Nico Holonics als Oskar Matzerath in „Die Blechtrommel“
Foto: Birgit Hupfeld / BE

BerlinDer letzte Vorhang. Seit dem Abend des 12. März 2020 ist dies für viele Theaterhäuser und Theaterliebhaber mit ganz besonderen, ziemlich bedrückenden Gefühlen verbunden. An besagtem Abend stand „Die Blechtrommel“ auf dem Spielplan des Berliner Ensembles. Die letzte Vorstellung, mindestens bis zum 19. April.

Das Foyer war vor Aufführungsbeginn ungewöhnlich leer, die Gespräche drehten sich vorrangig um eines: Wie sich das öffentliche Leben verändert, wie es zum Erliegen kommt, wie nah auf einmal die Corona-Bedrohung gekommen ist, die es lange Zeit nur in der Theorie gab.

Wie erlebte Nico Holonics, der als Oskar Matzerath diesen unvergesslichen Abend bestritt, die Situation?

Nico Holonics: Bis morgens war nicht klar, ob wir überhaupt spielen können. Es war ungemein bedrückend, eine Hängepartie, da so ein Abend ja eine entsprechende mentale Vorbereitung braucht. Zwischendurch schossen mir Gedanken durch den Kopf, dass meine möglicherweise letzte Vorstellung für lange Zeit schon drei Tage zurückliegt, dass ich mich gar nicht vom Publikum verabschieden konnte. Umso erleichterter war ich, dass endlich die Nachricht von Oliver Reese kam, dass die Aufführung stattfindet.

Und wie war es dann auf der Bühne zu stehen?

Kurz vorher habe ich erfahren, dass es einige Kartenstornierungen gab und ich dachte mir: Okay, dann wird es eine familiäre Show. Aber in den ersten 20 Minuten auf der Bühne habe ich die Bedrückung gespürt, es wurde weniger gelacht, es war schwieriger, das Publikum an die Hand zu nehmen. Also habe ich alles ausgereizt, habe mir wahnsinnig Mühe gegeben. Es war das Gefühl des Schauspielers, der nicht von der Bühne will. Klingt vielleicht ein wenig pathetisch, aber so war es.

Dennoch haben Sie den Schlussapplaus unterbrochen, indem sie den Zeigefinger an die Lippen hielten und den Abend beendeten mit den Worten „Bleiben Sie gesund – und hoffentlich bis bald“ …

Es war ein ungewöhnlich langer Applaus, über sieben Minuten. Und was ich gesagt habe, war sehr spontan und sehr bewegend für mich. Ich weiß nicht, wie lange es keine Aufführungen mehr geben wird, wann ich das nächste Mal auf der Bühne stehen werde.

Wie geht es für Sie weiter?

Ich habe jetzt praktisch Zwangsurlaub, aber das beschäftigt mich gerade nicht. Ich mache mir viel mehr Gedanken um die vielen Künstler, Mitarbeiter rund um die Bühne, die freischaffend sind, die kein festes Gehalt bekommen. Für diese Menschen möchte ich eine Lobby, eine Solidargemeinschaft bilden, Sponsoren suchen, Menschen zusammenbringen, die das Theater lieben und diesem jetzt vielleicht in diesen schweren Zeiten helfen können.