Erik Range und Valentin Rahmel haben mehr Abonnenten als die Magazine Spiegel und Stern zusammen. Rund zwei Millionen Nutzer verfolgen auf der Videoplattform Youtube das Treiben der beiden Kölner, die bei ihren Fans besser bekannt sind als Gronkh und Sarazar.

Wenn Deutschlands erfolgreichste Produzenten von sogenannten Let’s-Play-Videos öffentlich auftreten, fragen Fans nach Autogrammen oder bitten um ein Foto mit den beiden. Kürzlich bei den Deutschen Gamestagen in Berlin reichte ein junger Mann Gronkh sein Telefon, seine Freundin sei dran – ob Gronkh ihr spontan etwas sagen könne? „Hallo Sarah, wo bist du?“ plauderte Gronkh drauflos: „Im Supermarkt? Bringt Milch mit, zwei Liter, Tschüüüss!“

Gronkh, Sarazar, Sie spielen Videogames, geben Tipps und plaudern dabei über Gott und die Welt. Warum schauen sich Millionen Menschen so etwas an?

Gronkh: Das wissen wir auch nicht. Wir wollten damals ein Spiele-Magazin namens PlayMassive machen. Das dümpelte so vor sich hin, und dann dachten wir uns 2010: Die Leute werden immer lesefauler, wir sollten besser auf Video-Content gehen und die Spiele zeigen – damit die Leute sehen, wie sich die anfühlen. Weil ich zu blöd war, das selbst hinzukriegen, habe ich gegoogelt und gesehen: Ah, Let’s play – das war der Startschuss.

Sarazar: Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er das guckt. Mancher denkt sicher: Sowas würde ich mir nie reinziehen, da nehme ich doch lieber selbst die Konsole in die Hand. Aber es kann ganz schön sein, sich auch mal berieseln zu lassen.

Gronkh: Bei mir gucken manche Leute die Videos – das hört sich jetzt nicht besonders gut an – aber die gucken die zum Einschlafen. Das liegt wohl an meiner Stimme.

Sarazar: Oder an deinen Witzen.

Spielen Sie alle Arten von Games?

Sarazar: Wir spielen nie ein Spiel, dass uns selbst keinen Spaß machen würde. In Strategiespielen sind wir ziemlich schlecht, vielleicht weil wir zu doof sind. Wir sind ja keine guten Spieler, sondern ganz normale Casual Gamer. Und wir spielen manchmal auch ältere Titel – oder Indie-Games, die viele vielleicht gar nicht kennen. Die Toptitel gehen gar nicht zwangsläufig besonders gut.

Sind Sie damit reich geworden?

Gronkh: Sie sehen doch, ich habe ein Sakko an! Na ja, wir können mittlerweile davon leben, Youtube hat ja auch kräftig zugelegt. Wir kriegen das, was übrig bleibt, wenn sich alle anderen bedient haben.

Sehen Sie sich selbst eigentlich als Journalisten?

Gronkh: Ich habe das, was wir machen, mal eine neue Art von Journalismus genannt. Aber wir bereiten uns nicht vor und überlegen vorher, was wir gut oder schlecht finden an einem Spiel. Sondern wir reagieren spontan und kommunizieren zum Beispiel, wenn wir Bugs finden, also Programmfehler.

Sarazar: Vielleicht könnte man das Guerilla-Journalismus nennen.

Die Spiele-Industrie hat längst die Bedeutung von beliebten Let’s-Playern erkannt. Gibt es Versuche, Einfluss zu nehmen auf Ihre Videos?

Gronkh: Es gibt schon Bemühungen, uns auf Events oder zu Präsentationen einzuladen, die dann in Sydney oder so stattfinden. Aber das ist ja wie bei klassischen Redaktionen auch. Die Hersteller stellen das „Let’s-playen“ mittlerweile auf dieselbe Stufe mit Internet-Portalen und Spielezeitschriften.

Betreiber eines Youtube-Channels sind recht verwundbar. Würde eine Spielefirma eines Ihrer Videos sperren lassen – was sie leicht könnte, weil sie die Rechte an den Bildern ihrer Games hat – gingen Ihnen direkt Werbeeinnahmen verloren. Wird da schon mal der „Wunsch“ geäußert, ein Spiel positiver darzustellen?

Sazarar: Na ja, vielleicht die Bitte, im nächsten Video zu zeigen, dass ich das Spiel doch verstanden habe! Aber ganz ehrlich: Bei Ihnen fragen Firmen doch sicher auch, „Willst du nicht unser Auto toll präsentieren?“.

Was wir dankend ablehnen.

Sazarar: Machen wir auch! Unsere Glaubwürdigkeit ist unser wichtigstes Gut. Die Leute mögen uns ja nicht, weil wir toll spielen, sondern weil wir authentisch sind.

Gronkh: Wir hören aber von Entwicklern, dass die unsere Let’s-plays schauen, um zu verstehen wie der Spieler mit dem Spiel umgeht, was man verbessern kann, um den Spieler heranzuführen.

Könnten Ihre Videos auch in einem Fernsehsender laufen?

Gronkh: Das Problem ist nicht das Medium, sondern das Publikum und seine Erwartungen. Im ZDF zum Beispiel könnte man die Videos nicht laufen lassen, da bräuchte man eine richtige Show dahinter.

Sarazar: Ich weiß nicht. Ob der Zuschauer im Fernsehen wirklich 20 Minuten „Minecraft“ sehen will? Bei Youtube siehst du immer den Content, den du wirklich haben willst. Wir sind auch auf anderen Plattformen aktiv und haben diese Livesendung auf myvideo.de, da spielen wir gemeinsam mit den Zuschauern. Das Feedback über die Nutzerkommentare können wir direkt einfließen lassen, das schätzen wir sehr. Ihr wollt das und das sehen? Oder am liebsten dieses Spiel spielen? Ok, dann machen wir das.

Wie viele Zuschauer haben die Live-Sendungen?

Gronkh: Kürzlich waren es 100 000. Das sind rund fünf Prozent unserer Abonnenten.

Sarazar: Wir hatten auch eine Live-Show mit anderen Entwicklern zusammen, „Last man standing“, die hatte mehr als eine Million Zuschauer. Das war nach dem Stratosphären-Sprung von Felix Baumgartner wohl der zweitgrößte Livestream-Event in Deutschland.

Beeindruckend – aber im Vergleich zu jeder Rosamunde-Pilcher-Verfilmung oder zum „Tatort“ verschwindend gering.

Gronkh: Stimmt, aber der Moloch Fernsehen ist auch schon seit Jahrzehnten am Start.

Sarazar: Und beim Internet weiß du ganz genau, wer wirklich eingeschaltet hat. Beim Fernsehen sind es ein paar Tausend Leute, die einen Einschaltquotenmesser haben, deren Fernsehverhalten hochgerechnet wird. Unsere Sendungen würden untergehen, weil unsere Zielgruppe so ein Gerät gar nicht hat.

Wäre ein Angebot von einem Fernsehsender interessant für Sie?

Gronkh: Das würde uns schon interessieren, aber wir denken weiter. Wir hoffen, dass wir die Fusion von Internet und Fernsehen, die sicher kommt, begleiten können.

Sarazar: Wir nehmen das alte Medium Fernsehen ernst, das ist noch immer das größere und tonangebende. Aber das wird sich in den nächsten Jahren ändern.

Ihr Umgang mit den Fans ist sehr kumpelhaft. Wird Ihnen das auch manchmal zu viel?

Gronkh: Na ja, wir hatten zum Beispiel Probleme damit, dass Leute immer wieder angerufen haben. Ich will es nicht Telefon-Terror nennen, aber das Telefon stand einfach nicht mehr still. Wir sind dem aber nicht überdrüssig oder sagen, dass wir was Besseres sind.

Sarazar: Man muss sagen, dass die Fans … wir sagen eigentlich Zuschauer. Und die meisten von denen sind richtig nette Leute, bei denen wir froh sind, dass wir sie kennengelernt haben. Ich habe vor ein paar Tagen Mutti besucht, stieg aus dem Auto aus, als ein Junge auf mich zukam. „Sarazar!“ rief der, „dürfte ich vielleicht ein Foto mit Ihnen machen?“ Dabei sind wir ganz normale Leute. Aber du weißt, dass du ihm eine echte Freude bereitet hast – das ist doch toll.

Das Interview führte Marin Majica.