Am Sankt-Lorenz-Strom in Quebec: Hier spielt die Geschichte, die Réjean Ducharme vor mehr als 50 Jahren erzählt hat.
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Réjean Ducharme verfasste seinen ersten Roman 1966, da war er vierundzwanzig Jahre alt. „Von Verschlungenen verschlungen“ erschien zuerst bei Gallimard in Paris, ein Jahr später in Quebec, seiner kanadischen Heimat. Mit einem Schlag war er in aller Munde. Als genial, überspannt, verworren, wunderbar, rätselhaft wurde der Roman bezeichnet. Bis heute ist er ein Kultbuch der kanadisch-französischen Literatur. Nach einer ersten kaum beachteten Ausgabe im Jahr 2012 ist er nun wieder auf Deutsch zu lesen.

Schon der Titel gibt ein Rätsel auf. Wer wird da verschlungen und wer sind die schon Verschlungenen? Berenice Einberg, die Ich-Erzählerin, in der man ein weibliches Alter Ego des Autors vermuten kann, weiß schon im Kindesalter die Antwort: „Alles verschlingt mich. Wenn meine Augen offen sind, werde ich von dem verschlungen, was ich sehe, ringe im Bauch des Geschehenen nach Atem, mein Herz zieht sich zusammen, Angst ergreift mich.“ Vor allem aber sind es die Erwachsenen, die ihre Kinder verschlingen, sich einverleiben wollen, nachdem auch sie selbst vom Leben verschlungen wurden.

Die Eltern leben im Hass miteinander

Das frühreife Mädchen lebt mit ihren Eltern auf einer winzigen Insel im großen Sankt Lorenzstrom, in dem auch die Stadt Montreal liegt. Der Vater ist gläubiger Jude, die Mutter Katholikin. Sie leben in Hass gegeneinander her, die Kinder sind Spielball zwischen ihnen, der Vater reklamiert aufgrund des Ehevertrags die erstgeborene Bérénice für sich, Bruder Christian wird von der Mutter für sich allein beansprucht.

Schon als Kind rebelliert Bérénice nicht nur gegen dieses von Zank, Eifersucht und Hass geprägte Familienleben, sondern gegen alles, was sie umgibt, gegen alle gesellschaftlichen Normen, gegen das „knechtige Nicht-aus-der Reihe-Tanzen“ der Erwachsenen, gegen deren Bosheiten und Lügen. „Das ist es, was ich tun muss, um frei zu sein, alles zerstören.“ Getreu dem Motto, das auch im Westdeutschland der 60er-Jahre geprägt wurde: Macht kaputt, was euch kaputt macht! 

Sie schafft sich eine Gegenwelt, ein eigenes Zuhause. „Meine Einsamkeit ist mein Palast. Wenn ich woanders sitze als in meiner Einsamkeit, dann sitze ich im Exil, sitze in einem trügerischen Land.“ Nur ihr Bruder hat Zutritt in diesen Palast, denn mit ihm verbündet sie sich gegen die Welt des Draußen, wie auch in späteren Jugendjahren mit einer Freundin.

Ducharme legt Bérénice in ihrem unablässigen inneren Monolog Gedanken in den Kopf und Wörter in den Mund, die nicht ihrem Alter entsprechen, was aber ein literarischer Kniff ist, den etwa ein Roger Vitrac in „Die Kinder an die Macht“ schon benutzte. Gedanken, die aus der anarchischen Ideenwelt eines Nietzsche und anderer Philosophen stammen. Diese sind natürlich die des Autors, aus der das Lebensgefühl der jugendlichen Rebellion der Zeit spricht.

Der Rückzug der Bérénice in den „Palast der Einsamkeit“ ist auch der Weg Ducharmes. Nach dem Erfolg seines Romans siedelt er sich auf einer kleinen Insel des Sankt Lorenzstrom an, verschwindet für die Öffentlichkeit. Er wird unsichtbar. Es wird keine Fotos mehr von ihm geben, nirgends tritt er auf. „Ich will nicht als Schriftsteller wahrgenommen werden“, verkündet er, schreibt aber weiter Romane wie „Le Nez qui voque“ oder „L‘Hiver de force“, versteckt sich indes hinter seinem Werk. Es allein soll von ihm bleiben. 2017 stirbt Réjean Ducharme im Alter von 76 Jahren in Montreal.    

Eigenwillige Sprache

„Von Verschlungenen verschlungen“ ist aber nicht nur eine anarchische Wutliteratur, eine furiose Suada, die bisweilen auch nervend ist in ihrer eintönigen nihilistischen Verve. Der Roman fasziniert vor allem durch seine Satzkaskaden und eine eigenwillige Sprache, gespickt mit witzigen Wortschöpfungen und überraschenden Verfremdungen. Man spricht gar von einer „Bereniceschen Sprache“, die Ducharme erfunden habe. Berenice aber wird Opfer ihrer Wut gegen alles und jeden, sie zerstört sich selbst in den sieben Jahren ihrer Existenz, von der dieses Sprachkunstwerk so eindringlich erzählt.

Kanada ist ein Leseland, vielleicht auch aufgrund der langen kalten Winter, und die französischsprachige Literatur ist von einem enormen Reichtum. Davon zeugt auch eine gerade erschienene Sammlung von Kurzgeschichten von Autoren und Autorinnen, die zumeist in den 1980er Jahren geboren sind. Sie verblüfft in ihrer konventionellen Bravheit, als hätte es einen so radikalen Autor wie Ducharme in der Literatur Quebecs nie gegeben.

Réjean Ducharme: Von Verschlungenen verschlungen. Aus dem Französischem von Till Bardoux. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 311 S., 15 Euro. 
Jennifer Dummer: Genauso und anders. Francokanadische Erzählungen. Dtv, München 2020. 220 S., 10,90 Euro.