Das erste Mal hat Frédéric Mozelewski im Radio von der „Dresdener Rede“ der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff gehört. Er war mit dem Auto unterwegs ins Büro, an einem Morgen Anfang März. „Ich musste rechts ranfahren, weil ich nicht glauben konnte, was ich da höre“, erinnert sich der Berliner Anwalt. „Es wurde ein Auszug aus der Rede eingespielt, in der die Schriftstellerin künstlich gezeugte Kinder als ‚Halbwesen‘ und ‚zweifelhafte Geschöpfe‘ bezeichnete, für die sie Abscheu empfinde.“

Empört und wütend sei er gewesen. „Unser Sohn ist auch künstlich gezeugt worden, und nun musste ich mir anhören, wie ihn eine Schriftstellerin, die zur intellektuellen Elite dieses Landes gehört, beleidigt und faktisch als unwertes Leben abstempelt“, sagt er. „Das kann ich doch nicht hinnehmen.“

Vergangene Woche hat der Rechtsanwalt, der seine Kanzlei in Neukölln hat, eine Strafanzeige gegen Sibylle Lewitscharoff an die Berliner Staatsanwaltschaft geschickt. Der Vorwurf lautet auf Volksverhetzung und Beleidigung. Erstattet wird die Anzeige von Frédéric Mozelewski, seiner Frau und ihrem gemeinsamen Sohn, der am 12. Januar 2012 zur Welt gekommen ist.
Lewitscharoffs umstrittene Rede am 2. März im Dresdener Schauspielhaus, in der sie mithilfe moderner Reproduktionsmethoden geborene Kinder als „nicht ganz echt“ und „künstliches Weißnichtwas“ diffamierte, hatte große Empörung bei Schriftstellern, Politikern und Wissenschaftlern ausgelöst.

Keiner hat gebuht oder gepfiffen

Kritiker warfen der Autorin vor, ihre Aussagen seien menschenverachtend, homophob und von faschistischen Denkmustern geprägt. Dresdens Chefdramaturg Robert Koall, in dessen Haus Lewitscharoff aufgetreten war, warf der Schriftstellerin in einem offenen Brief ein „beängstigendes Menschenbild“ vor und distanzierte sich vom Inhalt der Rede. Auch der Suhrkamp-Verlag, in dem Lewitscharoffs Bücher seit fünf Jahren erscheinen, ging auf Abstand zu seiner Autorin. Dennoch bekräftigte Lewitscharoff in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung noch einmal ihre Ansichten, bevor sie tags darauf im ZDF erklärte, den Satz mit den „Halbwesen“ gern zurücknehmen zu wollen.

Für Rechtsanwalt Mozelewski ist dies jedoch keine glaubhafte Entschuldigung. „Frau Lewitscharoff sind hier nicht irgendwelche Sätze in der Hitze einer Live-Diskussion entglitten, sie hat vielmehr mit großer Sorgfalt eine Rede vorbereitet und ganz bewusst das gesagt, was sie sagen wollte“, sagt der Anwalt. Dass er die Anzeige nur aus seiner persönlichen Betroffenheit heraus erstattet habe, will Mozelewski nicht gelten lassen. „Die Schriftstellerin hat gegen eine Gruppe von Menschen in einer Weise gehetzt, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören“, sagt der Anwalt.

Er wundere sich, dass die Dresdener Staatsanwaltschaft noch nicht tätig geworden sei. Aus seiner Sicht wäre das Anlass genug für die Strafverfolger, wegen des Verdachts der Volksverhetzung Ermittlungen einzuleiten – so wie es die Staatsanwaltschaft auch bei rassistischen und antisemitischen Äußerungen tut.

Frédéric Mozelewski hat sich die gesamte Rede von Sibylle Lewitscharoff im Internet noch einmal angehört. „Was mich dabei am meisten erschreckt hat – als sie fertig ist, klatschen die Leute, keiner buht oder pfeift sie aus“, sagt er. Erst nach ein paar Tagen seien die Medien aufmerksam geworden, und erst dann habe die öffentliche Empörung eingesetzt. „Auch deshalb habe ich mich verpflichtet gefühlt, etwas zu unternehmen“, sagt er. „Vielleicht hören wir alle dann das nächste Mal genauer hin, bevor wir jemandem applaudieren.“