Die Deutschen kommen. In Griechenland hat dieser Satz keinen guten Klang. Historisch nicht und aktuell auch nicht. Der griechischen Wirtschaftskrise wird mit deutschen Vorschlägen begegnet. Auf der 4. Athen-Biennale im Gebäude der ehemaligen Börse liegt „Medusa Merkel“ auf einem Tisch: ein Teller mit Frauenkopf, aus dem Schlangen hervorzüngeln. Wirst du dich trauen, deutsch zu sprechen?, fragen Freunde vor der Reise.

Warum nicht? Deutsch zu lernen ist noch immer attraktiv in Athen. Das Goethe-Institut, keine zehn Gehminuten vom demonstrationserprobten Syntagma-Platz entfernt, erweist sich hinter seiner dezent schmalen Fassade als mächtiger Bau. „Unser Palast der Republik“, sagt die Programmleiterin Juliane Stegner mit einem ironischen Lächeln. Dass die Nachfrage nach Sprachkursen neuerdings etwas abnimmt, sieht sie allein darin begründet, dass die Menschen nun auch an der Bildung sparen müssten. „Und daran sparen sie wirklich zuletzt.“ Sie weiß von Fällen, da Familien ihre Kinder ins Heim gegeben haben, damit sie ordentlich versorgt würden. Stegner leitet die Gäste zu einem langen Tisch in der Cafeteria. An ihm sitzen sich am Nachmittag sechs deutsche Autoren und fünf griechische Journalistinnen (und eine mitgereiste deutsche) gegenüber. Am Abend ist der große Saal unten im Haus mit rund hundert Zuhörern locker gefüllt.

Dass die Deutschen, die mit dem Literarischen Colloquium Berlin dieser Tage zur „Verlagsmetropole Athen“ aufgebrochen sind, in kein altbekanntes Schema passen, zeigt sich schnell: Nino Haratischwili, geboren in Georgien, in Hamburg wohnend; Kristof Magnusson, derzeit Stipendiat in London, in Hamburg als Sohn eines Isländers geboren; Anne Weber kommt aus Offenbach, lebt aber seit dreißig Jahren in Frankreich, Annett Gröschner und Christoph Hein haben einen größeren Teil ihrer Leben in der DDR verbracht, sie begann nach dem Mauerfall als Autorin, er hat sich schon vorher einen Ruf erworben. Aris Fioretos schließlich entstammt einer griechisch-österreichischen Familie, lebt in Berlin und schreibt in der Sprache seines Geburtslandes – auf Schwedisch. Er kennt sich aus in Athen, er wird, wenn alle anderen das Akropolis-Museum besichtigen, eigene Wege gehen und für ein neues Buch recherchieren.

"Mit der Neugier eines Betroffenen"

Die Autoren sind noch keine 24 Stunden im Lande, sollen aber schon erzählen, welchen Eindruck sie haben. „Ich sehe mich um mit der Neugier eines Betroffenen“, sagt Christoph Hein. „Hier laufen Prozesse ab, die den meisten europäischen Ländern noch bevorstehen. Griechenland ist darin die Avantgarde, wir sehen hier die Zukunft Europas.“ Kristof Magnusson, der für seinen Roman „Das war ich nicht“ Arbeitsabläufe im Finanzmanagement studierte, will nicht über die Wirtschaft reden. Er erinnert an das idealisierte Bild von Griechenland im Schlager und Film der Siebzigerjahre. Dagegen würde die Boulevardpresse heute neue Zerrbilder setzen, die Griechen als faul und geldgierig hinstellen. Die Leser in Deutschland wüssten aber, dass solchen Extremen nicht zu trauen sei.

Und Aris Fioretos findet, dass in den vergangenen Jahren versäumt wurde, eine gesamteuropäische Öffentlichkeit herzustellen, um über die Krise zu sprechen – nicht nur in der Sprache der Ökonomie und Politik. Genau darum dreht sich am Abend darauf die Diskussion in der Buchhandlung Ianos. Annett Gröschner wird dann erzählen, was sie beobachtet hat, als sie – wie in jeder Stadt der Welt, wo es ihr möglich ist – mit der Linie 4 fuhr: keine schreiende, auffällige Armut, doch in den Läden stünden die Verkäufer allein, auf den Straßen gingen kaum Menschen mit Einkaufstüten.

Im Goethe-Institut liest sie aus „Walpurgistag“, ihrem Roman, der einen Tag in Berlin aus 25 Blickwinkeln beschreibt. Zehn Minuten etwa hat sie dafür, wie die anderen fünf Autoren auch. Die gelesenen Passagen werden über Kopfhörer auf Griechisch eingesprochen und sind auf einer Leinwand zu sehen. Das Interesse der Zuhörer ist groß, die anschließenden Fragen führen bei jedem zum Text. Weshalb konzentriert sich Annett Gröschner in diesem Roman auf ein Stadtviertel? (Weil sie sich da auskennt, aber hofft, dass dieser kleine Teil auch für etwas Größeres stehen könne.) Warum erzählt Christoph Hein in „Vor der Zeit“ die griechischen Mythen neu? (Er wollte ihnen die Farbigkeit des Lebens zurückgeben.) Wieso greift Anne Weber die Legende von Orpheus und Eurydike für ihr so heutiges Buch „Tal der Herrlichkeiten“ auf? (Weil sie die Vorstellung, dass Menschen nach ihrem Tod nur noch in der Erde vor sich hinfaulen, etwas karg findet.)

Restaurantgespräch ohne Essen

Am Bücherstand vor dem Saal gibt es von allen Autoren etwas auf Deutsch. Auf Griechisch liegen da zwei Bände Fioretos, aber noch nicht der neueste, „Die halbe Sonne“. Auch von Christoph Hein sind es nur ältere Titel. Die noch druckfrische Übersetzung von Nino Haratischwilis Roman „Mein sanfter Zwilling“, 2011 auf Deutsch herausgekommen, fällt als Erfolg ins Auge. Die Autorin, die auch viel fürs Theater arbeitet, erzählt hier eine verhängnisvolle Liebesgeschichte und führt dabei zur Frage der Schuld.

Dem griechischen Buchmarkt geht es nicht gut. Von Übersetzungen allein kann kein Übersetzer leben. Gut ist, wenn die Eltern noch eine Rente haben und helfen können. Das erzählen sie später im Restaurant ohne zu klagen. Neben der Goethe-gesponserten Gesellschaft sieht man zwar noch andere Leute an Tischen sitzen, aber kaum jemand sonst hat Essen vor sich stehen. Eva Karaitidi vom Hestia Verlag sagt, dass ihr 125 Jahre altes Familienunternehmen gerade die dazugehörige Buchhandlung schließen musste. „Wir machen weiter Bücher“, bekräftigt sie, „schon aus Stolz. Aber was wir vor drei Jahren noch in einer Auflage von 2000 Exemplaren gedruckt haben, bekommt jetzt nur noch 500. Und auch die lässt sich kaum verkaufen.“ Die Krise sei so allgegenwärtig, dass sie sprachlos mache. „Ich würde mir wünschen, dass Schriftsteller und Künstler sich deutlicher zu Wort meldeten.“

Poka-Yo, Bildender und Installationskünstler, Chef der Athen-Biennale, ist einer von ihnen. „Agora“ heißt der diesjährige Ausstellungs- und Performance-Reigen nach dem Ursprung der griechischen Demokratie. Poka-Yo nimmt als einheimischer Vertreter an der Debatte in der Buchhandlung teil. „Wir müssen uns mehr verantwortlich fühlen, weniger autistisch arbeiten“, sagt er. „Die Kunst in Griechenland folgt nicht dem sozialen Geschehen. Es ist ein Tsunami, er hat uns überrollt.“ Und er erwähnt den Merkel-Teller in der Ausstellung. Jeder würde glauben, ein griechischer Künstler sei auf diese Idee gekommen. Aber es war ein Österreicher.