Am Sonntag, dem letzten Tag des Theatertreffens, ist Frank Castorfs Inszenierung von Bertolt Brechts „Baal“ eines angekündigten unnatürlichen Todes gestorben. Das Kunstwerk ist als Held und Märtyrer gestorben. Der Jubel der Gerechten war groß und feierlich. Schande über die Mörder, die noch nicht einmal mit Freude töteten, sondern aus Prinzip.

Die Brecht-Erben, vertreten durch den Suhrkamp-Verlag, hatten nach der „Baal“-Premiere im Januar gegen das Münchner Residenztheater auf Unterlassung geklagt, denn bei der Inszenierung handele es sich um eine „nicht autorisierte Bearbeitung des Stückes“, die Werkeinheit des Brecht-Stückes sei durch den Verschnitt mit Fremdtexten verletzt. Castorf hatte das in vielen Fassungen vorliegende frühe Brecht-Stück über den unmoralischen und animalischen Kunstprotz Baal unter anderem mit dem Vietnam-Kriegsfilm „Apocalypse Now“ kombiniert.

Wird die Welt untergehen?

Verlag und Theater sahen sich vor Gericht wieder, nach sechsstündiger Verhandlung zwischen Autorenrecht und Kunstfreiheit kam es zum Vergleich, die Inszenierung, die inzwischen zwei Aufführungen erlebt hatte und von den Juroren des Berliner Theatertreffens zu den zehn bemerkenswertesten des Jahres gekürt wurde, dürfe in dieser Form nur noch einmal in München und ein letztes Mal eben am Sonntag beim Theatertreffen gezeigt werden. Es war dann eher Formsache, als ein paar Wochen später das Theater verlauten ließ, dass eine Änderung der Inszenierung im Sinne des Urteilsspruchs ohne „fundamentale künstlerische Einbußen“ nicht möglich ist: „Das im Vergleich zu den von Bertolt Brecht geschriebenen ,Baal’-Texten ungleich flüchtigere, fragilere und damit schutzbedürftigere Bühnenkunstwerk hat die Engherzigkeit und den Kleinmut der Erbin und ihrer Vertreter nicht überlebt.“

Am Sonntag war also der Termin da. Wie würde sich das Publikum verhalten? Wie die Schauspieler? Lässt sich der Regisseur blicken? Wird es Proteste, Ausschreitungen geben, das Festspielhaus explodieren, die Welt untergehen? Wird Brecht auferstehen? Oder Baal selbst? Kommt vielleicht einer mit einer Lösung für dieses nicht hinnehmbar lächerliche Problem um die Ecke?

Nichts dergleichen geschah. Sogar der Kartenverkauf verlief gesittet. Der Wind pustete die Pappschilder zweier Aktionen um. Bei der eher spaßigen wurde die „letzte Baal-Karte der Welt“ (Reihe zwei, Platz 15) versteigert, wobei der Erlös (135 Euro) an die Brecht-Erben geht. Das zweite Schild gehört zu einer wütenden Unterschriftenaktion, mit der eine Vertragsverlängerung für Frank Castorf als Intendant der Volksbühne gefordert wird. Das hat zwar eigentlich nichts mit diesem Münchner „Baal“-Abend zu tun, lässt sich emotional aber auch nicht wegsortieren. Und auch dem qua Amt neutralen Berichterstatter geht es durcheinander: Sind das Abschiedsschmerzen? Ist das Trauer? Woher? Worum? Und wohin mit der inneren Beteiligung?

Weg mit den Rücksichten!

Solcherlei Objektivitätseintrübungen spielten dann natürlich auch verklärend in das Theatererlebnis selbst hinein. Pardon. Ein grandioser Abend! Castorf steckt mit einer Inszenierung eine ganze Theatersaison in die Tasche! Man möchte einziehen in diese Inszenierung, sie bewohnen und ergründen, sich nötigenfalls auch wecken und verletzen lassen und vielleicht auch draufgehen! Weg mit den Rücksichten! Auf in den Krieg! Her mit dem Sex und dem Fleisch und der Kunst und dem Tod! Und wenn nicht auch die Uhr vor Überwältigung stehen geblieben ist, hält Frank Castorf diesmal sogar die auf dem Programmheft angegebene Spieldauer von gut vier Stunden ein!

Castorfs Interpretation reißt das Stück auf, er inkarniert es, treibt es tief hinein in die Wirklichkeit des Zuschauerbewusstseins und erhebt es zum Schlüssel und zum Muster für historische Zusammenhänge. Der menschenverzehrende Künstler Baal kriegt jenen abtrünnigen durchgeknallten US-Colonel Kurtz an die Seite, der sich in der Tiefe des Dschungels ein eigenes Reich geschaffen hat und wie Baal auf der Kippe zum Mythos balanciert. Der blutrünstige Geschützdonner, der in Brechts Figur steckt, trommelt in dieser Inszenierung buchstäblich. Abgesehen davon, dass die Figuren in den Schauspielern auf eine Weise lebendig werden, die jeden Wirklichkeitsteilnehmer oder Kunstversteher verlegen macht.

Und auch wenn der meiste Text, ob fremd oder original, in diesem aus der Kontrolle geratenen Weltwirbel an Perspektiven und Sinnebenen gar nicht durchdringt, geschweige denn sich in Echtzeit entschlüsseln ließe, setzt ein tiefer liegendes Verständnis für das von Brecht in „Baal“ Geschaffene ein. Wobei nicht nur der Sinn, sondern auch der Brecht-Text selbst, die Kraft und Schönheit seiner Bildungen, immer wieder als lebendige Realität auftaucht in diesem Meer. Zurück mit ihnen zwischen die Buchdeckel und ins Regal.