Oyinkan Braithwaite, 1988 in Lagos geboren, lebt seit ihrer Kindheit in London. 
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BerlinBereits auf der ersten Seite sieht sich der Leser mit einem Mord konfrontiert. Das war glatt zu erwarten gewesen, schließlich trägt Oyinkan Braithwaites Debüt den vielversprechenden Titel „Meine Schwester, die Serienmörderin“. Wenn man ein paar Seiten später erfährt, dass es sich nicht einmal um die erste Ermordung handelte, ahnt man, worauf man sich eingelassen hat.

Ayoola hat also schon wieder einen Liebhaber umgebracht und bittet nun ihre Schwester Korede um Hilfe. Die hatte zwar gehofft, verschont zu bleiben, doch sie ist prompt zur Stelle. Sie weiß, was zu tun ist, sucht die Hilfsmittel in der Wohnung des Mannes, wischt sein Blut auf, verwandelt seine Leiche in eine Mumie und bringt diese fort. Zum krönenden Abschluss nimmt sie Bleiche, um letzte Spuren zu verwischen. Hinter jeder erfolgreichen Serienmörderin steht eine beschützende Schwester, so scheint es hier.

Was Männer wollen

Es wäre einfach, „Meine Schwester, die Serienmörderin“ nach diesem wagemutigen Einstieg einen Krimi zu nennen. Das Buch ist viel mehr als nur das. Braithwaite gelingt eine herrlich intelligente Satire über die Liebe im digitalen Zeitalter, die Dynamik zwischen Mann und Frau, genauer genommen darüber, was Männer wollen und wie Frauen damit in einem patriarchalischen System umgehen. Vor allem aber geht es der jungen nigerianischen Autorin um die zwei Schwestern und ihre sowohl verstörte als auch vertraute Beziehung.

Korede und Ayoola sind völlig entgegengesetzte Charaktere: Korede ist eine kopfgesteuerte, tüchtige und etwas prüde Krankenschwester, Ayoola eine Social-Media-Influencerin mit „dem Körper einer Musikvideo-Sexbombe, einer sündhaften Frau, eines Sukkubus“. Korede ist eine Künstlerin in der Küche, Ayoola kann nicht mal ein Spiegelei braten. Korede begehrt einen gut aussehenden Kollegen auf der Station, woraus nichts wird. Ayoola, die „blind gegenüber allen Bedürfnissen außer ihren eigenen“ zu sein scheint, hat sich ausgerechnet diesen Mann gekrallt. Und Korede muss Schlimmes verhindern.

Aus dem Kontrast der beiden Figuren entfaltet sich der pechschwarze Humor der Geschichte. Und auch aus der Ungeniertheit der Serienmörderin, die stets behauptet, aus Notwehr gehandelt zu haben. Nach jeder Tat hat sie schnell alles vergessen, sie tanzt zu bunten Liedern wie Whitney Houstons „I Wanna Dance with Somebody“ und postet Selfies auf Snapchat. Solange, bis ihr nächster Freund dran glauben und Korede Krisenmanagement betreiben muss. Braithwaite stellt wesentliche Fragen in ihrem Roman: Wann wird man zum Wegbereiter eines Verbrechens? Und ist das Möglichmachen im Grunde nicht genauso schlimm wie die eigentliche Straftat? Sind Ayoola und Korede zwei Seiten derselben Medaille?

In dieser flotten Handlung lässt sich nichts mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten, dafür ist die Prosa der Schriftstellerin zu ausgeklügelt. Was aber durchaus klar ist: „Meine Schwester, die Serienmörderin“ ist bislang das unterhaltsamste Buch des Jahres.

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin

Roman. Aus dem Englischen von Yasemin Dincer. Blumenbar, Berlin 2010. 240 Seiten, 20 Euro