Lieblingsstücke: Christian Thielemann dirigiert die Berliner Philharmoniker

Was Thielemann wirklich kann und wodurch er den spezifischen Thielemann-Klang erreicht, wird interessanterweise fast nie beschrieben.

Christian Thielemann und die Berlner Philharmoniker
Christian Thielemann und die Berlner PhilharmonikerStephan Rabold

Zurückgekehrt von der  Asien-Tournee mit der Staatskapelle, die das Orchester nach Südkorea führte, stand Christian Thielemann am Freitag am Pult der Berliner Philharmoniker, um dort seine Lieblingsstücke zu präsentieren: Thielemann garantiert, dass sich im Konzertleben niemals etwas ändern wird und soll. Dafür stehen in diesem Programm Werke von Richard Strauss und Hans Pfitzner, Richard Wagner und Arnold Schönberg. Das gereicht besonders den beiden letztgenannten zum Nachteil.

Was Thielemann wirklich kann, wird interessanterweise fast nie beschrieben. Unter seiner Leitung intonieren die Orchester sauberer als unter allen anderen Dirigenten. Das macht den spezifischen Thielemann-Klang aus: Nahezu schwebungsfrei ist er sogleich ein wenig leiser, und überhaupt ist Thielemann sparsam mit Lautstärke. Freundlich hilft er Camilla Nylund in Strauss’ „Vier letzten Liedern“ in den tiefen Lagen – allerdings auch mit so ruckartigem piano, dass der Hörer die Hilfsaktion mitbekommt.

In der konzentrierten Zusammenarbeit zwischen Sängerin und Dirigent entsteht vor allem in den letzten beiden Liedern Spannung – auch wenn der Dirigent mit seiner linken Hand fast schon im Gesicht der Sängerin taktiert, die nach anfänglicher Verhaltenheit schließlich wundervoll aussingt. Der mürbe Orchesterklang ist exquisit, er transportiert in den zärtlich ausgemalten Zerfallsmomenten eine Einsicht, die Thielemann eigentlich auszublenden verspricht: Wie die anachronistische Romantik in den „Vier letzten Liedern“ von 1948 nur noch beschworen werden kann, so kann auch Thielemann das deutsche Kapellmeistertum nur noch beschwören.

Schönberg löst Bachs große Architektur in kaleidoskopische Farbkleckse auf

Dessen Tugend war nicht das feine Aushören von sauberen Bläsermischklängen, sondern die große formale Übersicht. Die zeigt Thielemann in keinem Moment, und dass das Konzert mit Schönbergs Bearbeitungen von Johann Sebastian Bachs „Präludium und Fuge Es-Dur“ endet, ist geradezu symbolisch: Wie Schönberg Bachs große Architektur in kaleidoskopische Farbkleckse auflöst, so löst Thielemann Wagners „Parsifal“-Vorspiel und Karfreitags-Zauber in emotionale Kleckse auf – den Höhepunkt des Vorspiels, den formalen Bezugspunkt des Ganzen dagegen lässt er unauffällig passieren.

Lieblingsstellen werden ausgekostet, ohne ihnen einen großrhythmisch-formalen Rahmen zu geben. Der Applaus bleibt im Übrigen danach seltsam verhalten. Erst die aufgesetzten Schluss-Fanfaren von Schönbergs Bach-Bearbeitungen vermögen dem Publikum zu versichern, dass Thielemann die Begeisterung verdient, die lokale und internationale Presse ihm entgegenbringen.