Ob sich die Ostdeutschen sich nicht besser mit Frankreich wiedervereinigt hätten als mit den Westdeutschen? Schon allein, weil sie viel schickere Autos hatten. 
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BerlinMeine Frau Catherine ist ja seit ihrer Geburt Französin, so wie ich seit meiner Geburt Ostdeutscher bin. Franzosen und Ostdeutsche haben sehr viel gemeinsam: Sie glauben fest an den Staat, haben außergewöhnlich guten Sex, lassen ihre Frauen einer ordentlichen Beschäftigung nachgehen, schicken ihre Kinder mit sechs Monaten in die Kita und haben mindestens eine Revolution erfolgreich zu Ende geführt.

Wobei die Sache mit der Revolution zugleich auch den größten Unterschied zwischen Frankreich und Ostdeutschland aufzeigt. Denn während die Franzosen nach einer wüsten Metzelei die Republik ausriefen, lösten die Ostdeutschen nach einer komplett friedlichen Umwälzung ihr eigenes Land auf.

Ich persönlich frage mich bis heute, ob die Ostdeutschen sich nicht besser mit Frankreich wiedervereinigt hätten als mit den Westdeutschen. Wir hätten vermutlich weniger Anpassungsschwierigkeiten gehabt, von der Sprache mal abgesehen. Und wir wären auf einen Schlag Mitbürger von Sophie Marceau geworden und nicht von Annegret Kramp-Karrenbauer.

Aber Schwamm drüber, was passiert ist, ist passiert. Und ich persönlich muss auch gar nicht traurig sein, weil das Schicksal mir nun offenbar eine zweite Chance bietet. Denn meine Frau Catherine, die seit nunmehr 26 Jahren in Deutschland lebt, sagte vor ein paar Tagen zu mir: „Oh Liebster, lass uns unseren Bund noch weiter vertiefen und nicht nur das Bett, das Konto, die Kinder, sondern auch die Staatsbürgerschaft teilen!“

Also gut, genau so sagte sie es nicht, es war vielmehr so, dass sie es nach 26 Jahren irgendwie unangemessen fand, in ihrer Berliner Heimat immer noch als Ausländerin betrachtet zu werden. Deshalb spielt sie jetzt mit der Idee, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen (weil die DDR ja niemanden mehr aufnehmen kann).

Für meine Frau Catherine ist das ein gewaltiger Schritt. Ich erinnere mich daran, wie ich ihr vor Jahren einmal wegen einer Reihe praktischer Gründe vorgeschlagen habe, Deutsche zu werden. Damals schaute sie mich an, als hätte ich ihr angeboten, ein Kilo Teewurst gegen ein Kilo Foie gras zu tauschen. Sie sagte: „Ich bin Französin!“ Und damit war das Thema beendet.

Allerdings ist es auch jetzt so, dass Catherine ihrer möglichen Einbürgerung mit wenig Begeisterung entgegenblickt. Sie sieht es eher als eine Art Opfergabe. Und sie will das nicht alleine durchziehen. Sie sagte: „Wenn ich Deutsche werde, dann wirst du auch Franzose!“ Um mir die Sache schmackhaft zu machen, schwärmte sie von der Symbolik eines solchen Unterfangens. „Wir reißen die Grenzen nieder, wir gehen ineinander auf, wir werden eins in jeglicher Hinsicht!“

Natürlich ließ ich mich von ihrem Elan mitreißen, ich dachte darüber nach, ob man wohl EU-Beihilfen für so ein Projekt beantragen kann. Ich meine, warum sollen nur stillgelegte Ackerflächen gefördert werden und keine stillgelegten Konfliktflächen?

Aber je länger ich über die Sache nachdenke, desto seltsamer erscheint sie mir. Ich meine, ich liebe Frankreich, ich liebe die französische Sprache, ich liebe meine französische Familie. Außerdem habe ich weite Teile meines Studiums und meines Lebens dort verbracht. Und, nicht zu vergessen, meine Töchter sind bereits Deutsch-Französinnen. Und trotzdem zögere ich.

Schon die Umstellung vom Ostdeutschen zum Deutschen hat mich einige Kraft gekostet. Ich hätte Angst, identitätsmäßig zu zerbröseln und gar nicht mehr zu wissen, wer ich bin. Trotzdem habe ich mir jetzt mal die Einbürgerungs-Unterlagen vom französischen Konsulat schicken lassen. Eine der ersten Fragen lautet: „Warum wollen sie Franzose werden?“ Ich schrieb: „Weil meine Frau das so will.“

Mal sehen, was passiert.