Die polnische Schriftstellerin Dorota Masłowska spricht im Literaturhaus in der Fasanenstraße mit der polnisch-deutschen Journalistin Emilia Smechowski über ihren neuen Roman „Andere Leute“ (Rowohlt Berlin 2019). 
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BerlinNicht dass das literarische Leben Berlins jemals über einen Kamm zu scheren, in eine Ecke oder unter ein Motto zu stellen beziehungsweise sonstwie zu rubrizieren wäre, schon gar nicht eine ganze Woche lang. Aber man könnte doch von der zarten Tendenz sprechen, dass es in den kommenden Tagen verstärkt um osteuropäische Literatur geht. Was schon wieder eine Falle ist, denn die Frage ist natürlich immer: östlich von wo?, und wenn ich jetzt auch Katja Oskamps Lesung im Literaturforum im Brecht-Haus aus ihrem Buch „Marzahn mon amour“ am Dienstag dazuzählen würde, wäre mir der Shitstorm gewiss.

Über „den Trost der Poesie in finsteren Zeiten“

Aber am selben Tag ist der litauische Dichter und Übersetzer Tomas Venclova in der Akademie der Künste zu Gast, das kommt der Sache schon näher, auch wenn Venclova als Bürgerrechtler in den 70er-Jahren nach Westen emigrieren musste und heute in den USA lehrt (russische und osteuropäische Literatur). In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Sinn und Form schreibt er über „Prosper Mérimées letzte Novelle“ und am Pariser Platz spricht er mit dem Dichter Durs Grünbein und der US-amerikanischen Schriftstellerin Ellen Hinsey über „den Trost der Poesie in finsteren Zeiten“.

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Den findet man ganz sicher auch bei der Polin Dorota Masłowska, die ebenfalls am Dienstag, im Literaturhaus in der Fasanenstraße, mit der polnisch-deutschen Journalistin Emilia Smechowski über ihren, also Masłowskas, neuen Roman „Andere Leute“ (Rowohlt Berlin 2019) spricht. Offenbar ist nicht geplant, auch aus dem Buch zu lesen, was ein großer Fehler wäre, den das Publikum keinesfalls hinnehmen sollte!

Denn die 1983 geborene Masłowska („Schneeweiß und Russenrot“, „Die Reiherkönigin“) schreibt über die jeweilige Trübsal und Wut der Warschauer Unter- wie Oberschicht mit so viel originellem, anarchisch-tänzerischem Schwung, dass man gar nicht mitbekommt, wie deprimiert man am Ende über die ökonomische und moralische Haltlosigkeit der Verhältnisse doch eigentlich ist.

Besonders begeistern mich in der Übersetzung von Olaf Kühl die Stellen, in denen plötzlich Mitfahrer in der Straßenbahn oder auch mal die Weinflasche ihre Ansichten zur Lage äußern, einzelne Gedanken sich szenisch surreal verselbstständigen oder zwischenrein ein bisschen gerappt wird. Frech und spielerisch ist dieser Roman, im besten Sinne obenhin und bildet dabei dennoch Wurzeln aus: Die Sehnsucht, dass die Verhältnisse früher mal anders waren, wärmer und verbindlicher, blubbert immer wieder nach oben – „Nachbar, borg mir ein Glas Zucker.“ „Aber bitte, kommen Sie rein.“

Trübsal und Wut der Warschauer Unter- wie Oberschicht

Deutlich weniger künstlerisch, aber sehr informativ ist der tschechische Roman „Die große Nachricht vom schrecklichen Mord des Šimon Abeles“ (Wieser-Verlag 2019, deutsch von Raija Hauck) des 1967 geborenen Schriftstellers, Journalisten und Diplomaten Marek Toman, der im Original bereits 2014 erschien. Hier geht es um einen historischen Kriminalfall aus dem 17. Jahrhundert: den Tod eines 12-jährigen jüdischen Jungen aus Prag, der zum Christentum überwechseln wollte und zu den Jesuiten floh, von seiner Familie ins jüdische Viertel zurückgeholt wurde und wenige Tage darauf starb. Sein Grab findet sich tatsächlich in der Teynkirche in der Prager Altstadt.

Toman, der am Mittwoch im Tschechischen Zentrum in der Wilhelmstraße auftritt, hat den Fall rekonstruiert, teilweise mit Originaltexten aus Verhörprotokollen erzählerisch aufgearbeitet und mit einem fiktiven zeitgenössischen Strang verwoben, in dem der Sohn eines Anthropologen, der an der Ausgrabung in der Teynkirche mitwirkt, ebenfalls verschwindet.

Marek Toman über einen historischen Kriminalfall

Das Thema ist das Miteinander von Juden und Christen gestern und heute, wenn man so will, interessant, aber auch ein wenig schulfunkmäßig aufbereitet. Sie wissen schon: Wenn die Gedanken oder Dialoge der Figuren kein Eigenleben haben, sondern nur dazu dienen, die Leser ins Bild zu setzen ...

Am Sonnabend schließlich, in der Buchhandlung Ocelot, ein belarussischer Abend mit dem Schriftsteller Alhierd Bacharevic und der Dichterin Julia Cimafiejeva. Was zweifellos ein schöner Abschluss des dieswöchigen Blickes nach Osten wäre. Oder nach Westen, wenn man aus China kommt. Wie auch immer – viel Spaß!

Literatur

Ein Abend für Tomas Venclova, 21.1., 19 Uhr, Akademie der Künste, Pariser Platz 4

Dorota Masłowska: Andere Leute, 21.1., 19.30 Uhr, Literaturhaus, Fasanenstr. 23

Marek Toman: Die große Nachricht vom schrecklichen Mord des Šimon Abeles, 22.1., 19 Uhr, Tschechisches Zentrum, Wilhelmstr. 44

Alhierd Bacharevic und Julia Cimafiejeva, 25.1., 20 Uhr, Ocelot, Brunnenstr. 181