Hinter Lemberg, schrieb Joseph Roth 1924 in der Frankfurter Zeitung, „beginnt Russland, eine andere Welt.“ Zu der Zeit trug Lemberg den polnischen Namen Lwow, zwischen 1918 und 1939 gehörte es zu Polen, aber Joseph Roth feierte die Stadt als Zentrum der Diversität. Lemberg sei ein bunter Fleck im Osten Europas, so Roth, „dort, wo es noch lange nicht anfängt, bunt zu werden. Die Stadt ist ein bunter Fleck: rot-weiß, blau-gelb und ein bisschen schwarz-gelb. Ich wüsste nicht, wem das schaden könnte. (…) Hier hörte man immer Deutsch, Polnisch, Ruthenisch. Man spricht heute Polnisch, Deutsch, Ruthenisch. In der Nähe des Theaters, das am unteren Ende die Straße abgrenzt, sprechen die Menschen Jiddisch. Immer sprachen sie so in dieser Gegend. Sie werden wahrscheinlich niemals anders reden.“

Josephs Roth gelassen-optimistische Wahrnehmung Lembergs wurde jäh enttäuscht. Jiddisch spricht in Lwiw heute, nach der Ermordung der galizischen Juden durch das NS-Regime, niemand mehr. Auch Deutsch und Polnisch, resümiert der Berliner Historiker Michael Wildt in seiner groß angelegten Studie über die „Zerborstene Zeit“ zwischen 1918 und 1945, sprachen dort zuletzt nur noch wenige Menschen, größtenteils Touristen. Nie sei Lemberg, Lwow, Lwiw, so Wildt, derart einfarbig wie in den letzten Jahren vor dem Ende des Kommunismus gewesen.

Mehr als ein Stück Literatur

Dann jedoch begann die Farbe Orange zu leuchten. „In der Unabhängigkeitsbewegung der Ukraine spielte Lwiw eine bedeutende Rolle, galt sogar als die eigentliche Hauptstadt der freien Ukraine, weil sie sich dem Janukowitsch-Regime beharrlich widersetzte.“ Als Michael Wildt sein Buch schrieb, meinte er, noch immer den alten Glanz spüren zu können, weswegen Lemberg einmal das Wien des Ostens genannt wurde. Die Hoffnung auf eine Hauptstadt der europäischen Provinz, wie Karl Schlögel es prophezeit hat, ist zerstoben. Lemberg ist jetzt eine Kriegsstadt, in der sich die Menschen vor russischen Langstreckenraketen fürchten. Und Joseph Roths kluge soziologische Analyse? Vertagt auf die Nachkriegszeit. Und doch, gerade jetzt, mehr als ein Stück Literatur: „Die Stadt demokratisiert, vereinfacht, vermenschlicht, und es scheint, dass diese Eigenschaften mit ihren kosmopolitischen Neigungen zusammenhängt. Die Tendenz ins Weite ist immer gleichzeitig ein Wille zur selbstverständlichen Sachlichkeit. Man kann nicht feierlich sein, wenn man vielfältig ist.“