Die Schauspielerin Olivia de Havilland.
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„Ich sehe, wie man um mich handelt und kämpft,“ erklärt Arabella dem Piraten Peter Blood, das sei wie „ein Streit unter Schakalen.“ Ihrem Schicksal will sich die noble Engländerin nicht einfach ergeben. So oder ähnlich lässt sich das Motiv beschreiben, das sich durch die ganze Karriere von Olivia Mary de Havilland zieht. Das Zitat stammt aus Michael Curtiz’ Abenteuerfilm „Unter Piratenflagge“ (1935), Anfang von vielem, was de Havillands Karriere und Leben später bestimmen sollte.

Olivia de Havilland im Jahr 1939. 
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Für die damals 19-Jährige war der Film ebenso ein Durchbruch wie für ihren sieben Jahre älteren Leinwand-Partner Errol Flynn: Insgesamt acht mal standen beide zusammen vor der Kamera, ein Kino-Traumpaar der Zwischenkriegsjahre. Besonders ihr „Die Abenteuer des Robin Hood“ (1938) bleibt in guter Erinnerung, nicht nur wegen der bunten Technicolor-Bilder, sondern auch wegen de Havillands Darstellung der Marian, die Flynns Helden nicht biestig, aber doch selbstbewusst gegenübersteht. In seiner Autobiographie gestand er ihr später seine Liebe, Olivia de Havilland war ihm auch zugeneigt, doch es sei nie etwas passiert zwischen ihnen, erklärte sie, seine Ehe mit Lili Damita habe sie nie gefährden wollen. So prinzipientreu und lauter waren damals wenige.

Entdeckt von Max Reinhardt

Olivia de Havilland wurde rasch zum Star nach ihrer Entdeckung durch Max Reinhardt, österreichische Theaterlegende im US-Exil, und seine, kurz vor „Unter Piratenflagge“ erschienene Filmfassung von Shakespeares „Sommernachtstraum“. Für die in Japan geborene Schauspielerin lief es lange sehr gut. Sie war unter Vertrag bei Warner Bros., man setzte sie oft und gerne wegen ihres beachtlichen Talents und ihrer Wandlungsfähigkeit ein. Doch ihre erste künstlerische Anerkennung gab es für ein Projekt von David O. Selznick und MGM: Heute sieht man „Vom Winde verweht“ (1939) als wegen seines allzu versöhnlichen Blicks auf die Südstaaten und die Sklaverei als belastet an, damals war der Film ein größtmögliches Spektakel und ein gewaltiger Hit. Olivia de Havillands Kusine Melanie ist ein bemerkenswerter Kontrast zu Vivien Leighs seltsam gekünstelter Scarlett, für die Rolle erhielt sie ihre erste von insgesamt fünf Oscar-Nominierungen. Der Preis ging an Hattie McDaniel, die in „Vom Winde verweht“ die schwarze Haushälterin Mammy spielte. De Havilland gewann später als Hauptdarstellerin in „Die Schlangengrube“ (1948) und in William Wylers „Die Erbin“ (1949) einen Oscar.

Olivia de Havilland mit Dirk Bogarde (r.) im 1959 erschienen Film „Die Nacht ist mein Feind“.
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Die Jahre dazwischen waren die schwersten, vielleicht aber auch wichtigsten in Olivia de Havillands Karriere. Als mit „Der Pilot und die Prinzessin“ 1943 ihr Sieben-Jahres-Vertrag mit Warner Bros. endete, wollte das Studio sie nicht gehen lassen, vermeintliche Pausen und Auszeiten in ihrer Arbeit sollten ihren Exklusiv-Vertrag immer weiter verlängern. Das ließ sich der selbstbewusste Star nicht gefallen: Auf der Grundlage eines kalifornischen Gesetzes gegen Leibeigenschaft ging sie gegen Warner vor Gericht. Drei Jahre zogen sich die Verhandlungen hin, für de Havilland war das quasi ein Berufsverbot, sie verbrachte die Zeit nicht vor der Kamera, sondern besuchte US-Soldaten und Kriegslazarette. Am Ende entschied das Gericht doch zu ihren Gunsten: Die „De Havilland-Entscheidung“ begrenzte Verträge auf sieben Jahre, alle Winkelzüge der Studios, die selbst größte Stars wie Besitztümer behandelten, wurden für unrechtmäßig erklärt. De Havilland erstritt so nicht nur ihre eigene Freiheit – die Allmacht der Studiobosse und das Feudalsystem des alten Hollywoods war gebrochen.

Olivia de Havilland blieb lange im Geschäft, doch das Geschäft hatte später für sie wie für alle Superstars vergangener Tage wenig Verwendung. Nach Robert Aldrichs Psychothriller mit Bette Davis, „Wiegenlied für eine Leiche“ (1964), verschwand sie immer weiter in der zweiten Reihe, in den 80er-Jahren machte sie noch etwas Fernsehen, dann folgte der Ruhestand. Seit 1955 der Heirat mit ihrem zweiten Mann, dem „Paris-Match“-Redakteur Pierre Galante, lebte sie in Paris, in den letzten Jahrzehnten zurückgezogen, aber ohne Incognito-Allüren. Dort verstarb sie am Sonntag im Alter von 104 Jahren. Die gebürtige Britin mit amerikanischem Pass, die 2008 in den USA die „National Medal of Arts“ erhielt, von Frankreich 2010 zur Ritterin der „Légion d’honneur“ und 2017 von Großbritannien zur „Dame“ des British Empires ernannt wurde, war wohl der letzte überlebende Star des goldenen Hollywood-Zeitalters.