Als der US-Präsident Dwight D. Eisenhower im August 1959 die britische Königin auf Schloss Balmoral besuchte, gab es Eierkuchen. Das beweist ein Brief der Queen an den Präsidenten, abgeschickt ein halbes Jahr später. Sie übersandte ihm das Eierkuchenrezept, „das ich Ihnen auf Balmoral versprochen hatte“. Ihr Brief ist als Faksimile von fünf Seiten in einem ganz und gar erstaunlichen Buch abgedruckt: „Letters of Note. Briefe, die die Welt bedeuten“. Herausgegeben wurde es von Shaun Usher, der eine Website und ein Blog betreibt, mit denen er Briefe sammelt und zeigt. Derzeit stellt er virtuell 900 Briefe aus, die beeindruckendsten 125 haben es in das Buch geschafft. Im vergangenen Jahr ist es im Londoner Verlag Unbound erschienen, finanziert per Crowdfunding. Für die „Letters of Note“ wurde eine ganze Weile Geld gesammelt, denn es galt nicht nur etliche Abdruckrechte einzuholen – das Buch sollte auch eine angemessene Gestaltung haben. Und die hat es nun auch in der deutschen Variante bei Heyne, groß und schwer, in rotes Leinen gebunden.

Die meisten Briefe kann man sich im Original anschauen, daneben ist der Text in freundlicher Schrift gesetzt, in einer Randspalte stehen Erläuterungen zu Schreibanlass und Vorgeschichte.

Die Mehrzahl der Briefe stammt aus dem englischen Sprachraum, ins Deutsche gebracht wurden sie von 34 Übersetzern. Die Dichterin Ulrike Draesner zum Beispiel übernahm die Dichterin Gertrude Stein, besser: eine Absage an sie. Im April 1912 sandte der Verleger Arthur C. Fifield der Stein ein Manuskript zurück, indem er ihren Stil imitierte: „Verehrte Dame, ich bin nur eines, nur eines, nur eines. Nur ein Wesen, eines auf einmal.“ Einen Brief von Nick Cave an MTV von 1996 übernahm der Heyne-Chef Markus Naegele selbst; der Musiker dankt dem Musiksender für alle Unterstützung, möchte aber bitte nicht als „bester männlicher Künstler“ nominiert sein, wie er überhaupt jegliche Auszeichnung mit Wettkampfcharakter ablehne: „Meine Muse ist kein Pferd, und ich nehme an keinem Rennen teil.“ Und Gisbert Haefs übertrug den Brief eines elfjährigen Mädchens, das 1860 an Abraham Lincoln schrieb: „Ich will ganz doll, dass Sie Präsident werden.“ Sie riet ihm, sich einen Bart wachsen zu lassen: „Alle Damen mögen Bärte, und die würden dann ihre Männer triezen für Sie zu stimmen …“ Er hörte auf sie.

Dieses Buch unterscheidet sich von allen anderen Briefsammlungen. Es gibt ja Anthologien von Liebes- oder Abschiedsbriefen, es gibt Briefwechsel Prominter, thematische Sammlungen. Die „Letters of Note“ aber haben keine Klammer außer der Originalität. Jeder Brief steht für sich, jeder lässt staunen über den Menschen und seine Fähigkeiten zur Kommunikation. Man versinkt in dem Buch, springt in den Zeiten, über die Grenzen, wird erheitert und berührt. Und natürlich mischt sich auch Wehmut in die Betrachtung. Das Schreiben von Briefen mit Anrede und Schluss, mit gut sortiertem Gedankenfluss geht mit der elektronischen Post und den Kurznachrichtendiensten verloren.

Es gibt haarsträubende Briefe im Buch wie den „aus der Hölle“ vom Oktober 1888, dem eine halbe Niere beilag, verfasst vermutlich von Jack the Ripper. Der Mörder John Lennons will von einem Experten wissen, was das Album, das er sich von seinem Opfer Stunden vor der Tat signieren ließ, wert sei.

Erschütternd liest sich der Abschiedsbrief von Virginia Woolf an ihren Mann. Kurios ist dagegen ein Schreiben des Marketingleiters der Campbell Soup Company an Andy Warhol. Er schätze seine Kunst, teilt er mit, und schicke ihm einige Dosen Tomatensuppe. Elektrisierend wirken die Botschaften aus den Naturwissenschaften. Francis Crick erklärt seinem zwölfjährigen Sohn 1953 die von ihm und James Watson entdeckte Struktur der DNS, bevor er damit an die Öffentlichkeit ging. Leonardo da Vinci machte um 1438 dem Fürsten von Mailand Ludovico Sforza Vorschläge für Brücken, Tunnel und Wasserleitungen. Und 1844 schreibt Charles Darwin, 15 Jahre vor der Publikation seines Hauptwerks „Über die Entstehung der Arten“, einem Freund, er habe entdeckt, dass Arten nicht unveränderlich seien – und setzt hinzu: „Es ist, als würde man einen Mord gestehen.“

Buchvorstellung u. a. mit Iris Berben, Lars Eidinger, Anna Thalbach. Do 20 Uhr, Babylon, Rosa-Luxemburg-Platz, 15/ 12 Euro