Der Chef der Deutschen Kinemathek, Rainer Rother, ist sich ganz sicher: Leni Riefenstahls (1902-2003) zweiteiliger Film über die olympischen Spiele von 1936 ist „der beste Sportfilm aller Zeiten“. Ich kann das nicht beurteilen. Ich kenne außer ein wenig Willy Bogner keine Sportfilme. Am Freitagabend wurden im Berliner Zeughauskino in der Reihe „Unter Vorbehalt“ „Olympia – Fest der Völker“ und „Olympia – Fest der Schönheit“ gezeigt. Jeder der Filme dauert etwas länger als zwei Stunden. Dazu kamen, nach dem ersten Film, ein Vortrag von Rainer Rother und eine Diskussion. Der Abend endete nach 23 Uhr.

Langweilig war er nicht. „Olympia – Fest der Völker“ war sogar ausgesprochen spannend. Jedenfalls als das mir gar zu künstlerische, überblendungsreiche Vorspiel, das vom antiken Olympia ins Spree-Athen von 1936 führte, hinter uns lag. Die, wenn man so will, Berichterstattung über die Spiele war großartig. Vor allem natürlich, weil die 34-jährige Regisseurin sich null um die Berichterstattung kümmerte. Sie interessierte sich für Sport, Spiel, Spannung. Der Kampf, der Einsatz, der Triumph, das Scheitern – das sind ihre Geschichten. Dass zum Beispiel die deutsche Vier-mal-hundert-Meter-Staffel der Frauen ihre scheinbar schon sichere Goldmedaille nicht bekommt, dass der Staffelstab fällt, ist ein kunstvoll ausgekosteter Augenblick, aber dann geht es nach einem kurzen Blick in die Führerloge weiter.

Zuschauer Hitler

Die Führerloge. Sie kommt seltener vor, und sie spielt eine andere Rolle, als man denken könnte. Der Führer wird nicht zelebriert. Er steht nicht als ein Held unter Helden. Überhaupt nicht. Er ist aufgeregter Zuschauer. Beim 1000-Meter-Lauf zeigt Leni Riefenstahl Adolf Hitler, wie er sich unentwegt mit der Hand über sein rechtes Knie streicht. Er ist sehr erregt. Ich verstehe nicht warum, denn bei diesem Wettbewerb ist kein Deutscher zu sehen.

Zwei Dinge fallen auf. Jede unserer heute noch so politisch-korrekten Sportübertragungen ist „nationalistischer“ als der Riefenstahl-Film. An keiner Stelle wird zum Beispiel erwähnt, dass Deutschland mit weitem Abstand die meisten Medaillen gewonnen hat. Das wäre heute undenkbar. Und noch etwas: Der Enthusiasmus hielt sich in Grenzen. Unvorstellbar, dass der Führer die Arme in die Höhe reißend aufspringt. Vielleicht nicht unvorstellbar, aber für diese Art Freude ist in dem Riefenstahl-Film kein Platz. Der Führer erscheint als ein ganz normaler Mann, der seinen Nachbarn Göring und Goebbels ab und zu mal einen begeisterten Blick zuwirft, eine bedauernde Geste macht, sich mit ihnen über das Missgeschick der Frauenstaffel austauscht, aber ansonsten so gebannt den Wettbewerben zusieht wie die Zuschauer in den Kinosälen dem packenden Film von Leni Riefenstahl.

Natürlich spielt der Führer eine Rolle. Aber nur eine kleine. Gerade dadurch aber ist sie möglicherweise um so wirkungsvoller. Das Filmpublikum der Nazizeit wird diese Aufnahmen vom „privaten“ Führer goutiert haben. Vielleicht noch mehr, als wir heute Urlaubsfotos der Kanzlerin als einen „Blick hinter die Kulissen“ genießen. Der Führer war schließlich ein „Mann der Vorsehung“, also deutlich mehr als eine gewählte Kanzlerin. In Leni Riefenstahls Film mimt er gerade nicht den Führer, sondern den Zuschauer. Sein Menscheln musste großen Effekt machen. Die Macht, die davon ausgeht, dass jeder weiß, was sie ist, kann sich völlig leutselig geben. Die Macht aber, die sich nicht sicher sein kann, kann die Leutseligkeit, die ihr fehlt, ganz bewusst erzeugen und geschickt einsetzen als ein Mittel der Propaganda. Das praktiziert Leni Riefenstahl in den Hitler-Sequenzen ihres „Olympia“-Films.

Man kann das jetzt so deutlich sagen, weil der Film restauriert wurde anlässlich des 75. Jahrestags seiner Uraufführung am 20. April (Führergeburtstag) 1938. Wir sahen also im Zeughaus nicht die FSK-Fassung der 1950er-Jahre, sondern die, die 1938 in die Kinos kam. Wir hörten also das Horst-Wessel-Lied und die erste Strophe des Deutschlandliedes. Das übrigens bei einer uns so nebensächlich erscheinenden Entscheidung wie dem Speerwerfen.

Keine Berichterstattung, schrieb ich. Das ist harmlos gesagt. Leni Riefenstahl schneidet ganz nach Gusto zusammen. Wir wissen also nicht, ob Hitler sich wirklich beim 1000-Meter-Lauf so aufgeregt das Knie rieb oder bei anderer Gelegenheit. Leni Riefenstahl ist Dramatikerin. Sie nutzt die Techniken der verzögernden Steigerung. Beim Speerwurf zum Beispiel, den sie als atemraubendes Duell zwischen einem Finnen und einem Deutschen darstellt, gibt es Augenblicke, sehr lange ausgekostete Augenblicke, in denen es nur darum geht, die Speere durch die Luft fliegen zu lassen. Es kommt nicht mehr darauf an, welcher Speer da fliegt; niemand misst, wie weit er fliegt. Es geht ganz um die Erotik des freien Flugs. Das ist die vielleicht wichtigste Botschaft des Films. Sie wird immer wieder beschworen, und schließlich endet der Film ja auch mit dem Turmspringen – jener berühmten Sequenz, in der es nicht darum geht, hinunterzukommen, sondern im Gegenteil der Gravitation zu trotzen. Die Springer werden als fliegende Körper gezeigt. Eine Lust.

Sprinter Owens

Körper. Um die geht es. Sie werden gefeiert. Es sind nicht immer die Körper, wie wir sie heute kennen. Es sind Körper vor der Erfindung künstlicher Steroide. Ein Muskel ist noch ein Muskel. Er ist nur da, wo er gebraucht wird. Um so verblüffter ist der Betrachter, wohl mit Leni Riefenstahl, die immer wieder den Blick darauf lenkt, einen heftig hervorspringenden runden Muskel seitlich am Oberschenkel von Jesse Owens wahrzunehmen, der bei ihm so gewaltig hervorspringt, wie bei niemandem sonst. Es ist, ich habe mich im Internet kundig gemacht, der Schenkelbindenspanner, der „zum Beispiel bei Sprintern stark ausgeprägt“ sei.

So genau sieht Leni Riefenstahl hin. Sie liebt freilich auch die Kunst, und dafür wurde sie von Susan Sontag geliebt. Nackte Menschen, die – von einem Symphonieorchester begleitet – durch den Wald rennen, reizen allerdings eher meinen Sinn fürs Komische. Ich kann auch kunstvoll ausgeleuchtetem Reifenschwingen wenig abgewinnen. Die Damen mögen dabei noch so barbusig sein. So bleibe ich taub gegenüber manchem der Reize, auf die Leni Riefenstahl besonders stolz war und für die sie bis heute sehr geschätzt wird.

Aber natürlich fängt sie auch mich ein. Wenn eine unten stehende Kamera die Mühsal zeigt, mit der ein Hochspringer über die Latte geht, dann zittere ich mit. Ich tut das, weil ich sehe, wie selbst eine Fußspitze die Latte noch reißen kann, wenn der schwerste Teil, der Hintern, es schon hinüber geschafft hat. Die Spannung ist nicht nur die von „Schafft er es?“, sondern sie steigert sich Stück für Stück, und wenn es dann klappt, bin ich so froh, als wäre ich selbst gesprungen. Der Film reißt den Besucher mit. Über sich hinaus.