Einst, als ich noch jung war, verfertigte ich mir eine Liste mit Erlebnissen, die ich meinem Leben noch zuteil werden lassen wollte. Zu Beginn schrieb ich: „Leonard Cohen live hören“. Zur jener Zeit saß der Nämliche in einem weit entfernten Kloster und meditierte. Es hieß, er werde nie wieder ein Konzert geben. Das war ein trefflicher Grund für den ersten Platz auf meiner Liste, denn nur das eigentlich Unerreichbare konnte im Fall des Eintreffens die grenzenlose Freude auslösen, an die ich mich aus meiner Kindheit nur mehr erinnerte.

Dort war es etwa ein schlichter Videorekorder, der nach jahrelangem sehnsüchtigem Begehren und konstantem Bearbeiten meiner Eltern irgendwann Einlass in unsere Schrankwand fand. Alle paar Jahre sollte mein Leben sich an solcher Freude erfrischen können, so dachte ich.

Seinerzeit malte ich mir aus, wie Leonard Cohen doch einmal, von seinem Kloster herabsteigen würde, um irgendwo in Kanada heimlich ein Konzert zu geben, in einem Kellerclub für wenige Gäste. Es wäre mir auf geheimnisvollem Weg zugetragen worden, ich hätte all mein Geld, meinen Jahresurlaub genommen, ach was, ich hätte gekündigt, meinen Hausstand verpfändet oder wäre im neunten Schwangerschaftsmonat zu ihm geflogen.

Ich wäre in diesen Club getreten, hätte Leonard Cohen die widrigen Umstände meiner Anreise geschildert, und er hätte sein gütig verschmitztes Lächeln gelächelt, das Kind in meinem Bauch gesegnet und „Take this Waltz“ gesungen. Nur für mich. Es ist in Nuancen anders gekommen.

Danke der Managerin!

Man hörte, seine Managerin habe ihn um sein Vermögen gebracht, und er müsse noch ein Mal auf Tournee gehen, um seine Altersvorsorge zu sichern.

Ich brauchte also gar nicht zu ihm kommen! Er kam zu mir! Nach Berlin! Für läppische 80 Euro! Das war schon fast kränkend! Na gut, ich hatte 15 Jahre darauf gehofft, aber das ist keine Zeit im Angesicht der Ewigkeit! Das war so, als wenn sich jemand jahrelang auf eine Bergbesteigung vorbereitet und endlich dort angekommen, sieht, dass bereits ein Fahrstuhl zum Gipfel führt. Meine rückhaltlose Opferbereitschaft wurde gar nicht Anspruch genommen. − Egal, dachte ich, nimm es als Geschenk an und danke der Managerin!

Ich ging zum Konzert in die Riesenhalle, die, anders als der imaginierte Club, eher die emsige Atmosphäre eines Großflughafens verbreitete, aber egal auch das. Da war er und da war auch ich. Und zehntausend andere. − Ich war nicht enttäuscht. Im Gegenteil! Cohens Stimme hat es geschafft, diese kalte große Halle und diese Zehntausend vergessen zu lassen. Da waren tatsächlich nur er und ich und ein paar wenige. Und „Take This Waltz“ hat er für mich gesungen! Welche Freude! So etwas wirst du nie wieder erleben, sagte ich mir und glaubte es.

Bis die Ankündigung für das zweite Konzert kam. Was denn, was denn, rief ich. Das ist doch nicht so einfach wiederholbar! Nein, diesmal kann ich nicht gehen! Ich lass mir mein Einmaligkeitsgefühl nicht versauen! Nicht von Leonard Cohen! In der Nacht des Konzerts schlief ich ganz schlecht daheim in meinem Bett. Schon reute es mich zutiefst. Ich sagte mir, du bist nicht hingegangen wegen eines aufgeblasenen Gefühls, und nun wirst du ihn nie wieder live hören! Du Närrin!

Weit gefehlt. Schon bald hingen die Plakate der neuen Tournee an den Zäunen der Stadt. Ich kaufte sofort ein Ticket für die Waldbühne. Ist ja woanders, tröstete ich mich, wird sicher nicht das Gleiche. Besser. Viel romantischer. Es wurde nicht besser, aber auch nicht schlechter. Es war nahezu identisch, doch die siebenminütige Magie, die von dem Lied „The Partisan“ ausging, war neu. Nahezu berauschend! Ich gratulierte mir zu meiner Entscheidung, mein Einmaligkeitsgefühl durch dieses nun ganz sichere Lebewohlkonzert ergänzt und vervollständigt zu haben.

Bis ich, richtig, abermals eine Ankündigung für die nunmehr vierte Tournee las. Inzwischen glaube ich, er kommt gar nicht wegen des Geldes, er kommt, weil er seinen Auftritt genießt. Vielleicht geh ich wieder und wieder hin, um es mit ihm gemeinsam zu genießen. Doch die Freude danach, fürchte ich, wird schon bald ähnlich der sein, die ich empfinde, wenn ich mir einen Film mit unserem inzwischen vierten DVD-Player anschaue.

Leonard Cohen spielt mal wieder in Berlin: am Mittwoch (17.07.2013) in der O2-World.