Lilith Stangenberg in "Orphea" 
Foto: Berlinale/Rapid Eye Movies

BerlinOrpheus hat es nicht geschafft, Eurydike aus der Unterwelt zu holen. Alexander Kluge und der philippinische Künstler Khavn de la Cruz lassen es nun Orphea versuchen. Verkörpert wird sie von Lilith Stangenberg.

Frau Stangenberg, wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Lilith Stangenberg: Ich habe Khavns Filme 2015 entdeckt. Da lief „Ruined Heart“ im Rahmen der Berlinale, und ich habe mich in diesen Film völlig verliebt. Dann hab ich versucht, mehr Filme von ihm zu sehen, er hat ja über 100 gedreht. Im Herbst 2018 habe ich ihn kurz kennengelernt in Berlin und ihm später einfach in einem Brief geschrieben, was mir seine Filme bedeuten.


Was passierte dann?

Die Sterne standen gut, denn er war zu der Zeit im Dialog mit Alexander Kluge über „Orphea“ und so kam ich dann dazu.

  
Was fasziniert Sie an Khavns Arbeit?

Khavns Filme sind verwurzelt mit seiner Herkunft, den Philippinen, mit seinem „Mondomanila“, einer Welt der Straßenkinder, der Slums, des Dschungels, auch der Vulkane, und trotzdem hat er eine Filmsprache entwickelt die universal ist. Mir kommt es manchmal vor, als würde er in eine dystopische menschliche Welt  blicken.


Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit Khavn und Kluge vorstellen?

Bei Alexander Kluge landete ich in München in einem provisorischen Green-Screen-Studio vor einem Teleprompter, und wir haben uns mit dem Mythos von Orpheus und den vielen Rätseln darin beschäftigt, haben den Text von Ovid gelesen. Im Spiel haben wir uns den Fragen um Orphea jedoch eher sehr unverkopft angenähert, weniger rational als verspielt.


Und wie waren die Dreharbeiten in Manila?  

Ich bin mit einer Idee von der Figur nach Manila geflogen, es gab ein Drehbuch und die „9 Songs from hell“. Aber mit jedem Tag, an dem ich tiefer in diese Vorhölle von Manila eingetaucht bin, also in die Slums, in denen die Menschen auf Müllkippen leben, mit Ratten, Kakerlaken, in tiefstem Elend – da hat sich diese Figur irgendwie aufgelöst, es wurde so existenziell, es ging um meine Identität als weiße, europäische Frau.  Ich wurde mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ich bis dahin in keiner Arbeit erlebt habe.


Spiegelt sich das in dem Film wieder?

Kluge und Khavn scheinen beide eine große Sehnsucht nach dem Zufall oder Unfall, nach dem unberechenbaren Moment zu haben. Nach einer Form von Chaos. Einem Ort, an dem etwas außer Kontrolle geraten kann. In Khavns Filmen spielen Menschen eine Rolle die sonst eher an den Rand gedrängt werden: Krüppel, Amputierte, Zwerge. Und dann vor allem die Kinder, die auf der Straße leben.


Der Film handelt doch aber auch von der Suche einer Liebenden nach ihrem Geliebten, hat Sie das denn interessiert?

Der Film ist ein Appell für eine rückhaltlose Liebe im altmodischen, vielleicht auch romantischen Sinn. Er stellt die Frage, was man bereit zu riskieren ist für die Liebe, was zu opfern. Orpheus ist der erste Mensch der sagt: Ich gehe hinunter ins Reich der Toten um meine Geliebte wieder zu finden, das ist ja ein apokalyptischer Albtraum: lebendig begraben zu werden. Das für einen Geliebten auf sich zu nehmen – wer macht denn das noch im Zeitalter von Tinder?