Tirzah steht bei ihren Auftritten nicht gern im Vordergrund
Roland Owsnitki/Imago

BerlinViele modische junge Menschen waren am Sonntagabend in das in einem ehemaligen Krematorium angesiedelte Kulturzentrum Silent Green in Berlin-Wedding gekommen, um zum Ausklang des Wochenendes der Musik gewordenen Unsicherheit von modischen Menschen in ihren Zwanzigern zu lauschen. Zerrissen, leer, bedrohlich, schön und fragmentiert klang diese, so wie die britische Post-R’n’B-Sängerin Tirzah und ihre Begleitmusiker sie bei wenig bis gar keinem Bühnenlicht präsentierten.

Musizieren mit dem Live-Staubsauger

Tirzah, die bereits mit Erscheinen ihrer ersten EP vor sechs Jahren als Zukunftshoffnung gehandelt wurde, schien sich danach auf ein äußerst sympathisches Desinteresse an Karriere verlegt zu haben – schlussendlich erschien ihr Debütalbum „Devotion“ dann im vergangenen Jahr. Darauf singt Tirzah Lieder über Verlust und Hoffnung in die Düsternis wackeliger Klangräume hinein; die Entschleunigung und Desorientierung dieses Albums kann man sich als eine Art Trip-Hop für Millenials vorstellen.

Maßgeblich daran beteiligt ist die Produzentin, Tirzahs Schulfreundin Mica Levi, die bereits als Teenagerin gegen Ende der Nullerjahre als Micachu and the Shapes auf sich aufmerksam machte, unter anderem indem sie ihre klassische Gitarre extrem verzerrte, sich selbst gerne auf der Bühne mit einem Live-Staubsauger begleitete und das alles aber in Popliedform bewahrte.

Verlegen im Hintergrund

Wie stets wurde Tirzah auch am Sonntagabend von Mica Levi sowie dem Musiker und Sänger Coby Sey unterstützt, letzterer sang die Zeile „So listen to me“, die sich durch den Titelsong von Tirzahs Album zieht, beinah noch brüchiger als auf der Aufnahme, und Levis merkwürdig zerdehnte und durch die Effektmangel gedrehte Klavierarpeggien wirkten noch entrückter. Vom Basswummern und Minimalklackern der sparsamen Beats ganz zu schweigen – eines der besonderen Highlights, das Stück „Fine again“, kam sogar komplett ohne Beats aus und entfaltete zu Tirzahs durchaus hoffnungsvoll tremolierenden Ich-bin-immer-für-dich-da-Bekennungen einen apokalyptischen Einsamkeitskontrast.

Überhaupt toll, wie Tirzah als Hauptsongautorin gar nicht daran gelegen war, im Vordergrund zu stehen, gerne ließ sie ihren beiden Freunden auf der Bühne Raum und streichelte dafür ein bisschen auf Bongos oder Windspiel herum. Zum Ende des letzten Stückes „Affection“ verließ sie vorzeitig die Bühne, während Levi und Sey das vormals durch einen einzigen sich wiederholenden Klavierakkord strukturierte Stück in eine beinah versöhnlich ratternde Club-Sache fortführten, die die jungen Menschen dann allerdings doch, ohne Zugabe, in eine leicht versüßte Hoffnungslosigkeit entließ. So klingt Leben als Musik.