Mit Leonard Cohen ist man gern an einem Ort. Auch wenn es die im Nationalsozialismus erbaute und menschenvolle Waldbühne ist und die Gefahr besteht, dass sich die Kraft seiner Musik verflüchtigen kann. Bei Cohen muss man diese Angst aber nicht haben. Man hört ihm gern zu, wie er mit seiner tiefen, durchdringenden Stimme über Weltschmerz, Liebe und Leben, Glauben und Zweifel, das Glück oder die düstere Zukunft („The Future“) singt. Warum ist das so?

Wenn Cohen singt, fühlt es sich an, als ob er einem ins Ohr flüstert. Cohen hat seine Stimme schon lange gefunden, sich mit ihr arrangiert. Eine großartige Stimme hat er nie gehabt, aber eine, die etwas zu sagen hat, eine, die entführen kann ohne mit ausgefeilter Technik zu blenden. Und sie wird immer tiefer über die letzten Jahre, er ist „born with this gift of the golden voice“ wie er in „Tower of Song“ singt; er bezieht das nicht auf seine Stimme, aber seine Hörer können das tun.

Ohne Schnickschnack

Neben der Stimme ist es seine Erscheinung die stilsicher, unaufgeregt, aber nicht unangenehm selbstsicher rüberkommt. Cohen scheint einer zu sein, der nicht an seinem Alter verzweifelt, auch wenn er nicht versteckt, dass es nicht mehr so ist wie früher. Das Konzert kommt ganz ohne Schnickschnack und ohne Erklärungen vor angespielten Stücken, von denen es an diesem Abend 29 gab, aus.

Wir sehen Cohen, wie er sich meist langsam und vorsichtig zu den Folk- und Blues-Liedern auf der Bühne bewegt, die Gitarrensaiten schnarren lässt, wie er sich immer wieder höflich vor seinen sehr guten Musikern (Roscoe Beck am Bass, Neil Larsen an der Hammond Orgel, Bob Metzger an der Gitarre, Oud-Spieler Javier Mas, dem Violinisten Alexandru Bublitchi) nach kurzen Soli verneigt, dabei höflich den Hut vom Kopf zieht, wie er sich zu den drei hervorragenden Sängerinnen (den Webb Sisters und Sharon Robinson) wendet, mit ihnen singt. Der Kontrast zwischen seiner Stimme und den zauberhaften Engelsstimmen spendet bei aller Hoffnungslosigkeit und Dunkelheit im Text Trost.

Im Publikum wird geknutscht, gekuschelt, geschunkelt. Cohen, mit dem Hut halb im Gesicht und meist zugekniffenen Augen schaut ab und zu herauf, er ist angetan, als bei „First we take Manhatten“ die Lichter auf das Publikum gerichtet werden und alle „then we take Berlin“ singen. Das wiederum ist auch der absurdeste Moment des Abends, denn hier ist das Publikum bereit, sich völlig zu ergeben, obwohl man diesen alten Hit inhaltlich durchaus als Psychogramm eines religiösen Fanatikers interpretieren könnte, der sich beide Städte unter den Nagel reißen will. Egal, es wird geklatscht.

Nach dreieinhalb Stunden ist es dann vorbei. Cohens Formel ist: die Verworrenheit des Lebens textlich zu verarbeiten und in eine einfache Musiksprache zu fassen. Den Irrungen und Wirrungen des Lebens muss man nicht mit musikalischem Chaos entgegentreten.