An diesem Montag wählen die Berliner Philharmoniker ihren neuen Chefdirigenten. Letzte Chance also, noch einmal Mutmaßungen und Prognosen loszuwerden. Zumal, weil in den beiden letzten Konzerten vor dem Konklave ein Dirigent zu Gast war, den Simon Rattle in einem Interview kürzlich kurz und knapp so charakterisierte: „Er ist der beste von uns“.

Mariss Jansons war mit dieser erstaunlich uneitlen Aussage gemeint. Man hätte nach diesen Konzerten also noch einmal hübsch herumphantasieren können. Allein, Jansons gab selbst den Spielverderber und ließ am Freitag in München verkünden, dass er seinen Vertrag beim Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks verlängert habe. Damit wollte sich Jansons offenbar selbst aus dem Rennen nehmen.

Ungewohnt fein und unpoliert

Die große Spannung war vor dem Konzert am Samstag also erst einmal weg. Dennoch wurde Jansons vom Publikum mit so demonstrativ langem Beifall bedacht, als gelte es hier einen künftigen Chefdirigenten herbeizuklatschen. Vier mal muss Jansons schon nach Béla Bartóks nicht gerade jubelheischender „Musik für Saiteninstrumente“ aufs Podium zurückkehren.

Das verwundert ein bisschen, weil auch deutlich wird, wie anders dieses Orchester unter einem Chefdirigenten Jansons wohl geworden wäre. Jansons Dirigieren spricht nicht den kraftvollen, zuweilen bulligen Sound der Philharmoniker an, sondern weckt feine Töne. Die klingen manchmal so unpoliert, als seien sie gerade aus tiefster Verschüttung emporgeholt worden.

Ganz unphilharmonikerhaft zagend etwa tönen die Einsätze der Streicher zu Beginn des langsamen Satzes der „Musik für Saiteninstrumente“, ähnlich ist das Bild am Anfang des ersten Satzes von Dmitri Schostakowitschs zweitem Violinkonzert, wenn Jansons die Celli dazu bringt mit ungewohnt körperarmer Neutralität zu spielen. Man ahnt, dass da – nach weiterem Polieren und Staubabpusten – etwas spannend Neues hätte entstehen können.

Mit dem Geiger Frank Peter Zimmermann hat Jansons an diesem Abend einen Solisten, der ihm in seiner Haltung zur Musik so ähnelt, dass von einem Traum-Duo gesprochen werden kann: Kein bisschen Eitelkeit ist zu hören, wenn im langsamen Satz die Geige dann doch mal zigeunerhaft auftrumpfen muss und das durchaus Sprödigkeit verbreitende Geschrammel im ersten Satz wird von Zimmermann nicht lieblos absolviert, sondern im demütigen Dienst am Stück durchgearbeitet. Mit der gleichen Sorgfalt begleiten die Philharmoniker, die Jansons mit Konzentration und Klarheit zu leichter Beweglichkeit bringt, wie man sie nur von Kammerensembles her kennt.

Diese Feinheit bleibt auch im Anschluss erhalten bei der riesenhaft besetzten zweiten „Daphnis und Chloe“- Suite von Maurice Ravel. Kein Pomp ist zu hören, wenn Jansons das Orchester zum großen Instrumentalgesang animiert, die wilde Jagd des Schlusses verselbstständigt sich nie zur virtuosen Kraftmeierei. Stattdessen ist – noch ein wenig mit Kellerstaub bedeckt – ein wunderbar ehrlicher, ins Wesentliche zielender Ton zu vernehmen. Gerne hätte man davon in Zukunft mehr gehört.

Und bei diesem „hätte“ wird es leider wohl auch bleiben, an diesem Montagnachmittag, wenn die Wahl des Orchesters bekanntgegeben werden wird.