Schriftstellerin Lily King
Foto: Getty Images/Portland Press Herald 

Sie litt als Teenager, so Lily King im März auf der Internetplattform Literary Hub, unter einer Überdosis männlicher Autorschaft: Überall Klassiker von Homer über Shakespeare bis Faulkner, in vier Jahren Highschool wurde ihr nur eine einzige schreibende Frau nahegebracht.

Aus dem davon genervten Mädchen wurde eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin: Lily Kings vierter Roman „Euphoria“ stürmte 2015 die internationalen Bestsellerlisten. Es ist eine flirrende Geschichte über unkonventionelle Liebe und leidenschaftliche Arbeit, inspiriert von der legendären Anthropologin Margaret Mead, die mit ihren Forschungen übrigens die Natürlichkeit hierarchischer Geschlechterrollen infrage stellte.

Ein Schuppen für sich allein – frei nach Virginia Woolf

Nach diesem Sensationserfolg hat King nun genau jenes Buch geschrieben, das sie, wie sie weiterhin in ihrem Literary Hub-Text ausführt, als junge Frau gern gelesen hätte. Es ist ein Roman über eine werdende Schriftstellerin. Sie heißt Casey Peabody, lebt in Boston und schreibt an ihrem ersten Roman. Wir lernen sie im Morgengrauen kennen, als sie, wie täglich, den Hund ihres Vermieters ausführt (um die Miete zu senken), dann Stunden am Schreibtisch verbringt und schließlich eine Doppelschicht als Kellnerin schiebt. Casey lebt in einem modrigen Gartenschuppen, eine mit Studienkrediten beladene 31-Jährige. Wir schreiben die späten 90er-Jahre, aber ihre Situation erinnert stark an Virginia Woolfs berühmten Essay „A Room of One’s Own“ (1929), der die miserablen Arbeitsbedingungen von Schriftstellerinnen beklagt.

Caseys Geschichte beginnt mit folgenden Sätzen: „Ich verbiete mir strikt, schon am Morgen an Geld zu denken. Wie ein Teenager, der sich den Gedanken an Sex zu verbieten versucht. Wobei ich an Sex auch nicht denken darf.“ Denn auch ihr Privatleben ist kompliziert, nicht zuletzt, weil sie sich vorzugsweise in schreibende Männer verliebt. Etwa in den, der ihre Affäre zu bejubelter Lyrik verarbeitet und dann zu seiner Frau zurückkehrt. Oder den, der sich kurz vor der ersten Verabredung zu einem theatralischen Roadtrip davonmacht. Oder den, der enttäuscht ist, dass sie eine Kollegin und nicht ausschließlich Kellnerin ist und außerdem über seinen soliden, aber doch nicht ganz großen Erfolg jammert.

So etwas erlebt Casey öfter: „Nahezu alle Typen, mit denen ich zusammen war, waren der Meinung, dass sie längst berühmt sein sollten, dass sie zu Großem bestimmt seien und ihrem Zeitplan hinterherhinkten.“ Sie dagegen wäre schon froh, nicht ständig an sich und ihrem Manuskript zu zweifeln. Außerdem kämpft sie nicht nur mit ihren Liebesgeschichten, sondern auch mit ihren Schulden und dem amerikanischen Gesundheitssystem, denn sie wird zwischenzeitlich nicht nur psychisch, sondern auch körperlich krank. Und als sei all das nicht genug, trauert sie um ihre überraschend verstorbene Mutter.

Eine feministische Liebeserklärung ans Schreiben

In Rückblicken erfahren wir einiges über die Kindheit mit dieser Mutter und einem überehrgeizigen Sportler-Vater, in der erzählten Gegenwart manövriert Casey sich in eine Dreiecksgeschichte mit einem deutlich älteren Schriftsteller und einem gleichaltrigen Anfänger wie sie selbst. Das Wichtigste bleibt aber ihr Roman, an dem sie trotz aller Probleme und Zweifel festhält, während die meisten ihrer einst schreibenden Weggefährten längst Anwälte, Immobilienmakler oder Gattin eines Literaturprofessors geworden sind.

King hat eine feministische Liebeserklärung ans Schreiben, an Fantasie und Erzählen geschrieben. Dabei geht es weniger um hehre, oft gestellte Fragen nach dem Was, Wieso und Wie, sondern ums Durchhalten und Dranbleiben, und zwar unter widrigen Bedingungen: als Frau, die als Kellnerin angegrapscht, als Schriftstellerin systematisch entmutigt, ja selbst vom Vermieter verspottet wird: „Ich staune nur immer wieder, dass du glaubst, du hättest etwas zu sagen.“

Dennoch ist der Roman auch lustig. Zum Beispiel, wenn Casey Autorenfotos von Männern („Ellbogen aufs Knie gestützt, Bizeps angespannt“) und Frauen („ein breites entschuldigendes Lächeln im Gesicht“) analysiert oder erzählt, wie der Hund ihres prominenten Schriftsteller-Dates im romantischsten Moment des ersten gemeinsamen Spaziergangs vor einen Fliederbusch kackt.

„Writers & Lovers“ ist kein funkelnder Ausnahmetext wie „Euphoria“, aber ein scharfsichtiger und zorniger, angesichts all der geschilderten Sorgen letztlich verblüffend leichtfüßiger Roman über Geschlecht und Literatur. Die Spannung des Ganzen leidet ein wenig darunter, dass ja klar ist, dass Lily King ihren Weg als Schriftstellerin gemacht hat, was nahelegt, dass auch Casey es tun wird. Wie sie es schafft oder auch nicht, wird hier natürlich trotzdem nicht verraten.

Lily King: Writers & Lovers. Roman, aus dem Englischen von Sabine Roth, C.H. Beck Verlag, München 2020. 319 S., 24 Euro.