Die Veranstalter von Polis180, einem sogenannten Grassroots- Thinktank, haben nicht mit einem solchen Besucherandrang gerechnet. Der hintere Raum in der Neuköllner Bar B-Lage ist an diesem Donnerstagabend voll, es ist stickig. Auf der Bühne sitzen fünf Journalisten, Philosophen, Juristen aus Ungarn und Polen. Gemein ist ihnen, dass sie sich als Opposition zu den Regierungen ihrer Länder begreifen.

Kritische Polen und Ungarn

Berlin hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Anziehungspunkt für Osteuropäer entwickelt, die politische wie gesellschaftliche Entwicklungen in ihrer Heimat kritisch begleiten und aus dem Exil heraus versuchen, Einfluss zu nehmen.

„Mit der Politik in Deutschland beschäftigen wir uns nicht“, sagt Joana Bronowicka, Mitglied  der  politischen Partei und Bewegung Razem und in der B-Lage im Publikum. Die neue polnische Linke hat in Berlin ihre größte Auslandsgruppe, ihr gehören mehr als 30 Personen an, dazu kommen viele Sympathisanten. Der Protest gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes in Polen (#czarnyprotest) ging auf sie zurück, in Berlin trafen sich am 3. Oktober  mehrere tausend Peronen.

Diskurse wurden von anderen bestimmt

Die Linke hat es in Polen traditionell schwer; die Postkommunisten haben die Wirtschaft dereguliert und sich dadurch unglaubwürdig gemacht, der wirtschaftliche Diskurs wurde bis zur Machtübername von Recht und Gerechtigkeit (PiS) im November 2015 dominiert von Neoliberalen, der historische Diskurs von Konservativen; im polnischen Parlament ist derzeit keine linke Partei vertreten, Razem konnte als Neugründung mit 3 Prozent der Wählerstimmen einen Achtungserfolg einfahren.

Oft vereinfachende Berichterstattung

„Die Linke in Polen hat Probleme“, sagt Przemyslaw Witkowski, Dozent und Autor der Krytyka Polityczna, einer Internetzeitung, die sich vor allem mit Ostmitteleuropa beschäftigt und auch auf Englisch erscheint. Denn trotz aller Kritik missfällt den Diskussionsteilnehmern die Berichterstattung über Polen oder Ungarn, oft sei sie vereinfachend oder über bestimmte Dinge würde gar nicht geschrieben. Dass in Ungarn nun eine wichtige Stimme fehlt, sei in diesem Zusammenhang erwähnt: Am 8. Oktober wurde der Druck der ungarischen Oppositionszeitung Népszabadság eingestellt. Davon erzählt der Philosoph Zsolt Kapelner, der als Autor für Kettös Mérce schreibt.
Deutschland ist seit Jahren bereits das beliebteste Ziel für Ungarn, die ihr Land verlassen, speziell Berlin. Wirtschaftliche und politische Ursachen gehen Hand in Hand, und die Politik der Orban-Regierung ist zumindest ein Katalysator.

In einer politische Partei sind die Ungarn in Berlin nicht organisiert, aber es sind viele, wie an diesem Abend zu hören ist. Im Publikum sitzen polnische und ungarische Uni-Dozenten, Mitglieder von Razem und Polis180, neugierige Deutsche. Es dürften mehr werden.