Linklaters „Boyhood": Unterwäschekataloge und zu kurze Haare

Die Welt im Film ist eine künstliche Welt. Sie hat einen Anfang, ein Ende, dazwischen entstehen Konflikte, formen sich Höhepunkte, ergibt sich eine Moral. Man nennt das: Eine Geschichte erzählen. Die Welt im Film ist zugleich ein Abbild der Wirklichkeit. Da ist ein Schauspieler, da ist eine Straße, da ist eine Landschaft – Dinge, die auf der Leinwand aussehen, wie sie wirklich aussehen. Nun können sich indes Künstlichkeit und Abbildlichkeit vielfältig verschieben. In vielen Filmen ist die digitale Bearbeitung bereits zur Routine geworden, so dass kaum ein Filmbild noch als Abbild gelten kann. Zugleich kann sich aber auch die Erzählung in Richtung Abbildlichkeit verschieben. In mancher Filmästhetik ist Wirklichkeits- und Lebensnähe des Erzählens und des Erzählten sogar zum Wertmaßstab für Filme geworden.

„Boyhood“, der Wettbewerbsbeitrag des US-amerikanischen Regisseurs Richard Linklater, ist in dieser Hinsicht ein sehr interessanter Fall. Seit 2002 hat Linklater jedes Jahr immer wieder die gleichen Schauspieler für ein paar Drehtage versammelt, um vom Aufwachsen eines Jungen in Texas zu erzählen – von der Einschulung bis zum Umzug ins College. Was da erzählt wird, ist erfunden: Die Eltern von Mason und seiner großen Schwester Samantha sind getrennt; die Mutter (Patricia Arquette) sorgt dafür, dass der Laden läuft und versucht zugleich, ihr Biologie-Studium zu beenden. Der Vater (Ethan Hawke) ist angeblich in Alaska – aber das ist nur so eine Geschichte, die man Kindern erzählt –, und er kommt nach vier Jahren wieder, um mit anarchischem Temperament als Wochenendvater tätig zu werden. Die Mutter heiratet ihren Biologieprofessor, dessen Einkommen ihr den Studienabschluss und dann auch eine Lehrtätigkeit ermöglicht. Als er seinen Alkoholkonsum nicht mehr unter Kontrolle hat, zieht die Mutter aus. Der Vater heiratet eine nette Frau und hat mir ihr ein weiteres Kind. Die Mutter heiratet den nächsten Trinker, einen Irak-Kriegsveteranen aus ihrem College. Mason wird größer, beginnt zu fotografieren, trinkt das erste Bier, raucht die erste Zigarette, küsst die erste Freundin.

Das klingt in der Zusammenfassung wie ein nicht sonderlich originelles Sozialdrama, aber das ist „Boyhood“ nun wirklich überhaupt nicht. Richard Linklater beobachtet, er übt keinen dramaturgischen Druck aus. So wirkt eine Szene, in der Masons Stiefvater am Mittagstisch alkoholisiert das Geschirr durch die Gegend schmeißt, seltsam ruhig und distanziert. Es ist richtig: Das wahre Leben macht in solchen Momenten auch keine musikalische Untermalung und keine bedrohlichen Kameraperspektiven; sie können uns dennoch nahegehen, wenn wir die Leidtragenden kennen.

Der distanzierte Blick ist jedoch kein Resultat fehlender Regieeffekte, sondern des Regieprinzips. Wenn die Schauspieler im Laufe des Films tatsächlich elf Jahre lang beim Altern beobachtet werden, ist das bei den Kindern naturgemäß am eindrucksvollsten.

Wir sehen Ellar Coltrane in der Rolle des Mason und auch Lorelei Linklater als seine Schwester aufwachsen, ganz real. Wir sehen wie Masons – oder doch eher Ellar Coltranes? – Gesicht in der Pubertät seine kindliche Niedlichkeit verliert. Wir sehen an den Frisuren seine Einstellung zu seinem Äußeren sich wandeln, wir sehen an den Pickeln und am Bartwuchs, wie er es mit der Körperpflege hält. Damit aber richtet Linklater unseren Blick auf Körper, weniger auf Figuren. Dieser Blick hält die Empathie des Zuschauers in Grenzen – denn diese richtet sich nicht auf ihre Körper, sondern auf ihre Träume und Wünsche. Das ist der Unterschied auch zu Linklaters entfernt verwandter „Before Sunrise“-Trilogie, in der sich Jesse und Celine über einen Zeitraum von 18 Jahren immerhin von ihren Träumen erzählen dürfen.

Obwohl man den Menschen in „Boyhood“ fast drei Stunden zusieht, erfährt man über deren Wünsche nicht all zu viel. Am ehesten geht man mit Patricia Arquettes Mutter mit, weil sich deren Ziel, Lehrerin zu werden, als Handlungsfaden durch die erste Hälfte dieser Chronik zieht. Ethan Hawkes charmant-chaotischer Vater ist zwar der interessantere Typ, aber in seiner Ziellosigkeit dann doch eher eine Nebenfigur. Mit Mason als Hauptperson jedoch bleibt die Mitte des Films erzählerisch etwas leer. Er zeigt Begabung als Fotograf – aber ob ihn das wirklich interessiert, weiß man am Ende nicht.

Seltsamerweise sieht man dem Film dennoch ausnehmend interessiert zu. Das liegt an mancher hübschen Beobachtung: das Interesse Sechsjähriger an Unterwäschekatalogen; die Scham über zu kurze Haare; das billige Prahlen mit vermutlich noch gar nicht gemachten sexuellen Erfahrungen gegenüber Jüngeren; die vom Körperlichen ins Seelische dringende Peinlichkeit der Pubertät, die Ellar Coltrane dann beeindruckend haltungsgeschädigt vorführt.

Das liegt aber auch an der filmischen Versuchsanordnung. „Boyhood“ handelt nicht nur von einem Jungen, sondern vom Vergehen der Zeit in menschlichen Dimensionen, von der Filmbarkeit des Lebens, von Zufällen. Immer, wenn ein Baby in diesem Film auftaucht, scheint die Möglichkeit einer neuen Verzweigung des Films auf. So hat man am Anfang des Films nicht das Gefühl, dies sei ein Anfang, und am Ende nicht das Gefühl, dies sei ein Ende: Mason unterhält sich hier mit einer neuen Collegebekanntschaft in einer Naturkulisse mit Ewigkeitswert über den richtigen Augenblick – und schon ist er vorbei, und was nun wird, schneidet niemand mit.