Lewis Trondheim, 50, ist einer der wichtigsten aktuellen Comiczeichner und -autoren Frankreichs; als Mitbegründer der „Nouvelle Bande Dessinée“ hat er das Genre in den vergangenen zwanzig Jahren wie kaum ein anderer geprägt. Auch in Deutschland erfreut er sich großer Beliebtheit, die Frankfurter Buchmesse widmete ihm schon 2002 eine Einzelausstellung.

Trondheims Werk – er spricht von 170 Comics in 25 Jahren – reicht dabei von undergroundigen Szene-Comics und der Humor-Serie „Herrn Hases haarsträubende Abenteuer“ über Comics für Kinder – sein Band „Die Fliege“ wurde zum Trickfilm, der die „Sendung mit der Maus“ schmückte – bis zu seiner opulenten, ebenso ironischen wie gewalttätigen Fantasy-Serie „Donjon“.

Jetzt hat Trondheim mit Co-Autor Joann Sfar den letzten Band der „Donjon“-Reihe vorgelegt. Seine neuen Projekte entstanden auch unter dem Eindruck des Anschlags auf „Charlie Hebdo“, bei dem Terroristen vor einem halben Jahr auch Freunde und Bekannte Trondheims ermordeten.

Monsieur Trondheim, die Comiczeichner und Karikaturisten in Paris kennen einander, sind befreundet. Sie selbst kennen die Zeichner von „Charlie Hebdo“ gut, kommen aus derselben linken Szene, waren mit einigen der Opfer bekannt, die vor einem halben Jahr ermordet wurden. Wie hat die Tat die Zeichner-Szene in Frankreich verändert?

Zunächst war da der Schock, der bis heute kaum überwunden ist. Es waren ja Freunde und Bekannte. Rational weiß man, dass wir nicht in einer Welt des Friedens leben und dass Westeuropa das heute eben nicht mehr durch Kriege spürt, sondern durch Terrorismus. Emotional haben mich die Morde trotzdem sehr getroffen.

Hat der Schock Ihre Arbeit beeinflusst?

Einerseits nicht. Ich wusste immer schon, dass 95 Prozent der Menschheit Frieden wollen und mit Gewalt und Terror nichts am Hut haben, dass aber die restlichen fünf Prozent aus Machtgier mittels Gewalt viel Unheil anrichten können. Andererseits arbeite ich mit meiner Frau Brigitte, die schon lange meine Comic-Zeichnungen koloriert, zum ersten Mal an einem ernsten, realistischen Projekt. Wir verarbeiten aktuelle Ereignisse im Irak. Womöglich blicken wir heute ernster in die Welt.

Das überrascht für einen Zeichner, der vor allem für seine Fantasy-Parodien berühmt ist. Worum geht es?

Brigitte ist im Irak geboren und verbrachte da ihre ersten 13 Lebensjahre. Die Familie ist christlich und floh 1973. Wir arbeiten auf der Grundlage ihrer Erinnerungen. Ohne die aktuelle Unruhe in der Region hätten wir wohl nicht das Bedürfnis gehabt, darüber zu reflektieren. Zum Beispiel hat der IS die antike Stadt Nimrod weggebombt – dahin hatte die Familie meiner Frau einst viele Ausflüge unternommen, gepicknickt und sowas. Sie will diesen Ort zumindest in der Erinnerung weiterleben lassen.

Hat der Comic eine politische Botschaft?

Nein, wenn ich Comicstrips zeichne, vermeide ich Botschaften à la: „Krieg ist schlecht“, „Terrorismus ist böse“. Ich will mich amüsieren und meinen Leser ein wenig unterhalten. Und ich vertraue meinem Unterbewusstsein darin, dass trotzdem die wichtigen Themen im Hintergrund auftauchen.

Fürchten Sie unter dem Eindruck der neuen islamistischen Anschläge – in Lyon wurde ein Mann enthauptet, in Tunesien wurden Touristen erschossen –, dass wir unser Verhalten aus Angst ändern könnten, gerade Künstler wie Sie?

Die Medien lieben ja diese Sensationsgier, sie verbreiten gierig diesen medienwirksamen Terrorismus. Aber in diesem Nebel bleibt verborgen, dass nicht der IS oder Al-Kaida das Potenzial haben, die Menschheit auszulöschen, sondern der ultra-liberale Kapitalismus. Die meisten Menschen wollen Frieden. Aber ein Einzelner kann eben zehn, hundert oder tausend Menschen aus Fanatismus töten – und die Medien weiden sich daran. So werden sie selbst Instrumente der Barbarei. Bekämpfen Sie lieber die Nahrungskonzerne, die Banken und Kapitalmärkte, da sitzen unsere schlimmsten Feinde! Tut mir leid, dass ich mich so aufrege, aber ich hasse einfach die Art Ihrer Frage: als würde mich Terror stärker berühren als andere Themen! Ob ich mich in meiner kleinen bürgerlichen Bequemlichkeit frei genug fühle zu schreiben, was ich will? Zitieren Sie meine Antwort, dann sehen wir, wie frei ich bin!

Hat Sie die Welle der Solidarität mit „Charlie Hebdo“ auch so aufgeregt, es kamen ja auch etliche Staatschefs nach Paris …

Die die Presse selbst unterdrücken! Ja, und in Nordafrika werden dauernd Zeichner verhaftet und getötet, das interessiert keinen so wie der Anschlag auf die weißen Franzosen von „Charlie Hebdo“. Und während amerikanische TV-Sender die Bilder von den Morden ausstrahlten, die man aus Respekt besser nicht gesendet hätte, lehnten sie es später ab, die Titelseite der ersten Ausgabe danach zu zeigen, weil Mohammed drauf war. Also: Es ist schlimm, wie quälend die Arbeitsbedingungen für die „Charlie“-Redaktion heute sind, dass sie unter Polizeischutz arbeiten, allein nicht mehr raus können – und doch ist ihre Verehrung nur Heuchelei, wenn Frankreich zugleich Wirtschaftsbeziehungen mit Katar unterhält, das islamistischen Terror mitfinanziert.

Beneiden Sie Karikaturisten, die die Politik in wenigen Bildern kommentieren können?

Oh nein. Ich habe eine Zeit lang karikaturistisch gearbeitet, in einem Blog. Das beansprucht so viel Energie! Man muss das Tagesgeschehen verfolgen, Bezüge herstellen – und am Ende fehlt die Energie für klassische Comic-Geschichten. Das Frustrierendste: Es ist für zwei Wochen von Belang, aber zwei Jahre später schon uninteressant. Ich will Dinge machen, die von größerer Dauer sind.

Warum ist der neue, 36. Teil Ihrer umjubelten Serie „Donjon“ der letzte?

Weil Joann Sfar, mit dem ich alle Alben gemeinsam geschrieben habe, sich inzwischen auf den Animationsfilm konzentriert. Nach vier Jahren Pause bei „Donjon“ sagte ich, wir sollten zumindest zu einem Abschluss für die Rahmenhandlung kommen. Ich hätte allein weitergemacht, aber das wollte Joann nicht: Es war ein gemeinsames Projekt, jeder brachte seine Stärken und Schwächen ein. Joann ist überaus belesen, ich bin arbeitstechnisch viel strukturierter als er. Perfekte Mischung.

Die Zeit ohne „Donjon“ nutzten Sie für Ihre eigene Serie, „Ralph Azam“ – wieder eine Mischung aus Fantasy-Hommage und -Parodie. Was überwiegt für Sie: Verbeugung vor dem Genre oder Verspottung?

Die vielen Alben von „Donjon“ sind sehr unterschiedlich: mal düster, mal lustig, mal parodistisch. „Ralph Azam“ sehe ich dagegen gar nicht als Parodie. Die Figuren sind zwar sprechende Tiere, aber sie sterben und leiden wie echte Menschen. Es ist eher ein Abbild des wahren Lebens, so tragisch wie komisch. Das Genre der Fantasy nimmt sich dagegen sehr oft vor allem selbst sehr ernst.

Und doch gibt es genügend Leser, die bereit sind, mit ihren Fantasy-Vorlieben ironisch umzugehen?

Wir hatten befürchtet, viele Leute zu verärgern. Aber es zeigte sich, dass die Leute es zu schätzen wissen, dass wir sie ernst nehmen. Wir lassen absichtlich Lücken in den Geschichten, die den Leser zwingen, sich eigene Gedanken zu machen – um die Handlung nachvollziehen zu können. Und siehe: Der Leser schätzt es, wenn man ihn nicht für einen Trottel hält.

Das Gespräch führte Steven Geyer.