Die Schriftstellerin Irina Liebmann bei ihrer Dankesrede am Freitagabend.
Foto: Konstantin Börner

BerlinWie Jahresringe ordnen sich die Bücher Irina Liebmanns, sagt Jens Sparschuh, ihr Schriftsteller-Kollege, als er am Freitagabend eine Rede auf sie hält. Er streift durch ihr Werk, nimmt sich von diesem und jenem Dichter ein Zitat und findet doch vor allem Verbindungslinien zu Uwe Johnson. 

„Jahresringe“ hat Sparschuh natürlich bewusst gewählt, denkt doch jeder Johnson-Leser sofort an dessen Hauptwerk „Jahrestage“. Suchte der (von New York aus) nach deutschem Wesen und deutscher Schuld in den Geschichten der Leute, erkundet Irina Liebmann Berlins Mitte und das Leben der Menschen akribisch die Pflastersteine umdrehend und den Menschen zuhörend. „Sie musste erst das Land verlassen, ehe sie in ihre Straße zurückkehren konnte.“ Ihre Bücher vom „Berliner Mietshaus“ an (1982) bis „Die Große Hamburger Straße“ (2020) erzählen, was war und was dazwischenkam.

Im Namen des großen Mecklenburger Berliners bekommt Irina Liebmann in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommerns den mit 20.000 Euro dotierten Uwe-Johnson-Preis überreicht. Wie ein schräg versetzter Spiegel zu Jens Sparschuhs Laudatio voller schöner Abschweifungen und mit erlesenem Witz wirkt ihre Dankesrede: Sie füllt die Lücken, die seine Fragen aufreißen.

Irina Liebmanns Liebeserklärung

Auch das Sprechen über Literatur ist eine Kunst. Und Irina Liebmann spricht, wie sie schreibt: Auf das Kleine schauend, um das Große zu erzählen, schaut in die Archive und auf die Häuser, schiebt die Zeiten ineinander, kommt dann klüger um die Ecke hervor. Ihre Jahresringe laufen weit und haben Ausbuchtungen, es gibt Pausen zwischen ihren Büchern über die Gegend um den Hackeschen Markt. Die Jahreszahlen, die in Johnsons Werk die Markierungen setzen, 1933, 1945, 1961, prägen auch ihres. 1989 kommt noch dazu. Von Uwe Johnsons Stadt Güstrow blickt sie auf Berlin, in rhythmischer Sprache, um dann selbst zu sagen, das klinge doch alles wie Musik, mit Text natürlich. „Ich behaupte: ein Lied!“ Man muss dieses geschundene und geflickte Berlin und seine Menschen schon sehr lieben, um so davon erzählen, ja: singen zu können.