Attacken gegen Kunstwerke: „Sie haben erkannt, wie sehr sie damit verletzen können“

Der Berliner Kunstmäzen und Kultur-Anwalt Peter Raue über die Angriffe auf Kunstwerke und den Protest einer neuen Generation. 

Peter Raue in der Gemälde Galerie in Berlin.
Peter Raue in der Gemälde Galerie in Berlin.Benjamin Pritzkuleit

Wir treffen Peter Raue vor der Gemäldegalerie am Kulturforum. Er kommt mit dem Fahrrad, trägt einen goldenen Helm, ein Objekt aus einer Aktion des Wiener Kunsthistorischen Museums. Der Rechtsanwalt ist in der Berliner Kunstszene eine Institution. Raue ist Sammler, Mäzen, Professor und Anwalt vieler Künstler. Im Foyer wird er von einer Gruppe Besucherinnen umringt. Sie wollen unbedingt ein Foto mit Raue, der sie lachend gewähren lässt. Im Gespräch sagt er, der Klimawandel besorge ihn. Doch Angriffe auf Kunst als politische Aktion? Wir versuchen gemeinsam zu verstehen, wie es dazu kommen konnte.  

Berliner Zeitung: Herr Raue, sind die Attacken gegen Kunstwerke eine neue Art des Bildersturms?

Peter Raue: Nein, diese Aktionen greifen nicht ein Bild oder gar dessen Aussage oder Kontext an. Den Angreifern ist der Inhalt der Bilder gleichgültig. Gegenstand der Attacken sind attraktive, berühmte, vielleicht auch vom Publikum geliebte Werke. Wer das angegriffene Bild gemalt hat, ist den Aktionisten egal, sie wollen nur eines: so viel Aufmerksamkeit wie möglich für ihre politische Aktion.

Das ist ja gelungen …

Viel zu sehr! Ist es wirklich nötig, dass einen Tag nach der Attacke in einer Berliner Tageszeitung eine der Aktivistinnen mit Foto interviewt wird, wie es in dem Fall Barberini geschehen ist? Fotos der Aktion, Interviews - das sind genau die Aufmerksamkeiten, die die Aktivisten suchen – und nicht finden sollten.

Was empfinden Sie als einer der versiertesten Kunstkenner der Stadt bei diesen Aktionen?

Das ist ja das Heikle dieser Aktionen: Das Ziel der Aktivisten – auf die Dringlichkeit von Klima- und Umweltschutz hinzuweisen, zu insinuieren, man sei die „letzte Generation“, die noch leben kann, danach sei die Welt eine Wüste – das ist ja akzeptiert. Doch ist der Weg, Werke des kulturellen Erbes deshalb anzugreifen – oder einen Rettungswagen daran zu hindern, sein Ziel zu erreichen – das ist „voll daneben“, wie die Jugend es wohl formulieren würde.

Raue: „Vielleicht sollte man darüber sehr viel weniger berichten“

Warum, meinen Sie, greifen die Aktivisten ausgerechnet Kunstwerke an?

Weil sie erkannt haben, wie sehr sie damit verletzen können. Eine ähnliche Wirkung könnte man nur erzielen, wenn man in einem Symphoniekonzert aufspringt und einen Protest herausschreit: Das aber ist zu gefährlich, der Angriff auf Bilder scheint ungefährlich zu sein und eine viel höhere Resonanz auszulösen. Die Süddeutsche Zeitung hat drei Tage hintereinander über den Vorfall im Barberini und seine Folgen geschrieben. Das schaffen die Aktivisten mit keiner vergleichbaren Aktion. Vielleicht sollte man darüber sehr viel weniger berichten.

Warum gehen die Aktivisten in Galerien? Das sind in Berlin ja eher Orte, wo man hingeht, wenn man allein sein will.

Das ist ein merkwürdiges Phänomen: Die Berliner und Berlinerinnen lieben ihre Häuser und die Werke, die dort ausgestellt sind, oft, ohne sie regelmäßig, ja manchmal oft ohne sie je gesehen zu haben. Als das Schillertheater geschlossen wurde, haben sich dem Protest dagegen viele Menschen angeschlossen. Viele haben zugegeben, seit Jahrzehnten nicht mehr in diesem Theater gewesen zu sein.

Aber die Notwendigkeit eines Schillertheaters, einer Gemäldegalerie, eines Hauses wie dem Barberini wird auch von denen anerkannt, die dort nicht ihr Zuhause haben. Als ich vor Jahren für den Erwerb der „Skatspieler“ von Otto Dix gesammelt habe, wurde ich immer wieder – von der Zeitungsfrau, einer Bedienung im Café, von jemandem, den ich nicht kannte – angesprochen: „Klappt das? Bekommt ihr das Geld zusammen?“ Menschen, die sicher oft nicht wussten, wer Otto Dix ist. Das ist ein schönes Phänomen!

Wissen die Aktivisten, welche Bilder sie konkret angreifen müssen?

Das wissen sie ganz genau. Vielleicht wissen sie nicht, wer Monet ist, wissen nicht, was Impressionismus ist, aber sie wissen: Das ist eine Arbeit, die geliebt wird, die der Patron des Barberini, Hasso Plattner, für 110 Millionen erworben hat. Also muss es was Besonderes sein und der Angriff gegen das Bild höchste Aufmerksamkeit auslösen. Vielleicht steckt auch der Gedanke dahinter, das man einen solchen Betrag nicht für Kunst, sondern für die Umwelt ausgeben müsse.

Bald Ganzkörperscan im Museum? Ein schrecklicher Gedanke!

Das Museum Barberini kontrolliert jetzt Mäntel und Handtaschen. Reicht das, einen Sekundenkleber kann man ja immer noch verstecken?

Eine solche Einschränkung verleidet einem den Besuch, etwa mittags für zwei Stunden in die Gemäldegalerie zu gehen. Ob dieser Schutz ausreicht, wird die Zukunft erweisen. Ich sehe schon eine Zeit kommen, wo man vor dem Museumsbesuch sich einem Ganzkörperscan unterziehen muss, wie am Flughafen. Ein schrecklicher Gedanke!

Sind die Aktivisten Einzeltäter?

Glauben Sie, dass diese Angriffe auf die Sixtinische Madonna und ein Monet-Bild von Einzeltätern verübt werden? Ich nicht. Das ist eine Bewegung, deren Aktivisten offensichtlich untereinander verbunden sind. Die Täter sind ja keine Ikonoklasten, die die Bilder und Kunstwerke aus den Museum vertreiben wollen. Ihnen geht es nur um eine politische Botschaft: „Schaut her, wie die Umwelt zerstört wird. Wenn ihr nichts dagegen tut, wird die Welt bald eine Wüste sein, und dann brauchen wir auch keine Bilder mehr.“

Haben wir ein Bildungsproblem?

Das haben wir in der Tat. Unsere Schulbildung liegt vor allem in Berlin im Argen. Ich hatte einmal einen Kollegen in unserem Büro, Berliner Schulausbildung, glänzender Anwalt, aber auf Frage gab er zu, kein einziges Theaterstück, keinen einzigen Text von Goethe zu kennen: Erlkönig – Fehlanzeige. Das so etwas möglich ist, liegt nicht an ihm, sondern an der Ausbildung. In meinen Urheberrechtsvorlesungen erlebe ich es, dass die meisten Studenten heute nicht wissen, wer Schnitzler war, was Brecht geschrieben hat, welchen Stellenwert in der Literatur Heiner Müller hat.

Freilich müssen wir aufpassen: Es gilt eben nicht, früher sei alles besser gewesen. Junge Leute haben andere Koordinaten, sie kommunizieren anders: Die virtuelle Welt, die Welt der Computer, hat die Wahrnehmung und die Kommunikation und auch das Interesse an klassischer Bildung und Kommunikation fundamental verändert. Die invasiven, zum Mitmachen auffordernden Ausstellungen im Gropius-Bau oder im Hamburger Bahnhof interessieren viele mehr als Mantegna oder – jetzt in der Gemäldegalerie – Donatello.

Verändert sich im digitalen Zeitalter auch der Blick auf die Realität?

Das ist sicher der Fall: Viele Menschen fühlen sich wohl in einer virtuellen Realität, in Chatrooms, in denen sie sich bewegen und frei kommunizieren, so als ob das Treffen in echt gar nicht notwendig sei. Wir unterhalten uns heute in Teams-Besprechungen, das ist ebenso nützlich wie gefährlich, weil das Wissen um die Erforderlichkeit des In-die-Augen-Sehens damit abhanden kommt.

„Junge Leute suchen und finden in der Kunst ein Kommunikationsfeld“

Vielleicht haben die Aktivisten keine Hemmungen, weil sie denken, man könne so ein Bild ohnehin jederzeit wieder digital nachbauen?

Das romantisch geprägte Bild des armen Poeten, des existenziell leidenden Künstlers, des verzweifelten Malers, der sich ein Ohr abschneidet, gehört wohl doch der Vergangenheit an. Kunst und Aktionen brauchen den Künstler-Genie-Begriff nicht mehr. Die Kunst spricht heute eine andere Sprache. Das ist auch dann gut, wenn wir Älteren sie nicht mehr verstehen. Die jungen Leute suchen und finden in der Kunst ein Kommunikationsfeld, wollen teilnehmen am Entstehen und Betrachten von Kunst. Da sehen selbst die Aktivisten von Fluxus und Wiener Aktionismus alt aus - Vostell, Günther Brus, Herman Nitsch.

Ist die Sprache der modernen Kunst eine supranationale Sprache?

Diese neuen Kommunikationen finden weitgehend im Englisch der Lingua Franca statt, die international sogar eine Krypto-Welt eröffnet. Denken Sie an den hochaktuellen Bereich der NFT-Bilder (Non-Fungible Token, ein Kunstwerk, das in der Blockchain einzigartig und fälschungssicher hergestellt wird, Anm. d. Red.). Wieweit es in diesem Bereich noch um Kunst im herkömmlichen Sinne geht, kann ich nicht beurteilen. Eine Arbeit via NFT etwa von Jeff Koons zu erwerben, die aufgrund der Technik der NFT fälschungssicher ist, ihren Wert aber verliert, wenn man die Arbeit öffnet, ist für mich kaum mehr nachvollziehbar. Ich stehe staunend davor.

Bei der Documenta musste ein Kunstwerk abgehängt werden, weil es in Teilen der Welt als antisemitisch angesehen wurde, in anderen nicht. Wie steht es mit der Kunstfreiheit bei einer globalen Mitmachkunst?

Das ist ein weites Feld. Die umstrittenen Documenta-Bilder waren widerliche, meines Erachtens den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllende Werke, denen man nicht den Schutzmantel der Kunstfreiheit umhängen kann. Trotzdem kann auch der Mitmachkunst die Garantie der Kunstfreiheit in Artikel 5 des Grundgesetzes nicht verweigert werden.

Wie erkennt man, was gute und schlechte Kunst ist?

Das möchte ich auch wissen. Ich weiß nur eines: Keine Zeit hat die Künstler, die heute den Kanon der großen Kunst bilden, erkannt. Van Gogh, Gauguin, Cezanne waren zu Lebzeiten wesentlich weniger gefragt als die Werke in den offiziellen Kunstausstellungen, ob in Paris oder in Berlin. Was gibt uns das Recht zu glauben, dass die heute am höchsten gehandelten Künstler in 50 Jahren die sind, vor denen sich die Menschen in Museen versammeln?

Verschwimmen Kunst und Politik? Oft sind die künstlerischen Anliegen sehr ähnlich wie jene der Institutionen, die die Werke ausstellen.

Kunst und Politik ist kein Gegensatz. Sogenannte politische Kunst war immer ein wesentlicher Teil der Kunst. Ob Sie an Goya denken oder im 20. Jahrhundert an George Grosz, Otto Dix, Käthe Kollwitz, aber auch die Arbeiten von Joseph Beuys sind eminent politisch.

Diese Künstler definierten sich allerdings als Gegner der jeweiligen Autoritäten.

Das ist kompliziert, weil es wohl auch davon abhängt, in welchem Umfeld diese Kunst entsteht: Werke von Künstlern und Künstlerinnen aus dem Iran oder aus der Ukraine haben einen anderen Stellenwert als die Kunst, die in einer freien, offenen, liberalen Gesellschaft entsteht. In einer Diktatur entsteht eine andere Kunst, oft sehr gegensätzlich: die Staatskunst auf der einen Seite, die widerständige Kunst auf der anderen Seite. Heiner Müller hat mir einmal gestanden: Nach dem Fall der Mauer ist sein Schreiben eigentlich sinnlos geworden. Gegen wen solle er denn jetzt schreiben?

Welche Rollen spielen die Medien bei der Vermittlung von Kunst?

Das hängt von der Kompetenz ab, mit der die Medien sich mit Kunst – ob Theater, Oper, Literatur, bildende Kunst – auseinandersetzen. Da kann man schon verzweifeln, wenn man von ein- und derselben Aufführung in der Zeitung liest, sie sei ein Desaster, in der anderen liest man eine Hymne.

Sie kämpfen seit Jahren gegen eine Verflachung des Programms beim rbb-Kulturradio, etwa, weil bei klassischen Musikstücken oft nur einzelne Sätze gespielt werden.

Eine traurige Wahrheit, selbst das Kulturradio verfällt dem Jugendwahn, dass der Interviewer und der Interviewte sich duzen müssen: „Wie war das gestern Abend im Konzert, Andreas?“

Hören Sie morgens noch das Kulturradio?

Meine jahrzehntelange Aufsteh-Lieblingssendung „Klassik zum Frühstück“ ist in einer Weise verflacht, die mir jedenfalls unerträglich ist. Eine Theaterkritik kommt schon lange nicht mehr damit aus, den Kritiker oder die Kritikerin zu hören: Zwischendurch müssen immer wieder Mini-Szenen von den jeweiligen Aufführungen mitgesendet werden. Ich habe mich vom Kulturradio verabschiedet: zu viel Geschwätz, zu wenig Kultur.

Was hören Sie dann zum Frühstück?

Dann lieber eine CD, wo ich ein Stück von Anfang bis zum Ende hören kann.

Was zum Beispiel?

Das hängt von meiner Stimmung ab, oft ist es Klaviermusik, mal Debussy oder Satie, oder auch eine ganz frühe Aufnahme der Winterreise mit Fischer-Dieskau.

Gibt es auch manchmal zeitgenössische Musik?

Ja, immer wieder. Vor allem Stücke, die man gerade im Original etwa in der Philharmonie gehört hat. Wolfgang Rihm zum Beispiel.

Wirklich, Wolfgang Rihm, in der Früh?

Nun, da muss ich ja konzentriert zuhören. Also nicht zum Frühstück, lieber am Samstagnachmittag.