Ähnlich wie manchmal Wörter mit harmlosen Bedeutungen zu Schimpfwörtern hinabsinken, so können auch derbe Flüche mit der Zeit oder durch die Reise in fremde Länder zu sittsamen Wörtern aufsteigen. Ein Beispiel für einen solchen Emporkömmling ist Karacho. Wenn man in Deutschland etwas „mit Karacho“ tut, ist gemeint, dass man sich schnell mit voller Kraft, mit Schmackes einsetzt oder sich besonders beeilt. Karacho ist Geschwindigkeit, Tempo, Speed.

Unbestritten ist die Herkunft aus dem Spanischen vom Wort „carajo“, das allerdings mit Rasanz nichts zu tun hat. Carajo ist eine wenig feine Bezeichnung für Penis, aber als Ausruf wird sie im Spanischen benutzt wie im Deutschen „Scheiße!“. Im 19. Jahrhundert verwendeten auch Reiseschriftsteller wie Karl May und Friedrich Gerstäcker „caracho“ immer dann, wenn sie Lateinamerikaner fluchen ließen. 1909 schrieb Erwin Rosen über die Fremdenlegion: „Was dem englischen Soldaten das zeitgeheiligte Adjektiv bloody, dem amerikanischen Regulären sein nicht minder kostbares damned und dem mexikanischen Kavalleristen das bösartige, zischende caracho ist, das bedeutet dem Legionär sein unvermeidliches merde.“

Nach Meyer-Lübkes romanisch-etymologischem Wörterbuch leitet carajo sich von „caraculum“, „kleiner Pfahl“ ab, im Katalanischen „carall“, auch das davon umgestaltete „caramba“ bedeutet Schwanz.

Wie aber konnte der Schwanz zur deutschen Geschwindigkeit werden? Die erste Vermutung richtet sich häufig auf einen Hit von Heino aus dem Jahr 1969: „Karamba, Karacho ein Whisky, Karamba, Karacho ein Gin, verflucht, sacramento, Dolores, und alles ist wieder hin.“ In dem Schlager ist aber von Geschwindigkeit keine Spur, Karacho wird als Fluch gebraucht.

Ähnlich ist es in dem deutschen Volkslied „In Spanien“, das in vielen Varianten auch mit Karacho bekannt ist, wieder geht es um eine Dolores, vermutlich dieselbe wie die von Heino: „In Spanien, es war in Lenares, da sah ich ein Weib wunderbares, ich schaute ihr in die Pupillas und wir gingen in eine Hostillas.“ Der Refrain lautet: „Caramba, Karacho, Carutschi, die schönen Zeiten sind futschi.“

Immer noch ist unklar, wie es zum Bedeutungswandel vom Fluch zu Geschwindigkeit kommen konnte. Carl von Ossietzky schrieb 1924 zum „edlen Kegelsport“, bei dem sich rhythmisch geschwungen ein bewusster Idealismus auslebe: „Wenn die Kugel mit Caracho und Caramba über die krachende Bohlenbahn saust, dann jauchzen nicht nur alle Muskeln, auch die geweitete Seele fühlt sich gepackt und hineingerissen in ein Tempo übernatürlicher Raserei.“ Auch das ist nicht der früheste Beleg für die Benutzung in unserem heutigen Sinn, denn deutsche Kavalleristen im ersten Weltkrieg verwendeten Karacho schon als Synonym für Galopp. Manfred von Richthofen berichtete:„Meine Patrouille, die ich zurückgelassen hatte, glaubte mich in Gefahr und kam in wildem Caracho herangebraust, um mich herauszuhauen.“

Schon vorher findet man Nachweise, Freiherr von Schlicht verwendete das Wort in unserem Sinn 1905 in einer seiner Militärhumoresken: „Die Erde erdröhnt unter dem Hufschlag der galoppierenden Pferde, über Gräben und Hecken geht der wilde Ritt, und die scharfen Sporen treiben zu immer schärferer Gangart an. Der wahnsinnige Galopp, den die Herren reiten, scheint ungemein wichtiges anzukündigen. Die Kommandeure können ihre Ungeduld nicht mehr bezähmen, sie rufen ihren Unterführern zu: “Bitte mir zu folgen, meine Herren,„ und im caracho jagen sie ihren Adjutanten entgegen.“

Aber wieso konnten Reiter auf die Idee kommen, anstatt von Galopp von Karacho zu sprechen und zu schreiben? Vermutlich begann die Karriere des deutschen Karacho als Verballhornung der Bezeichnung „in voller Karriere“, das war der schnelle Lauf des Pferdes, eine Übersetzung aus dem französischen „en pleine carrière“. Dass sich Karracho im frühen 20. Jahrhundert leicht dann vom Pferde- auf den Motorsport übertrug, hat mit seinem Klang zu tun, der an „Krach“ erinnert.

Demnächst in unserer kleinen Schimpfwortkunde: Der Arsch in Synonymen