Eigentlich sollte es ein Buch übers Altern werden – als gemeinsames Projekt Ingmar Bergmans und seiner Tochter Linn Ullmann: Sie nahm auf, was er über seine späten Jahre sagte, zusammen wollten sie einen Text daraus erarbeiten. Aber die beiden warteten zu lang. Als sie endlich begannen, prägten seine Schwäche und Demenz die Gespräche und machten sie schließlich unmöglich.

Ein Buch machte Linn Ullmann trotzdem, und zwar eines, in dem sie über ihn und sein Sterben, aber auch über ihre Mutter Liv Ullmann und über ihre eigene Kindheit erzählt. Sie nannte es einen Roman.

Es ist so eine Sache, wenn die Tochter des Traumpaares des skandinavischen Films ihre Familie zum Sujet ihres Schreibens macht. Viele werden sich intime Einblicke versprechen und das Buch genau deswegen lesen. Tatsächlich verrät es dies und das über den Regisseur, seine zwanghafte Ordnungsliebe, seine übertriebene Angst vor Erkältungen oder seine Art mit neun Kindern von fünf Frauen umzugehen.

Das Haus auf der Insel Fårö

Es erzählt, wie Liv Ullmann über „zerknitterte Nerven“ klagt, wie sie auch im Alltag schauspielert, wie sie mit ihrer Tochter kuschelt oder sie viel zu lange ihren Kindermädchen überlässt. Natürlich erzählt Linn Ullmann auch von der Liebesbeziehung der Eltern und ihrem gemeinsamen Haus auf der Insel Fårö, wo Ingmar Bergmann auch nach der Trennung seine Sommer verbrachte und wo er starb.

Sie erinnert sich an ihre alljährlichen Ferien mit ihm in diesem Haus, sie erinnert sich an die Wohnungen der Mutter in den USA und Norwegen, sie erinnert sich an den Alltag mit ihnen als Kleinkind, Teenager und erwachsene Frau. Sie ist eine genaue Beobachterin und wir kommen ihren Eltern in gewisser Hinsicht sehr nahe. Beide wirken unerwartet liebenswürdig.

Linn Ullmann schreibt aber nicht nur als Tochter, sondern als Schriftstellerin, die sie ist – eine der wichtigsten Skandinaviens. Ihre preisgekrönten Romane wurden in 30 Sprachen übersetzt. Es geht ihr nicht um irgendeine Enthüllung, sondern um ihre ganz eigene Agenda als Künstlerin. Und die wirkt wie der umsichtige und reflektierte Versuch, sich schreibend an ihre Erinnerungen anzunähern und darin möglichst wahrhaftig zu sein.

Szenen einer Kindheit

Sie montiert Gesprächsausschnitte, Erinnerungen, Reflektionen und Szenen aneinander, zeigt, wie sich ihre Eltern in bestimmten Momenten verhielten, schreibt, was sie sagten, wie sie sprachen, sich bewegten, blickten, aussahen.

Sie tut es aber, ohne eine darüber oder darunter liegende Wahrheit zu extrahieren, zu beschwören, zu behaupten, denn, so meint sie, „in Wahrheit kann man nicht sonderlich viel über das Leben anderer Menschen wissen, vor allem nicht über das seiner Eltern, und erst recht nicht, wenn diese Eltern es darauf angelegt haben, ihr Leben in Geschichten zu verwandeln …“

Ihr Buch stemmt sich gegen solche eingängigen „Geschichten“, und es sagt viel über die Wahrnehmung und Beschreibung von Menschen, über jedes Erinnern und autobiografische Schreiben. Sie macht auf Lücken und Unsicherheiten aufmerksam und beschreibt ihren Umgang damit: Wenn sie überlegt, warum sie sich deutlicher an das rote Fahrrad als an das Gesicht des Vaters erinnert.

Oder eingesteht, etwas einfach nicht mehr zu wissen oder etwas Erinnertes mit Gehörtem zu vermischen. Wenn sie manches wieder und wieder erzählt, etwa wie er sich das erste Mal verspätete, wenn sie manches mutmaßt, anderes präzise zitiert.

Die Anstrengung des Alterns

Angesichts der Wortfindungsstörungen des alten Vaters vergleicht sie die Anstrengungen des Alterns und die des Formulierens, zitiert Wittgenstein und Strindberg, nur um diese Meta-Ebene schnell wieder einzufangen. Manchmal, sagt sie dann, ist Schreiben auch einfach, ja eine Freude. Und so liest es sich bei ihr auch, auch auf Deutsch – ein großes Dankeschön an den Übersetzer Paul Berf.

Dabei weicht sie schweren Themen nicht aus, nicht ihrer Einsamkeit und Überforderung als Kind zweier Egozentriker, nicht ihrer Trauer angesichts des sterbenden Vaters. Auch davon erzählt sie mit einer Sachlichkeit, die nicht spröde, sondern empathisch ist, die nicht seziert, stillstellt oder zerstört, sondern zeigt, dass auch Erinnern, ja vielleicht jedes Erzählen, ein lebendiger Vorgang ist, der, wenn wir uns wirklich Mühe geben, etwas Wirkliches aufscheinen lassen kann.

Vielleicht sogar die Wirklichkeit eines weltberühmten Regisseurs und einer großen Schauspielerin, aber das ist eigentlich ganz egal. Viel wichtiger ist, dass eine hier vorführt, was Literatur in Bestform kann und es in diesem ganz und gar unprätentiösen, ganz und gar zugänglichen Text gleichzeitig ganz leicht aussehen lässt.