Tagestipp: Die Lesungen dieser Woche.
Foto: imago images/Chris Emil Janßen

BerlinSchlimmer geht’s ja immer. Und fraglos steht Optimismus gesellschaftlich viel stärker unter Ideologieverdacht als Schwarzmalerei. Blühende Landschaften und alles andere, was freundlich ist oder gut endet, gilt in der Kunst umstandslos als Kitsch. Oder es ist groß genug, eine Utopie zu sein. Aber was genau gab es da noch einmal zuletzt? Der auf lateinisch verfasste Roman „Utopia“ des englischen Politikers, Schriftstellers (und Heiligen!) Thomas Morus stammt aus dem Jahr 1516.

Ou tópos im Griechischen, Nicht-Ort... Morus schildert in seinem philosophischen Gespräch über Staatsformen eine ferne Insel, auf der vor (damals) 1200 Jahren Römer und Ägypter schiffbrüchig anlandeten und eine ideale Gesellschaft vorfanden: In 54 völlig gleichen Städten leben die Insulaner als glückliche Handwerker und Bauern, arbeiten täglich nur sechs Stunden und teilen sich allen Besitz: Sozialismus, bevor es diesen Begriff gab – mit dem Unterschied, dass die Utopier so viel erwirtschaften, dass sie nicht nur reichlich Vorräte haben, sondern ihren Überschuss auch in andere Länder verkaufen können, zu fairen Preisen, versteht sich.

Auch am Spaß wurde allerdings gespart, wie folgende Passage zeigt: „Ihr seht schon, in Utopien gibt es nirgends eine Möglichkeit zum Müßiggang oder einen Vorwand zur Trägheit. Keine Weinschenken, keine Bierhäuser, nirgends ein Bordell, keine Gelegenheit zur Verführung, keine Schlupfwinkel, keine Stätten der Liederlichkeit; jeder ist vielmehr den Blicken der Allgemeinheit ausgesetzt, die ihn entweder zur gewohnten Arbeit zwingt oder ihm nur ein ehrbares Vergnügen gestattet.“

Woher kommt die Lust am Dystopischen?

Tatsächlich kommt man nicht umhin, aus Morus’ Text einen zart ironischen Unterton herauszulesen, der die Phantasie vom guten Leben am Ende doch wieder in eine kommunistische Art von Absurdistan verlegt. Und George Orwell, der 430 Jahre später in der Abgeschiedenheit der schottischen Hebrideninsel Jura begann, seinen Roman „1984“ zu schreiben, knüpfte denn ja unter anderem an solche Stellen aus „Utopia“ an und landete damit genau beim Gegenteil, der durch und durch ernsthaften Dystopie nämlich. Wobei dieser Begriff für Zukunftsromane, die düsterste Verhältnisse schildern, noch gar nicht so lange verwendet wird, in letzter Zeit jedoch gleich gehäuft vorkommt.

„Hurra, die Welt geht unter!“ heißt denn auch eine Veranstaltung des Literaturnetzwerkes KOOKread, die sich mit der Frage befasst, warum die Schwarzseherei in der deutschen Literatur derzeit „Hochkonjunktur“ hat: „Die neoliberale Wertschöpfungslogik wird bis in ihre Extreme nachvollzogen, technologische Entwicklungen extrapoliert, die Ressourcen der Erde zu Ende ausgebeutet. Sind dystopische Romane die logische künstlerische Reaktion auf die politischen und gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart?“ Ja, vermutlich.

Drei Autoren stellen am Dienstag im Acud ihre entsprechenden Geschichten vor: Philipp Schönthaler aus Konstanz lässt in „Der Weg aller Wellen“ einen Mann die Kontrolle über seine digitale Identität verlieren und zum Partisanenkämpfer gegen Internetkonzerne werden. Theresa Hannig aus Fürstenfeldbruck beschreibt in „Die Unvollkommenen“ eine Bundesrepublik Europa, die von einer Künstlichen Intelligenz regiert wird. Eckart Nickel aus Frankfurt am Main schickt in „Hysteria“ einen Hypersensiblen ins Dickicht zwischen Natur und Künstlichkeit.

Schriftstellerinnen diskutieren den Mauerfall

Einen Tag später lädt Kerstin Hensel in der Akademie der Künste dann zu einer anderen Art von post-utopischem Gespräch. Das Genre des Wenderomans, findet sie, werde gemeinhin zu stark mit Romanen von Männern identifiziert. Und zu stark mit deutschen Positionen. Dem will sie entgegenwirken und spricht mit der in Berlin lebenden deutschen und rumänischen Schriftstellerin Carmen-Francesca Banciu, der ebenfalls in Berlin lebenden kroatischen Autorin Marica Bodrožic, mit Katja Lange-Müller und der Psychoanalytikerin (und Tochter von Christa Wolf) Annette Simon.

In „Utopia“ übrigens sind Frauen zwar im Hausvorstand, dienen aber den Männern. Im wirklichen Leben ging Thomas Morus seiner Zeit indessen weit voran und ließ seinen Töchtern die gleiche Bildung angedeihen wie seinem Sohn.

Foto: imago images/Ulrich Zillmann
Veranstaltungen

Hurra, die Welt geht unter! Die Lust am Dystopischen, 10. 12., 20 Uhr, Acud-Club, Veteranenstr. 21 Heldinnen wie wir? Schriftstellerinnen diskutieren über 30 Jahre Mauerfall, 11. 12., 19 Uhr, Akademie der Künste, Pariser Platz 4