Erzgebirge - Der gewaltige Schwibbogen auf dem hoch gelegenen Platz des Bergmanns in Johanngeorgenstadt, da, wo sich Bergleute schon vor Jahrhunderten zu den Erzadern hineingruben, ist schon tagsüber ein Ereignis. Ein noch größeres wird es abends. Der größte freistehende Schwibbogen der Welt ist weithin zu sehen – als riesige Skulptur, 25 Meter breit, fast 15 Meter hohe elektrische Kerzen. Auszumachen sind stilisierte Figuren: zwei Bergleute mit dem sächsischen Kurschwerter-Wappen, die Bergmanns-Werkzeuge Schlegel und Eisen. Und die Wunderblume, Symbol der erzgebirgischen Sagenwelt, links und rechts die Spitzenklöpplerin, der Schnitzer. Ein Räuchermann. Und ein Lichter-Engel.

Gefertigt wurde das traditionsbeschwörende Werk aus 700 Tonnen Stahlbeton sowie 15 Tonnen Edelstahl, nach uralter Vorlage. Finanziell unterstützt wurde es von einem gut betuchten Bürger der einst von böhmischen Protestanten gegründeten Bergstadt. Sponsor Siegfried Ott wollte, wie er es sagt, seiner Stadt „ein Wahrzeichen verschaffen“, auch wenn der Bergbau dort längst Geschichte ist. Üblicherweise bestehen solche Lichterbögen aus Holz, zieren Fenster der Häuser in den Bergstädten von Freiberg über Marienberg, Annaberg, Schwarzenberg und Schneeberg wie auch in den Dörfern der Täler des rauen Erzgebirges bis hinein ins tschechische Böhmen.

Das Erzgebirge als Impulsgeber 

So weit reicht die Montanregion, die 2019 zum Weltkulturerbe erklärte 45. Unesco-Kultur-Landschaft Deutschlands. Die Region gilt als Zentrum wissenschaftlich-technologischer Bergbauinnovation. Dieses industrielle Kulturerbe in Sachsen und Böhmen hat Bedeutung und universellen Wert, auch als wichtiges europäisches Signal für die kulturelle Verflechtung der Nachbarn. Das zu betonen werden die Bürgermeister der Bergstädte nicht müde. Denn das Erzgebirge war seit dem Mittelalter Impulsgeber für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Bergbauregionen auf dem Kontinent. Ausgewanderte Bergleute exportierten ihr Wissen. Im Erzgebirge etablierten sich Strukturen der Verwaltung, Finanzsysteme, die Wirkung auf die industrielle Revolution in ganz Europa hatten. Daran haben der seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Annaberg wirkende Rechenmeister Adam Ries und die Zechenherrin Barbara Uthmann – mit ihren 900 Klöpplerinnen begründete sie die erste Manufaktur der späteren Posamentenindustrie – gehörigen Anteil.

Schon ab dem 16. Jahrhundert wurden Verwaltung und Leitung der Bergwerke staatlich kontrolliert. Die neue Bergbaubürokratie legte den Grundstein für ein frühkapitalistisches Zahlungssystem: Die erstmals 1520 geprägten Silbertaler dienten jahrhundertelang als Vorbild für die Währungssysteme im Ausland, gelten gar als Vorgänger des Dollars. Und in Freiberg wurde 1765 die älteste noch immer bestehende Bergakademie gegründet. Hier forschten namhafte Wissenschaftler wie Agricola, Abraham Gottlob Werner und Alexander von Humboldt.

Foto: Imago Images/Sylvio Dittrich
Unter Tage: Mettenschicht im Schacht. Musikalischen Messen zählen  zur Tradition der Bergleute, hier im Besucherbergwerk Zinngrube Ehrenfriedersdorf bei Annaberg.

Miriquidi (Dunkelwald) – so nennt die frühmittelalterliche Historiografie auf Latein das Erzgebirge und Teile des Böhmerwaldes. Unter diesen schwarzen Wäldern und rauen Bergen wurde schon vor 1500 Silbererz geschürft. Hier ertönte bereits im Jahr vor der Entdeckung Amerikas 1492 der Lockruf des Silbers. Die Forschung vergleicht es mit dem Gold-Fieber in Alaska um 1870: Und Geschichte wiederholt sich: Das Erzgebirge mit seinen Silber-, Eisen- und Kupferschächten war 1946 – und noch bis zum Ende der DDR 1990 – Uran-Abbaugebiet der sowjetisch geleiteten SDAG Wismut. Wieder grassierte ein Berg-Fieber, diesmal nach dem Yellow Check für die Atommacht UdSSR.

Der Lichterkult und die Volkskunst begleiteten selbst diese zwiespältige jüngere Geschichte. Auch zu DDR-Zeiten leuchteten die Schwibbögen, drehten sich große und kleine Pyramiden auf den Markt- und Dorfplätzen. Und diese prächtige bis schlichte Volkskunst ist nicht verwandt mit dem blinkenden bunten LED-Lämpchenkitsch oder dem Plastik-Weihnachtsschmuck, der heutzutage Fenster, Balkone und Vorgärten in der gesamten Bundesrepublik überzieht.

Das Lichterland ist nicht abgebrannt

Denkwürdigerweise ist zu Weihnachten 2020 der traditionelle Lichterkult das Einzige, was dem Erzgebirge außerhalb der privaten Räume bleibt. Das öffentliche Leben der zum Corona-Hotspot erklärten Region ist in den Tiefschlaf versetzt. Samt all der grimmig oder freundlich dreinschauenden Nussknacker und Räuchermännchen, der aufwendig gestalteten Weihnachtskrippen und Weihnachtsberge. Sie harren in den Museen der Region auf Besucher, sind Zeugnisse einer Zeit, in der die Grubenbesitzer und der sächsische Fürstenhof zu Dresden – wohin das zu Münzen geprägte Edelmetall in Planwagen rumpelte – immer reicher und mächtiger wurden, die Bergleute indes ihr Leben mühevoll fristeten.

Und wie überall in Deutschland darf kein Laden, kein Restaurant, keine Kulturstätte öffnen. Weder gab es die traditionsreichen und weithin beliebten erzgebirgischen Weihnachtsmärkte noch das optisch opulente wie klangvolle Brimborium der historischen Bergleute-Aufzüge an den Adventssonntagen, Anziehungspunkte für Touristen aus allen Richtungen der Windrose. Auch keins der beliebten Bläser- oder Sänger-Konzerte findet statt. Nicht mal die Christmetten in den festlich erleuchteten Kirchen, die in der Nacht zum 25. Dezember üblichen Krippenspiele mit den drei Heiligen aus dem Morgenland, zu denen sonst immer Gläubige wie Atheisten in so toleranter wie trauter Verbundenheit strömen, werden aufgeführt.

Doch Lichterland ist nicht abgebrannt, wie Wolkensteins Stadtvater Wolfgang Liebing (Freie Wähler) am Telefon versichert: Die alte Sehnsucht der Bergleute in den Schächten nach Helligkeit hat im Erzgebirge seit Jahrhunderten einen Lichterkult geschaffen, der sich diesmal umso symbolischer in den langen dunklen Winternächten in der Corona-Sperrzone widerspiegelt. Licht – für Gläubige wie für Ungläubige das Ur-Symbol der frohen Hoffnung.