Lieben unter Gefährten: Wie mein Hund mein Dating-Leben auf den Kopf stellte

Unser Autor lebt seit vielen Jahren mit Hund. Das bestimmt nicht nur die alltäglichen Routinen, sondern auch den Umgang mit der Liebe. Ein Erfahrungsbericht

„Den Hund mitzudenken, kann eine mentale Belastung sein, aber auch eine Herausforderung, an der Beziehungsgeflechte über sich hinauswachsen.“
„Den Hund mitzudenken, kann eine mentale Belastung sein, aber auch eine Herausforderung, an der Beziehungsgeflechte über sich hinauswachsen.“Roshanak Amini für Berliner Zeitung

Ich habe nie jemanden gedatet, der wie ich einen Hund hat. Manchmal habe ich davon geträumt, wie das wäre, mit zwei Hunden und einem Mann an meiner Seite. Wir würden Erziehungstipps austauschen und über das beste Hundefutter diskutieren. Aber ich glaube, dahinter lag insgeheim nur der Wunsch, verstanden zu werden.

Es gibt bestimmte Gefühle, die kennen nur Hundebesitzer. Die „Hundeschuld“ zum Beispiel: Du bist essen gegangen, danach noch auf ein Bier in eine Bar. Wie lange ist der Hund jetzt schon allein? Noch ein Getränk oder lieber nach Hause? Mit der Bahn oder doch mit dem Taxi? Wie lange sind wir jetzt schon im Club, wann war der Hund zum letzten Mal draußen? Ein Hund strukturiert dich. Ein Hund nimmt dich mit in den Wald, lässt sich mit Bällen bespaßen, bringt dich dazu, das Handy mal nicht in die Hand zu nehmen, weil deine Finger von einem vollgesabberten Stock verschmiert sind.

Holen wir uns philosophische Unterstützung, um Hunde und ihre Menschen zu verstehen: Donna Haraway bezeichnet die Hund-Mensch-Beziehung als eine Beziehung unter Gefährten. In ihrem „Manifest für Gefährten“ schreibt sie, dass Hunde „die unausweichliche, widersprüchliche Geschichte von Beziehungen“ erzählen. Eine Geschichte von Beziehungen, die einander bedingen, in der der Hund uns genauso zum Menschen macht wie wir die Hunde zu Hunden. Evolutionsbiologisch gibt es sogar Argumente dafür, dass es die Menschheit ohne Hunde gar nicht gäbe.

Mich tröstet der Gedanke, dass ich nicht der erste Mensch der Geschichte bin, der einen Hund in eine Beziehung bringt. Hund-Mensch-Beziehungen sprengen Kultur- und Zeitlinien. Ich glaube daher, dass die vierbeinigen Beziehungspartner nicht nur ein Extra in Beziehungen sind. Sie gestalten unsere Beziehungen in ihrer fellig-schlabbernden Wechselwirkung aktiv mit.

Gefährten passen aufeinander auf

Meine erste Hündin und ich waren ein eingespieltes Team. Sie war auf ihre ganz eigene Art territorial – wenn ich beispielsweise mit einem Hook-up nach Hause kam und ihr das nicht passte. Wenn sie wusste, dass das für mich jetzt auch nur eine schnelle Erfahrung ist, konnte sie manchmal einfach nicht die Klappe halten. Dann hat sie gebellt, sich verbal eingemischt. In der Situation habe ich sie zurechtgewiesen, aber insgeheim habe ich mich bei ihr bedankt. Was wollte sie mir sagen, wenn sie mir mit einer fremden Person im Bett dazwischenfunkte? Leider gibt es keine Übersetzungstools, ich muss mich da auf meine Intuition verlassen. Darauf, dass ich meinen Hund lesen kann. Und mein Hund mich.

Meine erste Hündin hat nicht immer gebellt, manchmal war sie auch ganz leise, hat einfach geschlafen, denn Hunde brauchen mehr Schlaf als Menschen, viel mehr Schlaf. Wenn sie nicht gebellt hat, dann waren es oft mehr als nur flüchtige Begegnungen; dann wurden ganze Partnerschaften daraus. Meine erste Hündin hat richtig auf mich aufgepasst. Mehr noch: Sie hat mich aufgefordert, Beziehungen kritisch zu reflektieren. Mit ihr musste ich förmlich abwägen, wen ich in die Wohnung lasse. Dating kann aufreibend sein, meine eigenen romantischen Ideale und Projektionen überfordern mich manchmal. Dank der Hundenase habe ich jemanden an meiner Seite, die oder der auf mich aufpasst.

Daten und sich gegenseitig beschnuppern

Gassi gehen ist so fest in meinen Biorhythmus integriert, dass ich in der Zeit zwischen meinem ersten und meinem zweiten Hund regelrechte Entzugserscheinungen hatte. Während die halbe Welt im Lockdown war und sich einen Hund zulegte, trauerte ich um meinen ersten Hund. Dann kam Apollon in mein Leben, und wir begrüßten gemeinsam die hippen Corona-Hundis auf der Straße und in den Hundeausläufen.

Trotz der sozial intelligenten Hundenase habe ich meine Hunde fast nie auf ein erstes Date mitgenommen. Vielleicht weil ich Angst hatte, dass der Hund zu viel Raum einnehmen würde. Vielleicht auch, weil der Hund dann zu sehr im Mittelpunkt stünde. Aber auch, weil ein Hund so viel von mir preisgibt. Die Interaktion mit meinem Hund ist eine intime, schwer zu kaschierende Beziehungsoffenbarung. Die Beziehung zu meinem Hund sagt so viel über mich aus, dass ich sie beschützen will – damit ist sie mehr was für ein zweites oder drittes Date, nicht fürs erste Beschnuppern. Ich will nicht so tun, als hätte ich mir nie gewünscht, dass Hunde nicht so umständlich und unpraktisch wären. Diese Gedanken zu leugnen, wäre feige, weil sie dazugehören. Ich liebe meinen Hund deswegen nicht weniger – im Gegenteil: Ich entscheide mich immer wieder bewusst für unser Zusammenleben.

Den Hund in der Beziehung willkommen heißen

Hunde lieben Routinen, doch das Leben ist nicht immer planbar. Als ich T. kennenlernte, war mir klar, dass die Beziehung zu ihm Veränderungen bringen würde. Wir leben in verschiedenen Städten, ich in Berlin, er in Tel Aviv. Wir wollten uns nicht nur an verlängerten Wochenenden sehen oder eine Beziehung führen, in der gemeinsame Zeit die Ausnahme ist. Als er vorschlug, den Winter bei ihm in Tel Aviv zu verbringen, wurde ich aufgeregt. Na klar! Aber was ist mit dem Hund? Dann ging die Recherche los. Ich wusste, dass Menschen mit Hund fliegen, doch ich wusste nicht, wie viel Bürokratie dahintersteckte. Will ich meinem Hund das antun? Wird er bleibende Traumatisierungen davontragen?

Den Hund mitzudenken, kann eine mentale Belastung sein, aber auch eine Herausforderung, an der Beziehungsgeflechte über sich hinauswachsen. Die Entscheidung, mit Hund zu fliegen, war nicht leicht. Aber sie hat sich gelohnt. T. hat mich mit Hund kennengelernt, und dass er den Hund willkommen heißt, bedeutet auch, dass er mich willkommen heißt. Als wir zu dritt im Taxi vom Flughafen auf dem Weg zu T.s Wohnung sitzen, lehnt Apollon sich an T. an und lässt sich den Flugstress wegkraulen. Wie er da liegt, wie er da in sein tiefes Vertrauen hineinschmilzt, weiß ich, dass ich T. vertrauen kann, weil der Hund ihm vertraut. Wir laufen jetzt neue Routen ab, treffen auf andere Hund-Mensch-Beziehungsgeflechte, keine Frage: Tel Aviv ist eine Hundestadt. Als T. und ich abends rausgehen und uns an der Hand halten, spüre ich: Dating mit Hund ist ein liebevolles Abenteuer unter Gefährten.