angela Drescher, die früher auch Christa betreut hat.

Das Buch ist schön, aber auch traurig, weil viele, denen Sie hier Texte gewidmet haben, schon tot sind. Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie gemerkt haben, dass Sie vom Zeitgenossen zum Zeitzeugen geworden sind?

Ach, das würde ich so nicht sehen, die Hälfte lebt schon noch: Da sind die Malerinnen Angela Hampel und Nuria Quevedo, der Dichter Volker Braun. Ich wollte diese Beiträge einmal zusammen haben. Besonders wichtig war mir der letzte Teil über Franci Faktorová, die als die Mutter von Jan Faktor schließlich zu unserer Familie gehörte.

Christa hat mehrfach versucht, eine Erzählung über sie zu schreiben, aber das war ihr wohl zu nah. Ich konnte nun auf ihr Tagebuch zurückgreifen, so hatte ich authentisches Material.

Gerhard Wolf

Weil Jan Faktor Ihre Tochter Annette Simon heiratete.

Das hat sich alles aus einer frühen Begegnung ergeben, die zufällig war. Ich fuhr aus einem anderen Anlass nach Prag, wo wir uns trafen. Es gab gleich eine Sympathie. Im nächsten Jahr hatte sie uns dann schon in Halle besucht. Christa hat mehrfach versucht, eine Erzählung über sie zu schreiben, aber das war ihr wohl zu nah. Ich konnte nun auf ihr Tagebuch zurückgreifen, so hatte ich authentisches Material, ich musste nichts erfinden. In dieser Kürze – ich musste aufpassen, dass es nicht zu lang wird –, wollte ich, dass es zu einem guten Abschluss kommt.

Ich finde den Text sehr berührend, weil diese Frau ein Beispiel dafür ist, dass Literatur lebensrettend sein kann.

Sie war sehr vertraut mit deutscher Literatur. Canetti zum Beispiel kannte sie in- und auswendig. Thomas Manns „Zauberberg“ hat sie in Theresienstadt gelesen. Das wusste ich auch nicht, dass man in dieses Konzentrationslager noch Bücher mitnehmen konnte. Die Insassen haben getauscht, was sie hatten. In Auschwitz war das nicht mehr möglich. Uns ist spät erst bewusstgeworden, wie sehr ihr Schicksal dem von Ruth Klüger ähnelte. Christa hat ihr das Buch „weiter leben“ gegeben. Franci lernte Ruth Küger dann auch kennen und hat das Buch kurz vor ihrem Tod noch ins Tschechische übersetzt.

Können Sie Näheres dazu sagen, wie Christa Wolf versuchte, über sie zu schreiben?

Es gibt Notizen und Fragmente, sie hatte nach der Form gesucht. Sie wollte es fiktiv machen, aber kam nicht weiter. Die beiden hatten ein sehr enges Vertrauensverhältnis. Das habe ich alles in den Tagebüchern gefunden.

Bei Franci Faktorová scheint es ähnlich gewesen zu sein wie bei Sarah Kirsch: Der Kontakt kam durch Sie zustande, aber die Freundschaft war dann intensiver zwischen den beiden Frauen.

So war das übrigens auch mit Brigitte Reimann. Sie kannten sich zwar durch die Moskau-Reise mit dem Schriftstellerverband, aber dann hatte ich sie wegen ihrer Texte in Hoyerswerda besucht. Da hatte sie ihre erste Operation hinter sich. Davon erzählte ich Christa – sie schrieb ihr sofort. Ich war nie solch ein Briefeschreiber. Und Tagebuch habe ich auch nicht geführt.

In dem Buch haben Sie viele Freunde versammelt. Gibt es nach wie vor Autoren, die zu Ihnen kommen und Ihren Rat suchen?

Das ist natürlich weniger geworden, inzwischen schreibt eine ganz neue Generation. Mein enger Kreis war zuerst die sogenannte Sächsische Dichterschule mit Volker Braun, Karl Mickel, Heinz Czechowski, Adolf Endler, Sarah und Rainer Kirsch, Bernd Jentzsch – eine Gruppe begabter Leute, die in den Fünfzigerjahren zu schreiben begannen und die ich im Mitteldeutschen Verlag alle herausbringen konnte. Dann kamen Ende der Siebzigerjahre die Prenzlauer-Berg-Leute, deren Künstlerzeitschriften ich kaufte und die ich dann bei Aufbau „Außer der Reihe“ herausbringen konnte.

Wie kam es damals zu dieser Reihe?

Mehrere der Manuskripte lagen schon eine Weile. Dann war im Westen eine Anthologie erschienen, die eigentlich eine Gemeinschaftssache werden sollte, „Berührung ist nur eine Randerscheinung“. Aber als die fertig war, befand sich die Hälfte der Autoren schon drüben. 1987 erklärte der Aufbau-Chef Elmar Faber dann, es reiche mit Sammelbänden, die Autoren sollen eigene Bücher bekommen. Da haben sie mich beauftragt, weil ich viele kannte: Bert Papenfuß, Gabriele Stötzer, Reinhard Jirgl, Andreas Koziol, Stefan Döring, Jan Faktor. Der letzte, der ein Buch bekam, war Peter Brasch, der Bruder von Thomas. Das hat sich leider nicht mehr gut verkauft.

Wieso hat Ihr Verlag Janus Press nicht überlebt?

Weil ihn niemand weitergeführt hat. Ich hatte ihn ja gleich gegründet, als das möglich war. Zur Leipziger Buchmesse 1991 erschien das erste Programm. Innerhalb von zwanzig Jahren hatten wir sechzig Bücher und fünf Grafikmappen herausgebracht.

Sie veröffentlichen jetzt also diese eigene Bilanz mit den drei Büchern. Daneben haben Sie zahlreiche Texte aus dem Nachlass Ihrer Frau begleitet, angefangen mit der Erzählung „August“ bis zu dem Briefwechsel mit Sarah Kirsch und „Umbrüche und Wendezeiten“. Am 1. Dezember 2011 ist Christa Wolf gestorben. Ihre gemeinsame Bibliothek gehört bereits der Humboldt-Universität ...

Der letzte schöne Streich war die Kunstsammlung: In diesem Sommer erst haben wir unterschrieben, dass sie als Stiftung an das Stadtmuseum geht. Es sind fünfzig Gemälde und Hunderte von Grafiken. Und nicht nur Ost-Künstler, wie immer gern gesagt wird. Barbara Beisinghoff ist dabei, Günter Grass und vor allem Günther Uecker, mit dem uns eine enge Freundschaft verbindet.

Die Bilder hängen noch hier, aber auch die Bücheregale, habe ich auf der Webseite der Forschungsstelle von Birgit Dahlke gesehen, sind bereits fotografiert worden. Fühlen Sie sich in Ihrer eigenen Wohnung manchmal wie im Museum?

Das ist doch eine gute Sache, dass es zusammenbleibt. 315 Regalmeter Bücher sind das. Unsere Töchter und deren Kinder sind ja eine Erbengemeinschaft, die sind alle einverstanden. Die Studenten und Wissenschaftler kommen nach und nach, fotografieren und sichten, das hat sich jetzt durch Corona natürlich auch verzögert. Es können Ausstellungen gemacht werden, eine sehr schöne Ausstellung, gestaltet von Martin Hoffmann, gibt es schon, die wandert durch die Bibliotheken. Eine Studentin hat sich zum Beispiel mit der Exil-Anthologie beschäftigt, die ich mal für den Aufbau-Verlag geplant hatte.

Warum ist die nicht erschienen?

Das lag an meiner eigenen Überforderung. Ich wollte gern die Bildende Kunst mit dabeihaben, aber da bekam ich die Beiträge nicht zusammen. Alles andere liegt so gut wie fertig da, drei Aktenordner. Das wäre eine interessante Sammlung gewesen, weil sie von ganz rechts bis ganz links alles einbezogen hätte. Eine Studentin hat ihre Bachelor-Arbeit dazu geschrieben.

Ronald Paris gestaltete die Anthologie zur Lyrik „Sonnenpferde und Astronauten“, sie enthielt die einzige Veröffentlichung von Wolf Biermann in der DDR. Da mussten wir noch das Alphabet ändern, weil Biermann der erste gewesen wäre.

Gerhard Wolf

Wann begann eigentlich Ihr Interesse für Bildende Kunst?

Ich habe immer versucht, Kunst und Literatur zusammenzubringen, schon beim Mitteldeutschen Verlag Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger. Ich holte Künstler als Gestalter, Werner Klemke zum Beispiel illustrierte die Werke von Georg Maurer. Ronald Paris gestaltete die Anthologie zur Lyrik „Sonnenpferde und Astronauten“, sie enthielt die einzige Veröffentlichung von Wolf Biermann in der DDR. Da mussten wir noch das Alphabet ändern, weil Biermann der erste gewesen wäre. Wir haben ihn in der Reihenfolge gegen Volker Braun getauscht. Und später, bei Janus Press, gab es fast kein Buch ohne Grafik: Entweder waren die Autoren doppelbegabt oder ich suchte einen Grafiker dazu. Sicher waren die Beziehungen zwischen Bildenden Künstlern und Autoren in dem kleinen Land auch enger als in der pluralistischen Bundesrepublik.

Wird es noch weitere Veröffentlichungen von Christa Wolf geben?

Nächstes Jahr erscheint die erste vollständige Sammlung ihrer Essays in drei Bänden. Die gibt Sonja Hilzinger bei Suhrkamp heraus, die ja auch schon mit den gesammelten Werken angefangen hatte. Sabine Wolf vom Archiv der Akademie der Künste sichtet die Tagebücher. Und es gibt zum Beispiel noch einen sehr interessanten Briefwechsel mit Max Frisch, dem Autor, mit dem wir die engste Verbindung im Westen hatten.

Haben Sie es Ihrer Frau versprochen, als sie starb, dass Sie sich um ihr Werk kümmern würden?

Nein, darüber haben wir nicht gesprochen. „August“ lag vor, die Erzählung hatte sie mir zu unserem 60. Hochzeitstag geschenkt. Sie hatte diese schweren Knieoperationen, die nie richtig verheilt sind, da gab es eine Infektion, eine grauenhafte Sache. Ich habe gestaunt, dass sie in dieser Zeit überhaupt noch den umfangreichen Roman „Stadt der Engel“ schreiben konnte.

Weil sie das Geschenk fertigmachen wollte?

Vielleicht. Wir beide waren schon in sehr enger Verbindung, von der Studentenzeit an. Als wir Franci Faktorová kennenlernten, hatte Christa noch gar nichts geschrieben, nur Kritiken.

Hat sich jetzt Ihr Leben unter dem Eindruck der Corona-Pandemie verändert?

Viele Kontakte sind abgebrochen, das muss ich sagen. Man lädt keine Leute mehr ein im Moment. Zu meinem 90. Geburtstag waren 120 Verwandte und Freunde da. Volker Braun wohnt um die Ecke, mit dem tausche ich mich noch über neue Gedichte aus. Von meinen Töchtern Annette und Tinka werde ich betreut. Auch Christina Schönau hilft mir, die früher schon bei Janus Press dabei war. Und ich habe eine lange gute  Beziehung zu Maria Sommer, die wir durch den Kiepenheuer Bühnenvertrieb kennengelernt hatten. Aus meiner Laudatio für sie übernahm ich den Titel für dieses Buch.

Das Buch

Gerhard Wolf: Herzenssache. Memorial – unvergessliche Begegnungen. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 228 S., zahlreiche Abb., 22 Euro.

Der Band enthält Künstlerporträts etwa von Irmtraud Morgner, Walter Jens, Günter de Bruyn, Carola Stern, Stephan Hermlin, Andreas Reimann, Johannes Bobrowski, Carlfriedrich Claus, Christa Cremer, Volker Braun, Gino Hahnemann, Jan Faktor, Nuria Quevedo und Maria Sommer.