Linus Giese vor dem Interview in Berlin
Foto:  Sabine Gudath

BerlinAuf seinem Buch ist ein Kaffeebecher abgebildet, mit einem Vornamen drauf. „Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war“ heißt es. Das erste Mal den selbst gewählten Vornamen auszusprechen und vom Barista so akzeptiert zu werden, war ein wichtiger Schritt im Leben von Linus Giese. Bei der Geburt wurde ihm das weibliche Geschlecht zugewiesen, nun geht er als trans Mann in die Öffentlichkeit. Nicht nur mit dem Buch. Wir trafen uns in einem Café im Wedding zum Gespräch.

Berliner Zeitung: Herr Giese, Sie sind eine Social-Media-Berühmtheit. Sie haben mehr als 17.000 Follower auf Twitter, fast 8000 auf Instagram. Wie kommt das?

Linus Giese: Ich habe 2011 angefangen mit meinem Buchblog, dort veröffentlichte ich Rezensionen und Interviews. Das stieß schon auf Aufmerksamkeit: Die „Tagesschau“ hat mich mal bei meinem Weg über die Buchmesse begleitet, ich war mal im Radio, es gab einen Artikel über mich. Dann habe ich mich auf meinem Blog im Oktober 2017 als trans Mann geoutet und das auch gleich auf Twitter und Instagram bekannt gegeben. Ich dachte, ich kann ja nicht weiter bloggen, ohne zu sagen, dass ich inzwischen anders heiße. Viele finden das bestimmt seltsam, sich in den sozialen Medien zu outen, ich hatte das Gefühl, ich muss das tun.

Beim Lesen dachte ich, das sei auch Ihre Rettung gewesen.

Die Entscheidung, damit nach außen zu gehen, hat mich sicherer gemacht, das stimmt. Ich bin plötzlich ich. Vorher war ich viel schüchterner – ich hatte sogar Angst zu telefonieren.

Sie hatten also im Sinne des Wortes ein Selbstbewusstsein gewonnen?

Dass ich lange Zeit unglücklich war, hatte viel damit zu tun, dass ich keinen Bezug zu mir hatte, zu dem, was ich mir wirklich wünsche, was ich möchte. Ich hatte lange Zeit kein Bauchgefühl und dachte, alle anderen haben so etwas. Ich konnte nicht meiner Intuition vertrauen. Das war ein Prozess.

Hat Ihnen auch die Literatur geholfen?

Ich habe durch Bücher viel gelernt. Im Suhrkamp-Verlag ist „Darling Days“ gerade erschienen, als ich mein Coming Out hatte. Da erzählt ein trans Mann seine Geschichte. Er hatte auch nicht so einen geraden Weg. Ich war ja schon 31 und fragte mich bis dahin oft, ob man sich nicht schon mit 6 oder 16 sicher sein sollte.

Wie man an Georgine Kellermann, der Chefin des WDR-Studios Essen, sieht, kann man sich auch noch mit über 60 outen.

Ich finde Georgine sehr beeindruckend. Es ist sehr wichtig, dass es Menschen gibt, die zeigen, auch später im Leben kann man sich noch mal hinterfragen: Bin ich eigentlich glücklich damit, wie ich lebe?

Einerseits ist die Gesellschaft freier geworden, weil man sich leichter outen kann. Andererseits werden mehr Fälle von Diskriminierung öffentlich. Ist das ein Widerspruch, der schwer zu lösen ist?

Nur ein Teil der Gesellschaft wird offener, ein anderer Teil ist sehr viel konservativer geworden. In der Netflix-Dokumentation über trans Personen in Filmen und Serien – „Disclosure“– heißt es, 80 Prozent der Menschen in den USA kennen keine trans Personen persönlich. Alles, was sie über sie wissen, haben sie in den Medien erfahren. Und wie werden da trans Personen dargestellt? Zum Beispiel als Prostituierte, Mordopfer oder als Männer, die sich ein Kleid anziehen und über die da gelacht wird.

Wie „Tootsie“ im Film?

Ja, auch. Das heißt, trans Personen waren immer so eine Art Witz. Heute werden sie sichtbarer. Dass gleichzeitig die Diskriminierung zunimmt, ist ein Paradox der Repräsentation. Denn wenn Menschen mehr gesehen werden, fangen auch andere an, sich mehr an ihnen zu stören.

Also macht Sichtbarkeit auch angreifbarer?

Genau. Wir brauchen Sichtbarkeit, wir brauchen aber auch Gesetzesänderungen, damit Diskriminierung aufhört.

Welche Gesetze meinen Sie?

Ich denke zum Beispiel an das Transsexuellengesetz, das noch aus den 80er-Jahren ist.

Was ist daran schlimm?

Wenn trans Menschen ihren Namen und Personenstand ändern möchten, brauchen sie zwei Gutachten und müssen dafür auch noch Geld bezahlen.

Sie schreiben, dass Sie eine andere Möglichkeit gefunden haben.

Ich bin den Weg über den Paragraphen 45b gegangen, der eigentlich für intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen gilt. Ich brauchte ein Attest von meiner Hausärztin und musste nur 25 Euro beim Standesamt zahlen.

Aber dieser Weg steht nicht allen offen?

Nein, das Bundesinnenministerium erklärte, dass das Gesetz nicht für trans Menschen gedacht ist, und die Standesämter wurden dazu angehalten, trans Menschen abzuweisen. Ich hatte eine ganze Weile Angst, dass mir mein Name wieder weggenommen werden könnte. Und ich muss sagen, so ein Geschlechter-TÜV ist doch einfach sonderbar. Menschen, die sich mit ihrem Geschlecht identifizieren können, bekommen einen Ausweis, ohne das beweisen zu müssen.

Haben Sie andere Beispiele?

Ja. Trans Personen, die Eltern werden, dürfen nicht mit ihrem richtigen Geschlecht in der Geburtsurkunde ihrer Kinder stehen. Eine trans Frau, die Mutter wird, steht da als Vater.

Was ist das richtige Geschlecht?

Das richtige Geschlecht einer trans Frau ist das weibliche – und für mich als trans Mann das männliche. Warum sollte ich eines Tages in der Geburtsurkunde meines Kindes nicht als Vater aufgeführt werden?

Haben Schwule und Lesben ein wenig den Weg bereitet? Kinder mit zwei Müttern oder Vätern gibt es inzwischen.

Ich glaube, dass es noch eine Zeit braucht, bis trans Menschen eine ähnliche Akzeptanz erfahren wie homosexuelle Menschen. Und auch dort ist die Akzeptanz in der Gesellschaft noch längst nicht da, wo sie sein sollte. Wann wird denn mal ein Artikel über Familien mit zwei Männern oder zwei Frauen bebildert? Wann werden in der Werbung zwei Männer als Paar gezeigt?

Als normal angesehen wird oft nur die Mehrheit. Etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung sind trans. Kann man Ihr Buch ein Aufklärungsbuch nennen?

Ja, in einem gewissen Sinne. Ich hoffe, dass ich damit Menschen auch helfen kann.

Der Autor und sein Buch

Linus Giese ist studierter Germanist und arbeitet als Blogger, Journalist und Buchhändler in Berlin. Auf buzzaldrins.de schreibt er über Bücher und auf ichbinslinus.de über seine Transition.

Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war. Rowohlt, Hamburg 2020. 224 S., 15 Euro

Sie erklären tatsächlich viel. Ich habe mir manche Frage daneben geschrieben beim Lesen, die sich im Laufe der Lektüre beantwortet hat.

Das freut mich. Ich würde gerne in Schulen sprechen dürfen, wenn sich das ergeben sollte. Das Schreiben hatte für mich selbst auch einen therapeutischen Effekt, ich wurde mir über manches besser klar. Aber ich möchte nicht darauf reduziert werden. Ich bin nicht nur der trans Mann, ich bin auch Buchhändler. Ich würde mir wünschen, dass nicht nur über trans Menschen debattiert wird. Es wird viel zu oft darüber diskutiert, ob es ein Hype bei Jugendlichen sei, trans zu sein. Oder es wird als Schicksalsschlag und Leidensweg beschrieben. Abgesehen von Frau Kellermann gibt es kaum trans Menschen, die mit einem normalen Beruf in der Öffentlichkeit stehen.

Es ist doch eigentlich Privatsache. Ist das nicht gerade angenehm an Berlin, dass hier zum Beispiel Männer High Heels tragen können, ohne dass die Leute auf der Straße stehen bleiben?

Das stimmt, ich habe vorher in Hanau gelebt, da hatte ich eher das Gefühl, eine Rarität zu sein. Als ich dann in Berlin-Friedrichshain in der Buchhandlung anfing, dachte ich, hier bin ich einfach einer von vielen, die aus der Norm fallen. Aber es gibt auch in Berlin transfeindliche Übergriffe. Ich war vor zwei Wochen in Lichtenberg mit einer Person unterwegs, die nicht-binär ist.

Moment: Also mit jemandem, der oder die nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden möchte?

Ja. Ein Mann rief: Geh doch lieber auf den Strich, du Schwuchtel. Mir selbst passiert das nicht oft auf der Straße, weil man mir nicht unbedingt ansieht, dass ich trans bin. Aber eine trans Frau, mit der ich in einer WG gelebt habe, wurde am Bersarinplatz von Jugendlichen angespuckt. Nur weil sie anders aussieht, als manche sich eine Frau vorstellen.

Mir scheint es ein Trend zu sein, dass auch noch das Maß der Ausgrenzung von Minderheiten diskutiert wird. Wenn also erklärt wird, dass die Diskriminierung Homosexueller nicht mit der von Schwarzen vergleichbar sei. Diese Nervosität in den Debatten verwirrt mich.

Es gibt eben ganz unterschiedliche Diskriminierungsformen. Mir kann es passieren, dass man mich wegen meines Trans-Seins angreift. Aber andererseits bin ich doch privilegiert wegen meiner Hautfarbe und meiner sozialen Herkunft. Wenn ich will, kann ich mich so verhalten, dass es überhaupt nicht auffällt, dass ich trans bin. Schwarze Menschen aber können ihre Hautfarbe nicht ablegen. Ich hatte mal eine schwarze Kollegin, mit der die Kunden in der Buchhandlung oft besonders langsam sprachen oder gleich auf Englisch. Ähnliches ist mir natürlich nie passiert.

Sie beschreiben allerdings eine Szene, da eine Kundin Ihnen gute Besserung wünscht und Sie antworteten, Sie seien im Stimmbruch. Und darauf herrschte Schweigen.

Na ja, sie wusste einfach nicht, was sie sagen sollte. Wenn ich so etwas erzähle, meine ich es nicht als Kritik. So ergeht es eben jemandem wie mir. Neulich war ich bei einem Arzt, der mich nicht kannte, und wurde nach Medikamenten gefragt, die ich nehme. Als ich sagte, ich nehme alle zwölf Wochen Testosteron, konnte ich ihm die Verwunderung ansehen.

Wie war es mit der Frau, die Ihnen in der Herrenabteilung des Kaufhauses den Weg zur Damenkleidung zeigen wollte? Warum schrieben Sie von der?

Sie meinte es nicht böse, mich hat das in dem Moment trotzdem verletzt. Vielleicht könnten sich Menschen, die im Verkauf arbeiten, hinterfragen, ob es nötig ist, bei anderen Menschen zu vermuten, welches Geschlecht sie haben. Das habe ich im Buchhandel öfter erlebt, dass Mütter ihren Kindern sagten: Bring das mal zu der Frau an der Kasse. Das könnte man ja auch anders formulieren. Unsere Gesellschaft ist stark davon geprägt, wie Geschlecht aussehen soll.

Das fängt natürlich in der Kindheit schon an.

Auf jeden Fall. Vielleicht sagt man heute nicht mehr, dass Jungen nicht weinen, aber ein Junge trägt kein Kleid, und wenn er es möchte, wird er davon abgehalten. Oder ein Junge darf sich nicht die Nägel lackieren. Warum nicht?

Aber wenn die Grenzen fließend sind, wo führt das hin? Ich habe als Kind keine Röcke tragen wollen und nicht mit Puppen gespielt. Hätten meine Eltern erkennen sollen, dass in mir ein Junge steckt?

Nein, dazu gehört doch viel mehr, das fängt schon mit dem Verhältnis zum eigenen Namen an. Aber wenn ein Kind eine Weile etwas ausprobieren möchte, ist doch auch nichts dabei. Es wird ja nicht gleich operiert. Der Wunsch verschwindet vielleicht wieder oder er wird stärker.

Ihrem Buch entnehme ich, dass Ihr Selbstverständnis darin besteht, ein trans Mann zu sein, und Ihr Ziel nicht ist, irgendwann einfach nur ein Mann zu sein.

Ich möchte kein cis Mann sein, das stimmt.

Also nicht eindeutig als Mann identifiziert werden. Warum?

Ich glaube, die Berichterstattung über trans Menschen, in der leider noch oft das Wort Geschlechtsumwandlung vorkommt, führt zu der Annahme, dass trans Menschen in einen Kleiderschrank steigen und dort magisch in ein anderes Geschlecht umgewandelt werden. Das möchten vielleicht manche tatsächlich, aber so ist es bei mir nicht.

Das Gespräch führte Cornelia Geißler.