Berlin - Die Liebe ist ein Haus. Man muss es bewohnen, damit es einen wärmt. Man muss es pflegen, wenn es nicht verstauben soll. Gelegentlich, nach Stürmen, muss das Dach neu gedeckt, die Fassade gestrichen werden. Aber auch mit der besten Fürsorge wird die Liebe Tag für Tag ein wenig älter, schließlich ist sie ein altes knarzendes Haus voller Erinnerungen. In ein neues Leben lässt es sich nicht mitnehmen.

Von diesem Reigen handelt der Film „Liebesjahre“, und Drehbuchautor Magnus Vattrodt („Der Novembermann“) erzählt davon ganz buchstäblich: Vera (Iris Berben) kehrt in das Bauernhaus zurück, in dem sie mit ihrem Mann Uli (Peter Simonischek) vor Jahrzehnten ihrer großen Liebe ein Heim gaben, Kinder zeugten, schließlich ihre Träume begruben. Eines Tages schaute Vera auf ihr malerisches Landhaus und sah nur noch eine trostlose Ruine. Sie drehte sich um, packte einen Koffer und zog aus.

Wie ein Chor im Theater der griechischen Antike

Das alles ist nun zehn Jahre her. Längst ist die Ehe geschieden, haben die sich Beteiligten mit dem Zerwürfnis arrangiert, endlich steht jetzt auch das einsame Haus am Waldrand zum Verkauf. Bevor aber morgen der Notar mit den Papieren kommt, müssen sich Vera und Uli heute noch einmal mit den zurückgelassenen Möbeln und Erinnerungen beschäftigen. Schon in der ersten Szene lässt Regisseur Matti Geschonneck keinen Zweifel daran: Aus dem notwendigen Zwecktermin wird eine emotionale Achterbahnfahrt werden, die den Eheleuten noch einmal schonungslos vor Augen führt, was war, was ist, was nie wieder sein wird.

Wie als Chor im Theater der griechischen Antike, der das Geschehen auf der Bühne kommentiert, hat Autor Vattrodt den beiden Eheleuten neue Lebenspartner an die Seite gestellt: Nina Kunzendorf ist Johanna, Ulis wesentlich jüngere, zweite Ehefrau; Axel Milberg spielt Darius, Veras Lebensgefährten. Halb aus Neugier, halb aus Sorge sind diese beiden ihren Liebsten in diese letzte Eheschlacht gefolgt und schauen nun mal ungläubig, mal entsetzt dabei zu, wie Vera und Uli (um) sich schlagen.

Matti Geschonneck, der 2006 bereits mit Iris Berben in „Silberhochzeit“ ein virtuoses Kammerspiel um die Ruine einer Ehe inszeniert hat, legt in „Liebesjahre“ großen Wert darauf, die Gemeinsamkeiten der alten und neuen Beziehungen herauszustellen. Es gehört eine ganz besondere Souveränität dazu, wenn sich die Schauspieler auf dieses Vexierspiel zwischen Ich und Du einlassen können, ohne sich selbst darin zu verlieren. Wenige Nuancen machen den Unterschied für das Publikum erkennbar: Simonischek spielt Uli etwas lärmiger und tumber als Milberg den dafür etwas eitleren Darius, aber beide werden angetrieben von dem gleichen unverbrüchlichen Glauben an die Macht der Spontaneität.

Ein Funke genügt

Nina Kunzendorf grenzt ihre Figur qua Jugend von Berbens Vera ab, aber natürlich schaut sie auf ihre „Vorgängerin“ auch stets so, als werfe sie einen Blick in die eigene Zukunft. Und Iris Berben lässt hinter der Fassade der disziplinierten Kontrollfrau mit wenigen funkelnden Blicken erahnen, wie sehr und wie existenziell sie die Anwesenheit der jungen Johanna schmerzen muss.

In „Liebesjahre“ wird viel geredet, aber weit mehr Gefühl lodert in den Pausen zwischen den Sätzen auf. Nicht ohne Grund schwebt über der gesamten Inszenierung die ständige Furcht, das Landhaus könne in dieser letzten Nacht noch niederbrennen. So ist ja die Liebe: Ein Funke genügt, und alles brennt lichterloh!

Liebesjahre, 20.15 Uhr, ZDF