Würde bewahren in Zeiten des Wahnsinns: Mohamed Helmy mit seiner deutschen Verlobten Emmy Ernst im Berlin der 30er-Jahre.
Foto: Berliner Verlag

Berlin„Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ So steht es auf der Medaille, die die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem jenen Menschen verleiht, die während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft Juden vor dem Tod bewahrten, unter dem Einsatz ihres eigenen Lebens.

Unter den mehr als 25.000 Menschen, denen diese Auszeichnung zuteil wurde – vielen davon posthum –, ist auch Dr. Mohamed Helmy, der in der Nazizeit in Berlin als Arzt praktizierte und der jungen Jüdin Anna Boros das Leben rettete, indem er sie als seine Nichte ausgab und in seiner Praxis als Sprechstundenhilfe beschäftigte.

Das Besondere an seiner Geschichte ist, dass er aus Ägypten stammte und Muslim war – und bis heute der einzige Araber ist, der als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurde. Der Journalist und Autor Ronen Steinke hat diese Geschichte recherchiert und rekonstruiert und mit seinem wunderbaren Buch „Der Muslim und die Jüdin“ dem Vergessen entrissen.

Die Nazis beendeten friedliches Miteinander

Vergessen war nicht zuletzt, dass es in den 20er- und 30er-Jahren ein reiches arabisches Leben gab in Berlin, und dass dieses alles andere war als judenfeindlich. Ganz im Gegenteil gab es einen regen Austausch zwischen Muslimen und Juden. Jüdische Literaten und Gelehrte waren gerngesehene Gäste in der Berliner Moschee in Wilmersdorf, deren Geschäftsführer seinerseits ein konvertierter Jude war.

Die jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler spazierte als arabischer Prinz kostümiert über den Kurfürstendamm und gemahnte, insbesondere in ihrem Werk „Das Hebräerland“, an die gemeinsamen Wurzeln der beiden Religionen und daran, dass es gelte, das Getrennte wieder zu vereinen.


Lesungen

  • Ronen Steinke: Der Muslim und die Jüdin, 27.1., 13.30 Uhr, Ruth-Cohn-Schule, Bismarckstr. 20
  • Fotos aus Sobibor, 28.1., 19 Uhr, Topografie des Terrors. Niederkirchnerstr. 8
  • Eugen Ruge: Metropol, 31.1., 20 Uhr, Brecht-Haus, Chausseestr. 125

Erst die Nazis beendeten das Miteinander der von Lasker-Schüler als „Stiefbrüder“ charakterisierten Religionsgruppen. Während sie die Juden entrechteten und verfolgten, blieben die Araber von allem Rassenwahn unbehelligt. Zu wichtig waren gute Beziehungen zur islamischen Welt und deren Führern, die man als Verbündete gegen die Rivalen Frankreich und England sah.

Mehrmals hätte Helmy auffliegen können

Unabhängig davon galten die Araber den Nazi-Ideologen als Art Arier honoris causa. Laut Albert Speer soll Adolf Hitler den Islam als „mannhaft“ und recht eigentlich „den Germanen wie auf den Leib geschrieben“ bewundert haben: „Die mohammedanische Religion wäre für uns viel geeigneter als ausgerechnet das Christentum mit seiner schlappen Duldsamkeit.“ Die dieser Tage von besorgten Bürgern apokalyptisch beschworene Islamisierung des Abendlandes war für Hitler seinerzeit ein Wunschtraum.

Mohamed Helmy war smart genug, um die Perfidie der Nazis zu durchschauen, und wie zum Hohn auf die Rassengesetze flanierte er mit seiner jungen deutschen Verlobten Emmy Ernst durch die Straßen. Er war aber auch couragiert genug, sich mit dem Irrsinn nicht gemein zu machen.

Das waghalsige Theaterstück, das der Arzt inszenierte, um das Mädchen zu retten, und das die beiden einmal sogar ins Gestapo-Quartier führte zwecks Untersuchung des dort weilenden Großmuftis von Jerusalem – das alles war mehrmals kurz davor, aufzufliegen. Dann hätte es auch für Helmy keine Rettung gegeben. Es ist ein packender, bewegender Krimi, aus dem Ronen Steinke heute, zum Holocaustgedenktag, in der Ruth-Cohn-Schule in Charlottenburg liest.

Einblick in die Ermordung polnischer Juden

Welches Grauen drohte, kann man sich am Dienstag in der Topographie des Terrors anschauen. Dort werden erstmals Fotos aus der sogenannten Niemann-Sammlung präsentiert. Johann Niemann war stellvertretender Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor, und vor kurzem wurden mehr als 350 Fotos aus seinem Besitz entdeckt.

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Auch diese Bilder reißen Dinge aus dem Vergessen und gewähren bisher unbekannte Einblicke vor allem in die als „Aktion Reinhard“ bezeichnete Ermordung von mehr als 1,7 Millionen überwiegend polnischen Juden. Und nein, die Frage dabei ist nicht primär, ob John Demjanjuk darauf zu identifizieren ist.

Es geht um die Frage, wie Menschen zu solchen Verbrechen imstande waren. Und wie wir uns wappnen gegen diejenigen, die trotz dieser Monstrositäten nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ schreien.