In Berlin verkündet der Kanzler die Vertreibung aller Migranten und die Schließung der Asylunterkünfte. Auch in Italien sind Populisten an der Macht, in Ungarn sowieso. Und von Spanien haben die Katalanen sich abgespalten. Mit „Neverend“, 2017 im Original erschienen, jetzt auf Deutsch, schickt Aleš Šteger uns in eine mögliche Zukunft. „Das Europa, wie ich es kannte, geht flöten“, notiert die Schriftstellerin, die in diesem Roman ein Tagebuch führt. Auch für die anstehenden Wahlen in Slowenien, wo das Buch vornehmlich in der Hauptstadt Ljubljana spielt, häufen sich düstere Ahnungen, und Kafka ist involviert.

Kafka? Der berühmte Schriftsteller? Dem gehört schon der erste Satz: „Kafka bringt Bananen mit“, heißt es am 2. September. Bananen, Symbol des Handelskrieges zwischen der Europäischen Union und dem Rest der Welt, sind aus den Supermarktregalen verschwunden, so wie heutzutage in Berlin das Sonnenblumenöl. Kafka ist der Freund und Geliebte der Schreibenden.

Von ihm habe sie gelernt, „dass ich nie und absolut nie ein Pseudonym annehmen darf, am wenigsten eines, das einem bekannten existenzialistischen Schriftsteller gehört“. Klingt paradox, aber das ist nicht die einzige rätselhafte Stelle im Roman. Europa ist aus den Fugen, die Schriftstellerin leidet unter einer Schreibhemmung, und Kafka ist, anders als das weltliterarische Vorbild aus Prag, nicht schüchtern.

Makellos komponierte Kurzgeschichten

Die Erzählerin erhält das Angebot, einen Workshop für kreatives Schreiben zu leiten – im Gefängnis; womit wir beim Kern des Buches sind. Sie berichtet von den Treffen mit den drei Häftlingen. Dazwischen gesetzt sind blockweise Geschichten, die von den Kursteilnehmern verfasst sein sollen. Das sind literarisch makellos komponierte kurze Texte. Jeder kann als Kurzgeschichte für sich stehen. Alle sind ziemlich finster. Das liegt nicht an der schwarzen Phantasie der Knast-Insassen, sondern an ihrer tiefen Wahrhaftigkeit. Es sind Geschichten aus dem Jugoslawien-Krieg.

Der slowenische Autor Aleš Šteger, Mitglied der Berliner Akademie der Künste, führt hier zu einer noch frischen Mördergrube Europas: Eine Familie entkommt ihrem brennenden Dorf in Bosnien und schafft es danach, aus dem brennenden Asylbewerberheim zu fliehen. Eine Mutter erfährt, dass ihr Sohn an einer Schule ein Massaker verübt hat. Ein Junge versinkt per Kopfstand in der Erde, weil er zu seinen toten Eltern möchte. Eine Frau rekonstruiert die Toten eines Massengrabs („Ich habe dort über zweitausend Skelette und ein paar Lastwagenladungen unsortierter Knochen auf Lager.“).  Davon jetzt zu lesen, während russische Soldaten durch die Ukraine ziehen und wieder Massengräber geöffnet werden, erzeugt eine große Beklemmung.

Die Erzählerin bekommt diese Texte stets per E-Mail ohne Namen, sie weiß nicht, von wem sie kommen und stammen. Indem Šteger sie verurteilten Häftlingen zuordnet, zeigt er, dass er nicht an eine Unschuld der Literatur glaubt. Einer der drei Männer hat sich mit einem kleineren Delikt im Gefängnis versteckt. Es könnte ein Schock sein, als das herauskommt, doch hier knüpft der Autor wieder an eine wahre Parallelgeschichte an: Hatte sich doch auch der Kriegsverbrecher Radovan Karadžić jahrelang mit einer falschen Identität tarnen können. Im Gespräch bei einem Abendessen fragt die Schriftstellerin ihr Gegenüber, ob er wisse, wie Karadžić beim Prozess aufgetreten war: „I am not a monster, I am a writer.“ Ein Schriftsteller sei er, kein Ungeheuer.

So zieht Šteger verschiedene Reflexionsebenen ein. Als die Schriftstellerin mit Kafka über ihre Schwierigkeiten am eigenen Manuskript spricht, rät er ihr, so schlicht zu schreiben, als würde sie „lange, gerade Nägel“ in die Wand schlagen. Vielleicht tarnt dieser Mann sich auch nur? Er ist ein Vereinfacher, wie man noch sehen wird bei seinem Aufstieg in der Politik. Die Erzählerin steckt lieber einen Nagel in eine bereits faulende Banane und sagt: „Die Sprache ist ein Fenster in der Wand.“

Wallstein Verlag

Das Tagebuch als Geländer für den Roman-Leser

Durch den Tagebuchcharakter gibt der Autor den Lesern seines Romans ein Geländer. An ihm führt er durch den Alltag der Schriftstellerin im Knast und zu Treffen mit einer erfolgreichen Freundin, zeigt sie bei der Suche nach der Ursache für den Tod der eigenen Mutter und als Beobachterin der Gesellschaft. Am 3. November notiert sie beim Fernsehen: „Der amerikanische Präsident prahlt damit, dass er fünfzig Jahre lang kein einziges Buch gelesen hat, Bücher würden nur ablenken, er aber brauche einen perfekten Überblick.“

Dazwischen stehen nicht nur die starken, aufstörenden Texte, angeblich von den Häftlingen, sondern gegen Ende auch das Manuskript, an dem die Erzählerin so zögerlich arbeitet. Dies führt in ein Kapitel europäischer Kultur- und Medizingeschichte. Der Tiroler Naturforscher Antonio Scopoli versucht um 1780 zu Carl von Linné zu reisen. Er wird beraubt und gequält, stößt aber auf eine Bananenpflanze. Auch damals herrschte Krieg in Europa und der Einzelne litt. Šteger knüpft Verbindungen und legt zugleich falsche Fährten aus. Die unzuverlässigen Geschichtenerzähler und das weibliche Autoren-Ich gehören dazu wie der Name des populistischen Bewerbers ums Präsidentenamt: Platano – das spanische Wort für Banane.

Sogar der Titel begegnet einem doppelt im Roman. „Neverend“ soll ein Soldat der Friedensmission auf das zerschossene Straßenschild eines umkämpften Ortes gesprüht haben, heißt es in einem der Kurztexte. Aleš Šteger zeigt Europa auf einem nicht enden wollenden Weg der Gewalt; seine Erzählerin sieht sich zwischen Sprache und Krieg gefangen: „Ich überschreite diese Grenze fortwährend, mal hier, mal dort. Andauernd. Nie endgültig. Nie genug. Ich bin im Neverend.“

Damit ist allerdings auch etwas beschrieben, was einige Leser irritieren dürfte: Mit den angeblichen Häftlings-Texten, dem Entwurf des historischen Romans von der Ich-Erzählerin und den gruseligen politischen Ideen in der Tagebuch-Strecke steckt Aleš Šteger Elemente ineinander, die endlos weitergehen könnten. Das Ganze funktioniert wie eine russische Puppe, eine Matrjoschka. Jede einzelne kann auch für sich stehen.

Aleš Šteger: Neverend. Roman. Aus dem Slowenischen von Matthias Göritz und Alexandra Natalie Zaleznik. Wallstein, Göttingen 2022. 464 Seiten, 26 Euro