Alles andere als ein zarter Poet: Peter Handke wird 80

Mit „Die Zeit und die Räume“ erscheint eines seiner Notizbücher aus der Handschrift transkribiert. Eine Wanderung im Sommer 1978 erweist sich als prägend.

Literaturnobelpreisträger Peter Handke, fotografiert bei einer Lesung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach im Oktober dieses Jahres.
Literaturnobelpreisträger Peter Handke, fotografiert bei einer Lesung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach im Oktober dieses Jahres.dpa

Am 6. Dezember, dem Nikolaustag, feiert Peter Handke seinen achtzigsten Geburtstag. Das mit dem Nikolaus wird ihn schon immer gefreut haben, denn sein Augenmerk galt von Anfang an den Randständigen und den Unterprivilegierten – und das hat durchaus Ähnlichkeiten mit dem großen Heiligen aus dem kleinasiatischen Lykien. Handke, als Sohn kleinbäuerlicher Verhältnisse in der kärntnerisch-slowenischen Grenzregion aufgewachsen, fühlte immer mit den Außenseitern, und in seinem Notizheft, das er ständig bei sich hat, finden sich wiederholt Eintragungen wie: „Er liebte die für die Gemeinschaft ‚Verlorenen‘“.

Dieser Satz steht auch gleich am Anfang von Handkes Notizbuch, das den Zeitraum zwischen dem 24. April und dem 26. August 1978 umfasst und das jetzt exemplarisch herausgehoben wird. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hat im Jahr 2018 verkündet, sämtliche Notizbücher Handkes angekauft zu haben, mit insgesamt mehr als 35.000 Seiten, und der Suhrkamp-Verlag legt zum runden Geburtstag seines Autors unter dem Titel „Die Zeit und die Räume“ einen dieser Bände vor, mit schönen Faksimiles, in denen Handschrift und Zeichnungen manchmal ineinander übergehen, sowie einem kompetenten und einfühlsamen Nachwort der Herausgeber.

Kern seiner Schreibexistenz

Handke trägt seit dem November 1975 seine Eindrücke ständig in so ein Notizbuch ein, er führt buchstäblich eine schreibende Existenz: am Schreibtisch, aber auch im Freien, auf Wiesen, auf Bänken, im Schatten der Bäume. Das Schreiben ist bei ihm ein organischer Vorgang, und die ursprünglichen Eintragungen ins Notizbuch bilden den Kern seiner Schreibexistenz. Wenn jetzt zum ersten Mal eines davon vollständig veröffentlicht wird, hat das deshalb nicht nur einen ästhetischen, sondern auch einen literaturwissenschaftlich-dokumentarischen Wert.

Naturgemäß bilden diese kleinen Bändchen keine in sich geschlossene Einheit, Anfang und Ende verdanken sich dem reinen Zufall. Wenn eine seiner Kladden gefüllt ist, schreibt Handke einfach in einer anderen weiter. Der Zeitraum für die Einzelveröffentlichung ist aber natürlich mit Bedacht gewählt. Als Handke Mitte der siebziger Jahre diese Art von Notizbüchern zu schreiben begann, war das das Zeichen einer Krise. Seine Pop-und Provokationsphase, mit den Verlorenheitserzählungen und großen Bestsellererfolgen von der „Angst des Tormanns beim Elfmeter“ bis zur „Linkshändigen Frau“, hatte sich erschöpft. Der Entschluss, sich jetzt auf die kleinsten Dinge und auf konkrete Zitate aus seinen Lektüren zu begrenzen, die im Übrigen auffallend häufig bei Homer zu finden sind, bildete eine neue Weichenstellung. Im Sommer 1978, der hier im Zentrum steht, unternahm Handke eine ausgedehnte Wanderung durch das slowenische Karstgebiet bei Triest, und damit wird ein künftiges Leitmotiv seines Schaffens umkreist.

Im Ursprungszustand des Notierens stehen die verschiedensten Partikel und Augenblickseingaben noch unverbunden nebeneinander. Es handelt sich in erster Linie um eine Schule der Wahrnehmung. Als Auslöser dient meistens ein sinnlicher Eindruck, und oft steht nur ein Satz da: „Verrücktes Bild der Fernsehantennen vor dem dunklen Gewitterhimmel (sie bilden tatsächlich ein eigenes Bild im Bild)“. Ein landläufiger „Lesefluss“ entsteht dabei natürlich nicht, aber man kann diese manchmal wie aphoristisch hingehauchten Sentenzen einzeln lesen und sich dabei auf sie einstellen.

Für Handkes Ästhetik ist das Wandern, das Gehen, das Eintauchen in die Landschaft zentral. Für das Bergaufgehen hat er einmal ein für ihn typisches Verb gefunden, er sagt dazu: „Es formt“. Diese Vorstellung einer „Form“ bildet für ihn das Gegenteil abstrakter Begriffe. Handke möchte sich durch vielfältige Annäherungen darüber klarwerden, wonach er beim Schreiben eigentlich sucht: „selbst im Traum die ganze Nacht hindurch, die FORM zu finden versuchen“, und reflektiert unablässig, was er da gerade tut: „Man dreht sich immer wieder nach diesem Ereignis um, dessen Gestalt man sehnsüchtig innerlich nachziehen, nachleben will.“

Die mythische Kindheitslandschaft

Die Karstlandschaft, durch die er im Sommer 1978 wandert (und gelegentlich auch schwimmt!), steht bei Handke für ein geahntes, immer wieder neu zu erstrebendes Heimatgefühl – in dem auch der Keim für die späteren Auseinandersetzungen und politischen Missverständnisse anlässlich der Verleihung des Nobelpreises an ihn liegt. Die Region gehörte zum mittlerweile nicht mehr existierenden Staat Jugoslawien, und dieser bildete für Handke eine mythische Kindheitslandschaft, in der die Erinnerung an seine zweisprachige Mutter aufgehoben ist. Als Angehörige der slowenischen Minderheit in Kärntnen löste sie eine Sehnsucht aus, die für Handke die literarische Antriebskraft schlechthin ist: „Karst: wie der Entwurf des Endgesichts der Erde“.

Es ist in diesen Notizen zu verfolgen, wie bei diesem Autor selbst im programmatisch beschworenen Kleinen und Beiläufigen manchmal auch eine Überreizung mitschwingt, eine Hypersensibilität, etwas Fieberndes. Handke befindet sich im Lauf eines oder mehrerer Tage in den verschiedensten Aggregatzuständen, immer herrscht auch Spannung, vor allem, wenn seine Form der Wahrnehmung bedroht erscheint. Auffällig ist, dass die Emotion des „Zorns“ bei diesem Autor durchweg positiv besetzt wird. Er ist alles andere als ein zarter Poet: „Der Erdboden war ihm, wieder einmal, zu friedlich (zu ruhig, zu unbewegt); Erwartung der Explosion“. Oder: „Manchmal waren die Menschen ganz einfach nichts, unsinnig, ein Zeug vor ihm, mit ihm.“ Oder: „Wenn er nicht ruhig wahrnimmt, beschimpft er. Was er nicht wahrnehmen kann, schmäht er immerhin kräftig, als Beschwörung.“

Viele von den Notizen des Bandes beziehen sich direkt auf die Figur des Geologen Sorger im Roman „Langsame Heimkehr“, mit dem Handke 1979 eine Kehre seines bisherigen Schreibens vollzog, Spuren davon lassen sich noch in dem viel später geschriebenen Buch „Die Wiederholung“ auffinden, das diese Karst-Wanderung als Ausgangspunkt hat. Es geht um die Auflösung von Zeit und Raum in Literatur, und natürlich ist das immer ein Spiel mit hohem Risiko. Der Autor sucht in einer gegen das politische Tagesgeschäft gerichteten Erregung das klassisch Epische, das Zeitlose. Man kann in diesem Band tatsächlich bei der Entstehung von Handkes Schreib-, Existenz- und Gefühlsformen zusehen.

Peter Handke: Die Zeit und die Räume. Notizbuch 24. April bis 26. August 1978. Hrsg. von Ulrich von Bülow, Bernhard Fetz und Katharina Pektor. Suhrkamp, Berlin 2022. 308 Seiten, 34 Euro