Die Schauspielerin Lisa Jopt kandidiert als GDBA-Präsidentin.
Foto: Simon Hegenberg

BerlinDie Schauspielerin Lisa Jopt gründete 2015 das Ensemble-Netzwerk, einen Verein, der die Arbeitsbedingungen und Mitspracherechte der Ensembles in bundesweiten Ensembleversammlungen und effektvollen Kampagnen thematisiert, Kräfte bündelt und auch die Zusammenarbeit mit anderen Verbänden und der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins – den Arbeitgebern – nicht scheut. Nach einer Reihe von Erfolgen will Jopt nun Präsidentin der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) werden. Kommt jetzt der Ernst des Lebens?

Berliner Zeitung: Lisa Jopt, Sie sind Künstlerin und wollen nun Funktionärin werden. Haben Sie sich das gut überlegt?

Lisa Jopt: Ja, das habe ich mir gut überlegt. Ich will nämlich beides. Und bin ja auch schon beides.

Es gibt nicht wenige Bühnenkollegen von Ihnen, die gar nicht wissen, dass es so etwas wie die GDBA gibt?

Das stimmt. Ich kannte die Gewerkschaft seit meinem Erstengagement, wollte aber nach drei Jahren austreten, weil ich nicht wusste, wofür die sind oder was sie eigentlich genau machen. Weil es keine Ansprache gab, keine Mails, kaum Treffen. Ich habe gar nicht verstanden, auf welche Weise die Gewerkschaft ein System sein könnte, um meine Interessen zu vertreten. Das war alles recht fern von meiner Realität, die aus Proben, Spielen, Kantine und Feierabendbier bestand.

Klingt nach einem ganz passablen Lebensmodell. Welche Interessen kann man denn darüber hinaus noch haben?

Na zum Beispiel Regeneration. Wir haben eine gar nicht so kurze Liste aufgesetzt, als wir als frisches Team in Oldenburg zusammenkamen, zusammengewürfelt aus verschiedenen Arbeitskontexten. Wir stellten uns die Frage, was brauchen wir als Ensemble, um gut arbeiten zu können? Das ging von der Abschaffung der Sonnabendproben bis zur Verlegung der Kostümanproben in die Kernarbeitszeiten und solche Sachen. Das sind wir mit der Leitung durchgegangen und haben gemeinsam viel verändern können. Dass das so einfach mit freundlichen Worten ging, hat uns echt überrascht, weil es vorher hieß, wir würden das Theater kaputt machen, wenn wir sonnabends nicht proben wollen. Oder man könnte uns für schwierig und faul halten und mit künstlerischem Liebesentzug bestrafen – war aber nicht so! Damals war uns auch noch nicht klar, dass in den letzten 30 Jahren ungefähr 50 Prozent weniger Leute für 50 Prozent weniger Gage ungefähr 50 Prozent mehr Produktionen gemacht hatten.

Simon Hegenberg
Schauspiel und Arbeitskampf

Lisa Jopt , geboren 1982 in Siegen, hat in Leipzig Schauspiel studiert, war in Essen, Bielefeld, Oldenburg und am Schauspielhaus Bochum engagiert. Außerdem ist sie in einigen Film- und Fernsehproduktionen aufgetreten. 

Seit der Gründung des Ensemble-Netzwerks im Jahr 2015 engagiert sie sich kulturpolitisch. Vor kurzem hat sie angekündigt, für das GDBA als Präsidentin zu kandidierten. Die Wahlen finden im Mai 2021 in Weimar statt. Die GDBA hat als Bühnengewerkschaft die Tarifhoheit über den Normalvertrag (NV) Bühne, über den künstlerisches Personal an die öffentlich getragenen Theater gebunden werden.

Da  wurde offenbar zu lange geduldet und geschwiegen. Auch von der GDBA?

Ich antworte mal so: Das Ensemble-Netzwerk verhält sich zur GDBA wie Greenpeace zu den Grünen. Die Grünen machen Politik, arbeiten in Gremien und Ausschüssen, und Greenpeace macht Kampagnen und Aktionen. Beides ist sinnvoll, wir haben mit dem Netzwerk viel verändert. Zum Beispiel mit der Aktion „40.000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten“. In NRW, Thüringen, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern haben sich die Kulturetats erhöht, teilweise mit dem expliziten Hinweis zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Das waren nicht alleine wir, aber man kann uns nicht nachweisen, dass wir nicht daran beteiligt waren. Das hat ja immer einen Dominoeffekt am Ende. In Hessen ist per Erlass die Mindestgage von 2000 Euro auf 2300 Euro angehoben worden. Das ist eine Sensation.

Warum wollen Sie dann zur Gewerkschaft gehen, wenn Sie doch so viel Erfolg mit Ihren Kampagnen hatten?

Wir sind nach fünf Jahren und der Geburt von fünf weiteren Netzwerken bei 900 Mitgliedern. Wir haben gelernt, was es heißt, seine Interessen zu vertreten, Zielpapiere auszuarbeiten und sich für seinen Berufsstand starkzumachen. Jetzt ist es an der Zeit, das Wissen in eine professionelle Infrastruktur zu überführen, nämlich in die Struktur der Gewerkschaft. Dann können wir das Übel bei der Wurzel packen, was wir als lautes, buntes blut- und glitzerverschmiertes Kampagnennetzwerk gar nicht können: der Tarifvertrag.

Ist das ein Akt der Piraterie?

Nein, ich muss von Delegierten gewählt werden, aber natürlich sind viele Bekannte durch meine Kandidatur inspiriert, sich zu engagieren.

Ihre Eignung wird in verschiedenen Foren kontrovers diskutiert, so ist das im Wahlkampf. Man stellt sich an der Spitze einer Gewerkschaft eher jemanden vor, der Betriebswirtschaft studiert hat.

Ich sehe keine Kontroverse. Es wird nur von drei Dödeln in der Kommentarspalte der Theaterplattform Nachtkritik.de gehetzt. Unsere Konferenzen werden mal von der Bundeszentrale für politische Bildung, mal von der Beauftragten für Kultur und Medien unterstützt, dafür müssen wir in unserer Geschäftsstelle Anträge schreiben, Kalkulationen erstellen, Budget verwalten, Abrechnungen machen und Steuererklärungen. Eine bundesweite Ensemble-Versammlung zu organisieren ist professionelles Kulturmanagement. Das ist echt abgefahren: Man stampft eine riesige, erfolgreiche Theaterbewegung aus dem Boden, die sich sogar mit der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins gut versteht, und ein paar Konservative machen daraus ein Frauen-Kompetenz-Problem.

Kann es sein, dass da in der Gewerkschaft die Alteingesessenen Muffensausen haben?

Muffensausen? Wovor denn? Eine Gewerkschaft ist demokratisch aufgebaut, die Ämter sind geliehen. Die wenigsten bekommen sehr geringe Aufwandspauschalen gezahlt. Darum kann es nicht gehen. Aber vielleicht um die Deutungshoheit darüber, wie erfolgreich die Gewerkschaft war und sein soll. Ich komme in Frieden und habe Respekt vor dem Engagement, das viele Menschen vor mir geleistet haben.

Haben Sie eine Ahnung, wie viel Pensum Sie als GDBA-Präsidentin zu bewältigen hätten?

Ja, ich denke schon. Ich werde keine einsame 24/7-Präsidentin sein, die alles an sich reißt, sondern vertraue auf die Kraft des Teams. Ich will weiterhin für Drehanfragen zur Verfügung stehen und in den Sommerferien mit meinem Theaterkollektiv Rumpel-Pumpel-Theater Straßentheater machen. Das Amt einer Präsidentin ist nur geliehen und bietet keine Jobperspektiven. Um zu vermeiden, dass man sich ans Amt klammert, möchte ich meine künstlerische Selbstständigkeit und Integrität weiter pflegen. Es ist Teil meiner seelischen Nahrung, es ist der Beat, den ich brauche, um mich für meine Kolleginnen und Kollegen zu engagieren. Das ich beides kann, zeigen die letzten fünf Jahre.

Die Arbeit mit dem Ensemble-Netzwerk scheint ja sinnstiftend und freudvoll zu sein, ob das beim GDBA auch so sein wird?

Meine Motivation ist, aus der GDBA die Gewerkschaft zu machen, die ich gebraucht hätte: einen Partner, der mir Energie und Kraft gibt und mich durch die Kompliziertheiten meines Berufsfeldes leitet. Wenn die Mitglieder nicht wünschen, dass eine Gewerkschaft unseres Jahrhunderts schwer, zornig, kompliziert und muffig sein muss, dann verliere ich gern.

Haben Sie geahnt, dass die Ensemble-Netzwerk-Gründung, die Sie da an dem legendären Oldenburger Küchentisch angezettelt haben, zum Lebensinhalt werden könnte?

Nein.

Hat Sie Ihr Engagement in Ihrer eigentlichen Karriere behindert?

Nein, das hat mich weiter zum autonomen Denken geführt und mich starkgemacht, um Künstlerin zu sein. Man wird mutiger und radikaler, wenn man übt, die eigenen Interessen zu vertreten. Mein Traum von der heilen Schauspielerinnenkarriere am Stadttheater ist zu Recht zerplatzt. Ich glaube, dass das Ensemble-Netzwerk auch so aussieht, wie es aussieht, weil man von der Liebe zur Kunst kommt. Von der Liebe zur Anarchie, zu großen Gesten und zum Strohfeuer. Das ist, was wir lieben. Das ist total sexy.